Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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31$ Während wir in vergangener Woche von einem Prozeß in Mannheim zu berichten hatten, in dem die Bekämpfung der Juden als Anreizung zun» Klassenhaß bestraft wurde, haben wir heute von einem Prozeß in Schneidemühl zu berichten, wo dieses Motiv nicht anerkannt wurde. Vor der Strafkammer des Schneidemühler Landgerichts fand am 4. d. M. die Verhandlung gegen den Deckoffizier a. D. Hans von Mosch aus Steglitz, antisemitischen Reichstagskandidate» für Meseritz-Bomst und Schlochau-Flatow statt, der beschuldigt war, durch eine am 27. November des vorigen Jahres in Schneidemühl gehaltene Rede i» einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Bevölkerungsklafsen zu Gewalthätigkeiten gegen einander öffentlich aiigereizt zu haben. Herr von Mosch wurde freigesprochen, weil bei den widersprechenden Zeugenaussagen der Wortlaut des unter Anklage gestellten Satzes sich nicht genau feststellen ließ und falls der Satz wirklich im Sinne der Anklage gelautet habe, der zur Bestrafung erforderliche Dolus nach Ansicht des Gerichtshofes gefehlt habe! $ Das offizielle Organ der deutsch-konservativen Partei, die „Konservative Korrespondenz", sieht sich veranlaßt, zur Abwechslung einmal etwas gegen (!) den Antisemitismus zu unternehmen und schreibt: „Herr Ahlwardt kündigt neue „Enthüllungen" an. Werden unsere Staatsbehörden...... den Ahlwcirdtschen Unfug wieder sich zum öffentlichen Skandal auswachsen lassen? Schon die Andeutungen des genannten Agitators dürfen unseres Erachtens genügen, um ihn deshalb zur Rechenschaft zu ziehen, bevor er seine Mrdächtigungen, von denen doch immer „etwas hängen bleibt", in weite Volkskreise zu tragen vermag." Es handelt sich nämlich um einen Kampf gegen die Rentengüter, also auch gegen die Großgrundbesitzer — daher der Zorn der Konservativen! Aber wie denkt sich denn die „Kons. Korr." das Vorgehen gegen Ahlwardt, der mit konservativer Hilfe und auf ihre Empfehlung in den Reichstag gelangte? Es wird dem Organ der konservativen Partei durch diesen neuen Schachzug übrigens nicht gelingen, den Ahlwardt von den Rockschößen der Tivoli-Konservativen abzuschütteln — die „lieber zehn Ahlwardts als einen Freisinnigen" haben wollten — und ihn der Regierung anznhängen, die bekanntlich im Reichstage die Konservativen gewarnt hat, sich des Antisemitismus zu bedienen. Wer bulgarische Antisemitenführer. Von Dr. R. Vierer. Sofia, 5. Mai. ie Residenzstadt des bulgarischen Fürstenthums eignet sich wohl schlecht zur Anzettelung von Unruhen im Allgemeinen, wie von solchen gegen Juden insbesondere; obschon es wohl kein Geheimniß mehr ist, daß zahlreiche Keime für beiderlei Ereigniffe in Hülle und Fülle hier vorhanden sind. Unser Antisemitenhäuptling, der Straßenpflasterer Mitakoff, welcher ein bulgarisches Hetzblatt, betitelt „Bulgarien ohne Juden", gründete und jüngst in bekannter Manier das Märchen von dem geraubten Christenmädchen auftischte, wurde dieser Tage wegen Aufreizung zum Klaffenkampfe unter Anklage gestellt und sofort verhaftet. Die Vorgeschichte dieser Verhaftung wird Sie gewiß interessiren. Am Donnerstag vor dem Paffahfeste kam die Frau eines Gemeindekommiffärs in die Spezereihandlung Bakalnitza der Gebrüder Benbaca, um dort die nöthigen Spezereiwaaren zu kaufen. Als der t Einkauf besorgt war, stellte die Betreffende an den Kaufmann die Frage nach ihrem Kinde. Diese Frage wiederholte sie einige Male mit ungeberdigenr Verlangen und beschuldigte dann Benbaca, daß er ihr Kind zurückhalte, um es „für die Feiertage zu schlachten", worauf die Frau sich zu Boden warf und eine» Lärm schlug, daß die breite Straße des Boulevard Dondokoff sich alsbald mit Menschen füllte. Aber im Hintergründe der bereits in Erregung begriffenen Maffe sah man auch schon de» bewußten Mitakoff. Zum Glück hatte sich das Kind mit seinem Begleiter aber nur in eine Nebengaffe verirrt, wurde von dem wachehabenden Gendarmen bald aufgefunden, worauf erst die Versammelten wieder auseinander gingen. Jndeffen wurde seitens der jüdischen Repräsentanz Schritte beim Gradonatschalnik, dem Polizeikommandanten und dem Ministerpräsidenten Vorstellung über die Sache gemacht und die Betreffenden gaben ihr Versprechen, streng darüber zu wachen, daß keine Ausschreitung stattfinde. Natürlich verstummte das Murren unter dem Pöbel noch nicht, und letzterer hält die Geschichte aufrecht, nur meint er, daß die Kürze der Zeit zu den Paffahfeiertage» einerseits, wie die Fürsorglichkeit der Mutter andererseits einen neuerlichen „Ritualmord" verhütete. Zu dem Hauptfaiseur des Antisemitismus zurückkehrend, bemerken wir. daß die Maßnahmen des Rabbiners Herrn Dr. Grünwald, denselben durch Heransgeben einer Gegenschrift zu bekämpfen, kaum zureichend sind. Ging es ja dem Mitakoff nicht etwa darum, sich wie seinen Landsleuten zur Wahrheit über ein ihnen nicht geläufiges Thema zu verhelfen, sondern nur darum, gegen die Juden zu Hetzen, weil einer derselben von ihm sein Darlehen zurückverlangte! Hier möge die Uebersetzung eines Briefes des Pflasterers N. Mitakoff an Herrn Abraham Davidsohn Lew! folgen, welcher wohl geeignet ist. Licht in die Vorgeschichte dieses Apostels des Antisemitismus zu verbreiten. Der Brief lautet wie folgt: Geehrter Herr! ' Mit diesem meinem Briefchen wende ich mich an Sie, weil ich überzeugt bin, daß ich mit einem redlichen Mann, einem Mann von Ehre und dazu einem Kavalier und Gentleman zu thun habe. Bei Ihrer ehrenwerthen Firma habe ich eine sehr skandalöse Rechnung, und ist es mir eine Schande, daß ich durch dieselbe Rechnung gelangte zu dieser meiner Situation. Am 8. Januar 1889 bezog ich von Ihnen auf eine Hypothek meines Hauses in Sofia 15,000 Fr. zu 12 Prozent pro Anno und entfällt bis heute die Summe von 7200 Zinsen, das Stammkapital von 15,000, zusammen 22.200 Lew. Dieser Summe gegenüber bezahlte ich Alles in Allem 3000 Lews, so daß Sie noch bei mir mehr weniger 20,000 Lews zu nehmen haben. Dieses ist die Rechnung, welche ich mit Ihnen habe. Ihre Brüder sind hierüber aufgebracht und wollen, daß man mir das Haus verkaufe, und haben dieselben auch Recht, da ich meine Verpflichtungen Ihnen gegenüber nicht erfüllen konnte. Ich hatte faktisch wichtige Ursachen, daß ich nicht nach den Vereinbarungen verfahren habe. Wie immer es auch sei, bitte ich Sie, sich jetzt in meine Lage zu versetzen, nur auf eine bis zwei Minuten, um einen Vorschlag zu machen wie aus dieser Lage herauszukommeu, ohne mein Haus zu veräußern. Ich verlange nicht, daß Sie mir dieses Nachsehen, sondern daß nur acht Jahre gewartet und unter neuen Vereinbarungen bezahlt werde. Stellen Sie fich auf eine Minute vor, daß Sie mein Haus veräußern werden und zu Ihren Millionen (???) noch 15,000 Lews hinzufügen. Was haben Sie davon, werden nun etwa die Gebr. Dav. Lewi glücklicher sein? — Der Prophet David sagte: So Gott mit uns ist, kann Niemand gegen uns sein. (Welcher Gott ist mit den Antisemiten, daß Niemand gegen fie sein kann? Anm. d. Berichterstatters.) Vergessen Sie nicht, ich bitte Sie darum, diese prophetischen Worte, welche große Bedeutung unter uns besttzen. Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Berufen Sie mich, wenn Sie wollen, daß wir diese Angelegenheit ordnen. Mit Achtung N. Mitakoff. So weit der Antisemitenführer Bulgariens.