Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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8dieser Woche nur eingesperrt, aber heiter von Kopf und froh vor: Gemüth. — Dieser Hamann war der erste berauschte Noah, det meines Wissens die benebelnde Sprache unter uns Deutschen in Umlauf brachte, Hippel war sein Erstgeborener und Zögling. Dieser erzeugte, nicht ohne Zuthun Herders, den Riesen I. P., und von diesem ist die Welt bevölkert worden. Dieser Stil hat, wie die Arabeske, etwas Blendendes, Ueberraschendes, das aber mit der Zeit theils ermüdet, theils das Gemüth unbefriedigt läßt. Auch ist es nicht wahr) daß er so schwer sei. Es gehört nichts dazu, als eine dreiste Stirne, etwas Witz, eine Menge Lexiea und eine Flasche Portwein. Kommen einige dienstfertige Rezensenten dazu, so ist der Ruf gegründet. Und eben weil die Komposition solcher Schriften leicht ist, finden sich so leicht Nachahmer, welche, weil sie gewöhnlich übertreiben, immer dunkler urH dunkler werden, so daß sie — ich bin es überzeugt — in einigen Jahren ihr eigenes Geschreibsel nicht verstehen. Die Arabeske artet in Karrikatur aus Welch einen Schaden dies besonders der schönen Litteratur bringt, brauch' ich Ihnen, mein theurer Freund, nicht erst zu sagen. — Zur Unterhaltung in meinen Leiden hatte ich mir das Konversations-Lexikon bringen lassen und, soll ich sagen glücklicher oder unglücklicher Weise, der Artikel: Goethe fiel mir in die Hände. — Das Buch wird großen Schaden anrichten, indem es nicht allein die Halbwisserei vermehren, sondern auch den reinen Geschmack vollends mit Stumpf und Stil außrotten wird. — Wer der d. d. sein mag, der diesen Artikel verfertigt hat? Und soll ich Ihnen die Wahrheit gestehen, ich glaubender Verfasser hat die Anbeter des wirklich großen Dichters perstfliren wollen. Es ist mrr vorgekommen, als wenn unter den Weihrauchsäulen sich ein feiner aber doch bemerkbarer Duft von Assa Foetida hinaufzieht, der den Kontrast um so schneidender macht. — So sollen seine Nasen in dem Eeau de mille fleurs den Hauptbestandtheil . . . durchriechen. Verzeihen Sie immer ben etwas derben Ausdruck. Unmöglich kann es d. d. ernst meinen, daß in Goethes Lustspielen Shakespeare, in Herrmann und Dorothea Homer, in den Vögeln Aristophanes unverkennbar sei. Nun vollends Faust? „In diesem unsterblichen Werk, gegen den keine Nation etwas Gleiches stellen kann (das unterschreib ich von ganzem Herzen), sei das Höchste und Tiefste, das Lieblichste und Rührendste, was eine menschliche Brust bewegen kann, niedergelegt, durchdrungen von der tiefsten Poesie, allseitig wie das Leben selbst (wenn mir doch einer nn deutliche Begriffe dieses auflösete), wird man von einem -Zauber rm Innersten ergriffen. Darüber ist auch bei Allen, die so etwas zu verstehen und zu fühlen fähig sind, nur Eine Stimme." — Ich gestehe es ganz aufrichtig, dieses Urtheil ist entweder Ironie oder ich bin ein fühlloser Dummkopf. — Theuerster Herr Studien-Direktor, erzeigen Sie mir wenigstens die Freundschaft, Sie, kunsterfahrener Mann! mich über die Raphaelschen Szenen zu verständigen, von welchen es heißt: „Selbst jene Szenen, wo Höllen-Breughel dem Dichter vorgeschwebt zu haben scheint, sind hier — im Faust — ebenso nothwendig als die, die uns an Raphael erinnern." Nein! das ist baare Ironie. — Ueberhaupt ist in der Charakteristik G—s so viel Dunkles, daß ich, je öfter ich sie überlese, je mehr mich überzeuge, daß ich sie — um auf das Gelindeste mich auszudrücken — gar nicht verstehe. „Alle, die ihn kennen, wissen, daß er eigentlich ein wahrer Heide sei. In seiner Jugend zog er das alte Testament dem neuen vor, in seinem Christenthum bald sehr indifferent, bald sehr schwankend. Das konnte ihn freilich auch bald dahin bringen, dem Katholizismus die — poetische Seite abzugewinnen." Oder eine andere Stelle: „Die Aesthetik erschien in der größten denkbaren Würde als Vollenderin des Lebens und der Philosophie". — „Mit der Aesthetik ergriff man demnach auch die Religion, ja man konnte nicht religiös sein, ohne ästhetisch zu sein, und eine schöne Seele sich nur in dieser ästhetischreligiösen Innerlichkeit bewähren. Wer sieht es nicht, daß dem Protestantismus hiemit der Stab gebrochen war!" u. s. w. — Ich mag diese und hundert andere Zeilen überlesen, so oft ich will, ich kann durchaus keinen Begriff damit verbinden, mit einem Wort: ich verstehe sie nicht. Hat Lessing, Wieland, Lichtenberg, Musäus, Engel so geschrieben? Ja, schreibt Goethe selbst so? Ich lese Wörter, keine Worte; ich sehe unbestimmte Umrisse, keine Figur. — Und das soll Stil eines Konversations- Lexikons sein? Daraus soll unsereins die Sprache der gebildeten Klasse sich aneignen lernen. — Alles dies ist, mein theurer Freund, ein Wort — ins — Ohr; aber Männer Ihresgleichen sollten doch ernsthaft die Stimme erheben und eine Jedermanns-Sage daraus machen. Oder habe ich Unrecht? In Berlin bin ich auf ein paar Stunden seit meiner Rückkehr von Reisen gewesen, und auch diese bin ich nicht aus meiner Stube gekommen. Ich weiß Ihnen nicht eine einzige interessante Notiz mitzutheilen. — Lessing, Abbt, Zimmermann mit neuen Vorreden und Einleitungen versehen! wo denken Sie hin, m. t. Freund, alle solche Männer sind für unsre Jünglinge antiquirt, und eher wollte ich einen Bürger bereden, seinem Jungen das Perrückenmacher-Handwerk lehren zu lassen, als einen Buchhändler, solche Bücher neu aufzulegen. — In einem unsrer neuen Lehrbücher der Aesthetik wird geradezu erklärt: Engels Rede auf Friedrich II. sei eine Schulübung, Machwerk eines Knaben: da haben wir's! — Den ägyptischen Priester erhalten Sie anbei. Lieber wäre es mir, wenn Sie mir gelegentlich etwas Anderes in Bronze dafür schickten oder irgend eine oder ein paar interessante Zeichnungen (nur keine Landschaften, deren habe ich genug). Es wird sich wohl etwas der Art finden, da es damit keine Eile hat Indessen stelle ich dieses Alles Ihrem Belieben anheim. Auch ich wünschte, ein anschauliches Zeichen von Ihnen, mein verehrter Freund, zu besitzen, obschon die angenehmen Stunden in Carlsbad und Dresden solcher Erinnerungsmittel wahrlich nicht bedürfen. Dieser Brief sollte vor 8 Tagen schon abgehen, allein ein zweiter Anfall von Podagra am bis dahin gesunden Fuß hat mich ins Zimmer gebannt, und es ist heute der 1b. Tag, daß ich nicht weiter als vom Sessel nach dem Bette und zurück mich bewegt habe. — Aber immer heiter und froh, ohne Kopfleiden, und so lange mein Kopf — der Tröster in Beschwerden — froh ist, kann ich über körperliche Leiden so ziemlich Herr werden. Was sagen Sie zu dem neuen crypto-katholischen Buche, das dem seligen (?) Oberhofprediger Baron von Stark zugeschrieben wird. Ich möchte es wohl lesen, denn ich kenne es nur aus der Leipz. Litteratur- Zeitung: Was sagt der ehrwürdige Ammon dazu? — Ich werde diesem edlen Mann nächstens schreiben, wenn ich diese Angriffe gegen unsere protestantischen Heroen erst gelesen haben werde. Haben Sie die Gewogenheit, mein Andenken bei ihm zu erhalten und erinnern Sie sich auch meiner von Zeit zu Zeit. — Ich verehre und schätze Sie. Friedländer. N. S. Sehr angenehm war mir Ihr beifälliges Urtheil, mein geschmackvoller Freund aus der alten Zeit, über meines Landesmanns R .... t Gedicht. Der junge Mann besitzt Fleiß und Bescheidenheit, und schon deswegen trau' ich ihm viel Gutes zu, ohne mir indessen selbst ein Urtheil anzumaßen. Ich kenne seine Arbeiten viel zu wenig, und muß auch wohl wie der alte Barstlai sagen: „in meinen Jahren hört mein Ohr nicht mehr den edlern Ton der Sänger und Sängerinnen." Aber prophezeien kann ich ihm, daß er schwerlich Gnade finden wird in den Augen unserer neuen Aristarchen — Er ist ihnen gewiß zu nüchtern, zu klar, ohne alle Potenz und ohne alles Gemüth, und wie die Scharwenzelworte sonst heißen. Ueberdem hat er einen Makel mit aus die Welt gebracht, und diesen wäscht kaum die Taufe ab, er müßte denn katholisch werden. Mit einem derberen Worte gesagt: er ist ein Jude, und seine Verse Schacher- und Juden-Waare, die nun ein für alle Mal auf dem Parnaß unserer christlichen Aesthetiker Konterband ist. Davon können sich Männer Ihres Geistes und Herzens freilich keinen Begriff machen und man kommt leicht in Verdacht der Uebertreibung. Allein dem ist nicht also. — Wenn unsere neueren Schriftsteller ihre Lesereien anziehend machen wollen, so müssen sie sie mit Gemälden von Juden ausstaffiren. Fragen Sie einmal, was unsere jungen Männlein und Weiblein ins Theater lockt, was in den Romanen am mehrsten anzieht, was unseren Reisen die höchste Würze giebt: die Juden in allen Abstufungen; besonders müssen die Karrikaturen der israelitischen Elegants herhalten, obschon sie die Lächerlichkeiten mit allen Pflastertretern gemein haben. — Merkels neuer alte Freimüthige soll wenig Leser haben. Lassen Sie ihn nur erst einen Briefwechsel israelitischer Schöngeister und Schöngeisterinnen ankündigen, so wird das Blatt reißend gehen. — Der arme Mann ist mehrere Jahre von Berlin weg gewesen und ist nicht a la hauteur. Zu seiner Zeit schämte man sich solcher Darstellungen, und eben darum, daß die preußischen Juden und Jüdinnen seit zehn Jahren — so lange ist Merkel abwesend — Beweise ihrer Perfektibilität abgelegt haben, seitdem jene sich eiserne Kreuze und diese Bürgerkränze verdient haben, will die unchristliche neue Christenheit bei uns vor Aerger und Neid aus der Haut fahren. Indessen, wenn meine Religionsgenossen nur ferner die Klugheit beobachten, zu allem diesem zu schweigen und sich Mauschel und Schacherer schelten zu lassen, so werden