Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Man sieht, fügt Herr Davidsohn Lewi diesem Schreiben bei, welches in der Vertheidigungsschrift: „Otworseno Pixmo-Bolgaria ne e mesto za Antesemitete“; „Offenes Schreiben — Bulgarien ist nicht der Platz für Antisemiten —", zum Schluß abgedruckt ist, deutlich, welche Ziele jene schamlosen Anschuldigungen gegen die Juden verfolgen. Man würde aber eine Unwahrheit begehen, wollte man N.Mitakoff : mit einem anderen Maßstab messen als seine Konsorten an der Donau, an der Spree und Seine. Wie Jene will er die Juden berauben oder beraube» lassen, um mit ihrem Gelde und sonstiger jüdischer Habe in raubritterlicher Weise sich zu bereichern und sich obendrein durch anarchistischen Thatendrang hervorzuthun. Im Interesse der Bulgaren liegt es, derlei Dinge nicht aufkommen zu lassen und die Ruhe des sonst auch bedrohten Ländchens nicht zu stören. Mit den Juden fängt man zwar an, aber mit den Christen hört man auf. Dieses erkennt wohl jedwede bulgarische Regierung, ob sie liberal oder konservativ, austro- oder rufsophil ist. Und dieser Gedanke wirkte auch bei dem so mysteriösen Blutprozesse in Wrazza mit, daß der Staatsanwalt mit seiner ausgeprägt antisemitischen Wahrheitsliebe durch einen Substituten ohne dieselbe ersetzt wurde. Wir sahen bereits den obigen Grundsatz in Wrazza sich so glänzend bewähren, denn die Wrazzaer Ehrenantisemiten begannen kaum mit den Juden, als zwei bulgarisch-orthodoxe Unschuldige ihr Leben lassen mußten. Die Arguinente sprechen mehr als alle Druckschriften und Bertheidigungsbroschüren der Sofiaer Gemeindeältesten. Bethören läßt man sich leicht von Thorheiten, an die man glaubt, und die einfachsten Wahrheiten setzen das nüchterne Denken voraus! '»SÄr 3itr Charakteristik Navid Friedlander s. (Ungedruckte Briefe 1816-1820). Bon Prof. Dr. Ludwig Geiger. ^[ii wiederholten Malen habe ich versucht, die Aufmerksamkeit der jetzt lebenden Generation auf David Friedländer zu lenken, zuletzt in meinem Buche „Vorträge und Versuche", Dresden 1890. Die Vorliebe, die mich zu diesem Manne hinzieht, ist nicht Hervorgerufe» durch seinen schwächlichen und verfehlten Versuch, eine Einigung zwischen Judenthum und Christenthum herbeiznführen, der sich in seinem bekannten und berüchtigten Sendschreiben an Teller findet — einen Versuch, der übrigens keine Charakterlosigkeit bekundet, sondern nur die Sehnsucht des gebildeten Juden, der sich nicht allein von Aemterii und Würden, sondern von der Gesellschaft ausgestoßen sah und kraft der Kultur, die er sich angeeignet hatte, einen Platz in dieser Gesellschaft begehrte, die ihn lockte, obwohl sie ihn verdrängte — sondern durch die Klugheit und Energie, mit der er für die Emanzipation der Juden focht, bis er sie endlich durchsetzte, durch den verständnißvollen Eifer, mit dem er eine Reform des Gottesdienstes betrieb, durch den Bildungsenthusiasmus, der ihm zeitlebens innewohnte. Dieser Bildungsenthusiasmus ist nicht zu verwechseln mit dem der Bildungssucht, die manchen Juden und Jüdinnen jener Zeit und vielleicht auch der späteren zuzuschreiben ist. Diese Sucht zeigt alle Gebrechen einer Modethorheit und veranlaßt ihre Bekenner nicht aus innerer Neigung, sondern der jeweiligen herrschenden Richtung zuliebe, allem Neuen, das gerade aufkommt, zu folgen; jener Enthusiasmus bleibt konsequent, einseitig, vielleicht halsstarrig in seiner Liebe und in seinem Haß. Daher kam es, daß Friedländer, obwohl er ein Zeitgenoste Goethe's war, und obwohl er in einem Kreise lebte, in dem die Goethe-Schwärmerei zum guten Ton gehörte, ja obwohl er durch Zelter's Vermittelung mit Goethe selbst in gelegentliche Berührung kam, niemals ein Goethe-Schwärmerwürbe. Er soll sogar, wie der handschriftliche Bericht Garlieb Merkels besagt, eines Journalisten am Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts, von dem in den nachfolgenden Briefen die Rede sein wird, nebst Engel, einem seiner Intimen, den genannten Gewährsmann zu immer neuen Angriffen gegen Goethe und gegen die Weimarer Klassiker angeregt haben. Die Meisterwerke Goethe's ließen ihn kalt, und für besten überschäumende Jugendprodnkte erlangte er niemals das rechte Verständniß. Zeitlebens verharrte er auf dem Standpunkte der Mendelssohn-Lessingschen Zeit und ließ eigentlich nur jene Beiden als deutsche Schriftsteller und deren Zeitgenoffen als Vertreter der goldenen Zeit gelten. Bei dieser Stimmung mußte ihm eine Bekanntschaft mit C. A. Böttiger willkommen erscheinen. Dieser (1764—1835), ein gelehrter Archäologe,. ein vielseitiger und verdienter Philologe und Pädagoge und. ein Journalist von einer fast unheimlichen Betriebsamkeit, war das Haupt der Fronde gegen Schiller's und Goethe's Majestät. Ursprünglich, in den erste» zehn Jahren seines Weimarer Aufenthalts, wo er Direktor des Gymnasiums, Ober-Konsistorialrath, wirklicher Leiter der unter dem Namen Bertuch's und Wieland's herauskommenden Journale gewesen war, mit Goethe liirt, gern als Posaune benutzt und als Orakel in archäologischen Dingen viel befragt, verdarb er es mit ihm durch Klatschereien. Seitdem suchte er, sowohl in den letzten Jahren seines Weimarer Aufenthalts, als in der langen Zeit, da er, nachdem der Versuch, ihn nach Berlin zu ziehen, fehlgeschlagen war, in Dresden lebte, alle Unzufriedenen um sich zu sammeln, und war vielleicht schon aus diesem Grunde froh, die Bekanntschaft des angesehenen und gebildeten Berliner Stadtraths zu machen, dessen Judenthum ihn, den aufgeklärten Mann, nicht störte. Als Förderung der Bekanntschaft beider Männer trat aber ein persönlicher und sachlicher Umstand hinzu. Der sachliche war das gemeinschaftliche Interesse Beider für alterthümliche Reste, Bronzen, Münzen und dergleichen, der persönliche: Beider innige Verbindung mit Elise von der Recke. Diese, die in den nachfolgenden Briefen als Freundin oder kurz als Elise bezeichnet wird, war eine merkwürdige Frau, deren schriftstellerische Leistungen, Gedichte, Briefe, Reisebeschreibungen heute ziemlich veraltet sind, deren Bedeutung für jene Zeit aber keineswegs gering angeschlagen werden darf. Sie ist geboren am 20. Mai 1756 gestorben am 13. April 1833. Sie war eine vornehme Frau aus einem altadligen kurländischen Geschlecht«, dem des Grafen von Medem, lebte aber seit der Scheidung von ihrem Gatten fast ununterbrochen in Deutschland, theils in Berlin, theils in Dresden, theils i» Löbichau am Hofe ihrer Schwester, der Herzogin von Kurland. Als eine feinfühlende aufgeklärte, im geistigen Schwelgen allein sich wohlfühlende Frau wußte sie überall die gebildete Gesellschaft an sich zu feffeln. Besonders bekannt wurde sie durch ihr inniges Zusammenleben mit Tiedge, dem Dichter der heute mehr genannten als gelesenen „Urania", ein Zusammenleben, das wohl niemals leidenschaftlich war, jedenfalls die Jahre heftigen Begehrens weit überdauerte. Eine gewiffe Berühmtheit erlangte sie durch ihre Enthüllung des Betrügers Cagliostro 1787, durch die sie den Ruf jenes in der vornehmen Gesellschaft ganz Europas Aufseheg erregenden Schwindlers zu Nichte machte. Von archäologischen Dingen, mit denen sich der Dresdner und Berliner Freund als Berufsgelehrter und Dilettant beschäftigten, Hül