Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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223 die Lassen von selbst aufhören, ihre Possen geltend zu machen, und das Verdienst eines guten Dichters wird trotz seines Mangels an Vorhaut seine Würdiger finden. „Stoß den Trunkenen nicht," sagt ein talmudisches Sprichwort, „er fällt von selbst." Leben Sie wohl! Frdl. (Fortsetzung folgt.) NandbemerKungeu;u dem Vortrage über „Die jüdischen Melodien". Von Dr. A. Berliner. III. ie Klagen Mer Entlehnungen aus fremden Kulten sind so alt wie der jüdische Gottesdienst selbst. Schon kurze Zeit darauf, nachdem am Sinai der Gottesmann das verheißende Wort vernommen: Wenn du dieses Volk aus Mizrajim geführt haben wirst, werdet ihr Gott an diesem Berge verehren, war der Versuch gemacht worden, einem heidnischen Kultus Eingang zu verschaffen. Später legt der strafende Prophet Jeremia dem halsstarrigen Volke das trotzende Wort in den Mund: Ich liebe Fremde und wandle ihnen »lach. Von vielen Stimmen aus den verschiedenen Zeiten des Mittelalters, die sich gegen die Einführung unjttdischer Sangesweisen in den Gottesdienst erheben, seien nur folgende angeführt: Alfasi, gegen Ende des elften Jahrhunderts, mißbilligt es in seinen» Responsum, wenn ein Vorbeter nach fremden Melodien sich umsieht, um mit ihnen die synagogalen Gebete vorzutragen. In seinen Halachoth citirt er die Erklärung eines Gaon (nämlich des Hai Gaon, Ende des zehnten Jahrhunderts), in »velcher die Liebes- und Freundschaftslieder der Araber als unstatthaft bezeichnet werden; aus jüdischem Munde sollten nur Loblieder zu Ehren Gottes gehört werden. Im Buche der Frommen wird mehrere Male gegen die Unsitte geeifert,/ neue, »»»jüdische Melodien beim Gottesdienste zu verwenden. — Duran in seinem Kommentar zu den Sprüchen der Väter berichtet, daß manche der spanischen Synagogen-Melodien aus den maurischen Gesängen stammen; sie hätten um so leichter Eingang gefunden, weil sie sehr angenehm seien und das Herz erheben. Dagege»» seien die in Frankreich üblichen synagogalen Melodien mehr den musikalischen Gesetzen konform und man wisse von ihnen nicht, ob sie überliefert seien oder aus anderen Kreisen herstammen. Profiat Duran in der Vorrede zum Maase Efod unterscheidet die an den ernsten Bußfesten üblichen Melodien, welche jüdischen Ursprungs seien, wohl nicht kunstgerecht, aber eindrucksvoll auf die Zuhörer wirken, und die für die Gesäuge an ailderen Tagen bestimmten Melodien, welche den nichtjüdischen Kreisen entlehnt sind. Sie seien daran erkennbar, daß bei ihnen keine Rücksicht auf den Text, dem sie untergelegt sind, genommen ist, indem sie nur mit ihren musikgerechten Tönen imponireu wollen. Der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts blühende Dichter Menachem Lonsano, ein Feind der Philosophie und Freund der Kabbala, entschuldigt sich, daß er seinen geistlichen Dichtungen arabische Melodien angepaßt habe, weil diese vorzüglich das Herz wehmüthig stilNmen. Daher wünsche er auch nicht, daß seine Poesien am Sabbath und Festtag vorgetragen »verden, damit die Freude des Tages hierdurch nicht getrübt werde. Im Uebrigen hält er es nicht für unstatthaft, für Gebete auch nichtjüdische Melodien zu verwenden. Gegen diese Auffasiung Lonsano's erhebt Samuel Archevolti seine Stimme und wird dafür von dem Verfasser des npn riWö (Scholien zu Maimonides großem Werke) lobend erwähnt, und zwar in der Antwort an den Arzt Menachem Noveira in Verona, der dem Lehrer darüber geklagt hatte, daß die Unsitte, fremde Lieder nach der Synagoge zu verpflanzen, in Italien immer mehr um sich greife. Alami, im Anfänge des 15. Jahrhunderts in Portugal blühend, der in seinem Moralschreiben auf die Andacht in den christlichen Gotteshäusern hinweist, um seine Glaubensbrüder wegen der Störungen ifi der Synagoge zu tadeln, warnt dagegen vor den Vorsängern, welche die Heiligkeit des Gebetes durch »»»jüdische Melodien beeinträchtigen. — Chanoch b. Jehnda in Gnesen, der in seinem Werke d'"VD den Singsang überhaupt verpönt und die Sitte, bei T DlftlD den Schluß-Kadisch mit allen Melodien des ganzen Jahres vorzutragen, stark tadelt, giebt auch sein Bedariern tiarüber kund, daß man unjüdische Melodien durch die Synagoge sanktioniren will. — Unser Bach*) hält es, wie der bereits erwähnte Lonsano, nur dann für verboten, wenn es eine spezifisch kirchliche Melodie ist, wodurch dem jüdischen Gottesdienst ein fremdartiger Charakter verliehen wird. Kleingläubige werden darin die Nemesis erblicken, daß gerade dem Bach das Leben durch seine»» Chasan verbittert wurde, der ihn durch die schändlichsten Angriffe in der Synagoge fast zu Tode kränkte. „Und hier muß ich der Orgel gedenken", spreche ich mit Herrn Profeffor Steinthal, der hierbei gesteht, daß er selbst Anfangs die Orgel in der Synagoge nicht hören mochte. Doch „die Orgel hat uns das alte Chasonus wiedergegeben und wird dasselbe erhalten »»nd unser»» Kindern vererben. Wer, der die Awaudo mit der Orgel gehört hat, möchte sie jemals wieder ohne dieselbe hören!" Das erste Geständniß ist von besonderem Werthe für alle Diejenigen, welche der Einführung der Orgel in das jüdische Gotteshaus sich noch immer widersetzen. Das Motiv aber, wodurch Herr Prof. Steinthal mit der Orgel versöhnt ist, wird nicht Jedem einleuchtend sein. Denn „das psychologische Assoziationsgesetz, welches uns zur Behauptung zwang, daß die Orgel ein kirchliches, ein christliches Instrument sei, welches die jüdische Andacht nur stören köirne", wird nicht durch die Erfahrung, daß uns durch die Orgel die alten Nigunim erhalten bleiben, aufgehoben. Herr Prof. Steinthal kann sich innig über diesen Gewinn der Nigunim freuen, wie er so oft ein herrliches jüdisches Gefühl offenbart, »venu es alten Erinnerungen gilt. Aber psychologisch betrachtet, zu Nutz und Frommen aller Derer, die Denken und Fühlen miteinander, nicht nebeneinander in Einklang gebracht haben, wie ist dies zu erklären? Hierauf kann ich nur mit den Worten meines verehrten Freundes, des Prof. Dr. D. Kmlfmann, antworten, die er bei einer ähnlichen Gelegenheit) niedergeschriebeu hat: „Er (Heller) hatte zu einer Höhe der Betrachtung sich emporgearbeitet, von der aus ihm die Religion, in der er geboren war, und die Religionen überhaupt, wie verschiedene Gipfel in der nebelumzogenen Niederung sich z»i erheben schienen. Alls dem reinen Berges-Aether des freien Denkens, in dem er die großen Lehrmeister und Gla»»bensstifter der Menschheit wie hellstrahlende Sterne in gleich liebender Verehrung umfaßte, schien kein Weg zurückzuführen indas stille, weltverlorene Thal, aus dem der Knabe die Wanderung zum Gipfel angetreten hatte. Aber so groß war die Macht seines Gemüthes, so unerschöpflich der Reichthum seines Herzens, daß noch dem Manne die Augen in Thränen schwaminen, wenn ein ab- 1) D. i. Joel Sirkes, nach seinem Werk n"3 (LNN 1T2) Bach genannt; bei Prof. Steinthal wird (Note >) zufälliger Weise bald nach Joel Sirkes auch Johann SebastianBach mit seinen Kirchenliedern erwähnt. 2) VorredeznmBuche S.Heller's: Die echten hebräischen Melodien. S, VI.