Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
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-»V*. 231 von litterariscken Erscheinungen, besonders von jenem eigenartigen Verhältniß der Vertreter der älteren Lessing'schen Periode zu der neueren Goetheffchen, ist in den nachfolgenden Briefen die Rede. Die Originale der Briefe, sowohl derjenigen Böttigers (siehe unten) als derjenigen Friedländers sind in Band 51 der großen Böttigerschen Briefsammlung, welche die König!, öffentliche Bibliothek in Dresden verwahrt, enthalten, und mir von der Direktion der genannten Bibliothek zur Benutzung freundlichst überlassen Mördern Wenn diese Briefe" indessen hier eine Stelle finden, so verdanken sie dies nicht blos dem Umstande, daß sie von einem Juden und einige wenige an einerr Juden geschrieben sind, sondern hauptsächlich dem, daß sie neben den bereits angeführten Gegenständen mit großem Nachdruck auf jüdische Verhältnisse und Stimmungen vergangener Zeit Rücksicht nehmen. Aber sie erlauben, man darf wohl sagen leider, nicht blos einen Rückschluß auf vergangene Zeiten, sondern erinnern in ihren Bemerkungen und Klagen in überaus merkwürdiger Weise an Erlebnisse und Ereignisse der Gegenwart. Schon aus diesem Grunde, ganz abgesehen von ihrem literarischen Werthe, dürsten sie das Interesse der jetzt lebenden Generation Hervorrufen. Ich lasse nun die Briefe Friedländers, soweit sie allgenleineres Interesse haben, folgen, gebe von den weniger interessanten Briefen kurze Inhaltsverzeichnisse und stelle der kleinen Sammlung den einleitenden Brief Böttigers an Friedländer voran, der zur Charakteristik des zwischen beiden Männern herrschenden Verhältnisses wichtig ist. Nur kurz mag noch darauf hingewiesen werden, daß die Bekanntschaft, vielleicht durch jene Elise veranlaßt, wohl in Karlsbad geschlossen wurde, und daß es wohl leicht möglich ist, daß beide Männer schon Jahre, bevor ein brieflicher Mrkehr zwischen ihnen begann, persönlich und gewiß dem Rufe nach einander kannten. Der erste Brief Böttigers lautet folgendermaßen: I. Böttiger an Friedländer. Dresden, den 23. August 1816. Mein wahrhaft hochgeschätzter Freund! Sie haben sich meiner von Charlottenburg aus so früh und mit so mannigfaltiger Spende der Freundschaft erinnert, daß ich über einen Berg von unbeantworteten Briefen wegsehend sogleich zur Beantwortung Ihres lieben Briefes schreite. Die schreibende Hand gehört zunächst dem Körper an. Also von diesem zuerst. Der Gebrauch des Carlsbades hat für mich nur unangenehme Folgen gehabt. Wohl Ihnen, mein edler Freund, daß Sie auf einem freundlichen Landsitze mit zwei unvergleichlichen Frauen noch Supplemente bearbeiten konnten, an die ich hier nicht denken durfte. Berufsgeschäfte und Zerstreuungen aller Art — letztere besonders durch die blos gaffende Neugier unverständiger Reisender — hätten mir gar den Rest, meiner Gesundheit und Geduld geraubt. Dahin soll es aber nicht kommen. Ich will mir von den Widderstatuen, die in ganzen Reihen vor den Tempeltrümmern in Oberägypten stehen, eine tüchtige Dosis Stoßkraft als antiquarischen Suceurs verschreiben. Sie haben mich durch die Uebersendung des gewichtigen bronzenen Dickpfennigs auf Held Blücher gar sehr zu Ihrem Schuldner gemacht. Es bleibt dgbei, daß ich die durch keinen Löwenkopf im Rücken der Lüste motivirte Kralle weggewünscht hätte, so charakteristisch sie auch übrigens sein und daher allgemein gefallen mag. Aber das Ganze ist sehr brav gedacht und ausgeführt. Wird Ihr Herr Kollege, den ich auf seiner Durchreise hier noch sprach, meinen Rath befolgen und eine Beschreibung nebst Kupfertafel an Cotta für's Morgenblatt schicken, weil es die gelesenste Zeitschrift ift? Wer uns zu den Heroen unserer Litteratur, zu welchen Ihr Freund Mendelsohn auf dem oberen Sitze gehört, mit solchen Vorreden und Einleitungen zurückführt, wo Sie den Phädon versetzten, verdient in diesem gräulichen Wirrwarr unserer Modeleserei und sich überkletternden Philosophie unfern wärmsten Dank. Ich habe schon im vorigen Jahr bei einer.Uebersicht des neuesten Gewinns der Litteratur in der Allgemeinen Zeitung auf diese Ausgabe aufmerksam gemacht. Sonst recensire ich nirgends. Aber es ist ein achtbarer Kern im deutschen Volk. Der liest, ohne auf Rezensentenlob zu achten. Möchten Sie doch auf ähnliche Weise der Wiedererwecker mancher jetzt überflutheten Kernschrift werden. Lessings Erziehung des Menschengeschlechts, Abbt vom Verdienst, Zimmermann vom Nationalstolz sollten Sie uns kommentiren und mit Einleitung herausgeben. Gern zahle ich an unfern Caskel zwei Dukaten für den ägyptischen Priester in Bronze, den ich bei ihnen im Carlsbade sah. Mehr ist er nicht werth. Aber es würde mir Freude machen, ihn durch Sie zu erhalten. Empfehlen Sie mich Ihrem trefflichen Sohn und bleiben Sie mein Freund. Nie vergesse ich die genußreichen Stunden, die Sie mir in diesen! sonst so verdrießlichen Sommer würzten. Im Künftigen, wenn die Parze zu spinnen nicht aufhört, sehen wir uns auch von Angesicht wieder. Mit wahrer Hochachtung der Ihrige Boettiger. Herr Robert hat mir sein Gedicht vorgelesen, so weit es fertig war. Es muß, wenn wir nicht ganz verweichlicht sind, großen Eindruck machen. Ich wollt. Sie sehen unsere Ausstellung, Kügelgen's sterbende Madalena, Matthäi's Abendmahl, Klingel's Sturm. Glauben Sie nicht, daß man in Leipzig der Catalani absichtlich unschön gethan habe. Sie war durch Briefe aus Paris übel gelaunt und nahm sich wirklich gegen die Leipziger wie ein verzogenes Kind unartig. Was sagt man von der neuen Konstitution für Ihre Monarchie? Was ist die schmackhafteste Zeitfrucht in Ihrem Kunst- und Litteraturgarten in Berlin? Ich erfahre ehr wenig von dort her. Die in dem vorstehenden Briefe erwähnten Personen und Dinge bedürfen kaum einer weiteren Besprechung. Den Ruhm der Sängerin Catalani, 1782—1849, die ganz Europa bereiste, 1816 zum ersten Male nach Deutschland kam und auch dort phänomenale Erfolge davontrug, kennt auch noch das gegenwärtige Geschlecht. — Friedländers Sohn ist Benoni F., der weder des Vaters jüdische noch litterarische, sondern nur seine antiquarischen Neigungen theilte. - Die von Böttiger erwähnte Ausgabe von Mendelsohns Phädon ist die 5. Auflage des Buches, veranstaltet von Friedländer 1814. Böttigers Artikel darüber in der „Allgemeinen Zeitung" ist im Jahrgange 1815 nicht aufzusinden, weder in dem Briefe über die Ostermesse 1815, Berlin 22. Juli, noch in der Uebersicht über die neuesten Erscheinungen (Anfang November), von der freilich nur die 2 ersten Nummern erschienen. Robert ist natürlich Ludwig R., der Bruder der Rahel. Gemeint ist höchstwahrscheinlich sein aus 12 Gedichten bestehender Cyclus „Kämpfe der Zeit", der im Jahre 1816 in Stuttgart bei Cotta erschien. — Daß die Briefe Böttigers im Original, nicht etwa im Konzept, in seinen! Nachlaß sich befinden, darf nidjt Wunder nehmen. Der schreibselige Mann, der, da er selber nicht sehrdiskret war, Indiskretionen fürchtete, ließ sich, alsbald nach dem Tode seiner Korrespondenten von deren Erben seine Briefe zurückgeben. Dies geschah auch in unserm Falle, obgleich B. den Berliner Freund kaum ein Jahr überlebte. Aus einem Briefe Gottl. Friedländers, des Enkels von David, an B. (6. Juli 1835, Germ. Mus.) ergiebt sich nämlich, daß damals auf Böttigers Wunsch 7 seiner Briefe an D. Fr. nebst 2 Anlagen ihm zurückgesendet wurden. II. Friedländer an Böttiger. Charlottenburg bei Berlin, den 10. September 1816. Hochgeehrter, sehr geschätzter Herr und Freund! Ihren schönen Brief habe ich auf dem Bette erhalten Von einem Invaliden erwarten Sie keinen Tanzmeisterbrief. — Ich stehle mir den Eingang des Briefes von dem alten Hamann, meinem Landsmann, und habe dazu die gegründetsten Rechte; am Sprunge soll es indessen nicht fehlen: sind denn aber alle Springer auch Tänzer? Seitdem ich das Vergnügen hatte, an Sie, mein geehrter Freund, zu schreiben, liege ich in den Banden des Podagra's, in den ersten Tagen sehr leidend, seit