Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
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rund 800—900 berechnen. Es stellt sich demnach die Schätzung der Uebertritte: 1 Alte Provinzen Preußens 1816—43 3273 Seelen „ „ „ 1844-71 ca. 2000 „ .. „ 1872-78 2195 „ Neue „ „ 1816-88 ca. 800 Summa ca. 8300 Seelen. Was »un ferner den Antheil der katholischen Kirche und der Dissidenten (der einzelnen evangelischen Sekten und der Konfessionslosen) an den Judentaufen betrifft, so fehlen uns leider alle Zahlen, um ein sicheres Urtheil zu begründen, doch ist man übereinstimmend der Ansicht, daß deren Zahl viel geringer ist als die der Uebertrittz zur evangelischen Kirche. Es findet dies seinen Grund erstens in der geringen Verbreitung der katholischen Kirche in Preußen, und dann darin, daß diese nicht in demselben Maße Judenmission treibt wie die protestantische. Die Dissidenten aber sind selbst numerisch zu schwach, als daß die Zahl ihrer Proselyten aus dem Judenthum nennenswerth sein könnte. Man wird nach allem diesem die Zahl der Judentaufe» von Anfang dieses Jahrhunderts bis heute im Umi sang Preußens schon sehr reichlich bemeffen haben, wenn man 12,000 im Ganzen annimint. Diese Zahl erscheint groß, wenn, man aber bedenkt, daß ihr eine natürliche Vermehrung von 300,000 Seelen gegenübersteht, so verliert sie ihre Schrecken, und man wird sagen dürfen, daß sicher die Abfälle vom Judenthum in Preußen und in diesem Jahrhundert wenigstens recht mäßig waren. Eine Spezialität der neueste» Zeit soll es sein, daß Juden, die den Uebertritt zu vollziehen noch nicht schwach genug sind, ihre Kinder taufen lasten, aber auch hierbei hat das Gerücht sicher sehr übertrieben, denn im Jahre 1888, das in der ganzen Periode die höchsten Taufzahlen aufwies, waren es nur 39 unmündige Kinder jüdischer Eltern, die getauft wurden, in den Jahren 1885—88 im Ganzen 114 Kinder jüdischer Eltern. Dieser Faktor kommt also fast gar nicht in Betracht. Eine spezielle Stellung bei den Taufen nimmt Berlin ein. Hier sind von jeher die Taufen unverhältnißmäßig häufig gewesen, 1830-36 waren von ca. 750 Fällen allein 326 in Berlin. '1875-88 von 1901 Fällen sogar 890 in der Reichshauptstadt. So ist es seit der Mendelssohn-Periode gewesen, und gerade die ersten gebildeten jüdischen Familien Berlins, die Nachkommen der Mendelssohn und Friedländer, haben sich in erster Linie der Fahnenflucht schuldig gemacht. Bedauerlicherweise hat der Missionsprediger de le Roy Recht, wenn er schreibt: „Die bedeutenderen jüdischen Familien Preußens, in denen die Mendelssohn'sche Bewegung hernach Eingang fand, sind entweder selbst oder in ihren Nachkommen zur christlichen Kirche übergetreteu." Hiermit im Einklang steht der bekannte Brief Rahel Baruhagens an ihren Bruder, in dem sie mittheilt, in den 30 Jahren »ach Mendelssohns Tode habe sich die halbe Berliner Mische Gemeinde taufen lasten. Dem oberflächlichen Beurtheiler mußte es so erscheinen, weil die oberen Tausend zum großen Theil die jüdische Religion feig verließen, aber die Maffe des jüdischen Stammes war auch in Preußen gesund, und dürfen wir darauf Hinweisen, daß der Durchschnitt der zwei Jahrzehnte 1870—90 nicht wesentlich mehr Taufen pro Jahr aufweist als die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, trotzdem sich die Zahl der preußischen Juden seitdem verdreifacht hat. Es erübrigt noch, darauf hinzuweisen, daß unausgesetzt, wenn auch in geringer Zahl, Christen szum Judenthum übertreten, in den 14 Jahren 1875—88 im Ganzen 135 Personen, in früheren Jahrzehnten sicherlich auch verhältnißmäßig nicht weniger. Die ganze Betrachtung dürfte uns mit einem gewiffen Stolz erfüllen, wenn auch in den gebildeten Kreisen, die vom Judenthum nichts mehr Wiste», die die stolzen jüdischen Geschlechter, die reiche jüdische Litteratur nicht kennen, die Abfälle vom Judenthum zeitweilig sich steigern; die große Masse der preußischen Juden denkt doch nicht an Abfall, und die so erfreulich mit jedem Monat sich mehrenden und wachsenden Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur werden auch in jenen Kreisen dem Abfall zu steuern wissen. Nur wer die jüdische Geschichte und Litteratur, wer das Judenthum nicht kennt, denkt an den Abfall, wer aber das Judenthum kennt und doch abfällt, der thnt es fast immer aus Gründen der Selbstsucht, der ist ein egoistischer Schwächling, an dem die jüdische Allgemeinheit nichts verliert. Ale Woche. Berlin, 9. Mai. ie antisemitische Partei war bisher bemüht, einen gewiffen Zusammenhang mit der Sozialdemokratie in Abrede zu stellen. Dieser Tage haben sie doch wenigstens offene Farbe bezüglich ihrer wechselseitigen Beziehungen bekannt. Ein hiesiges Antisemitenblatt schreibt in einer gegen die „Nordd. Allgem. Ztg." gerichteten Polemik: „Die Sozialdemokratie weiß es doch am besten, wer den Acker bestellt, auf dem sie zu ernten gedenkt." Und in der That, die Sozialdemokratie weiß es! Legen doch die beiden letzten Nummern des offiziellen Wochenblattes dieser Partei dafür, daß sie es weiß, ein hinreichendes Zeugniß ab. In demselben wird ein agrarisches Programm erörtert, welches von dem auch der hessischen Kammer angehörenden Reichstagsabgeordneten Köhler (Antisemit) verfaßt ist. Dem „Sozialdemokrat" erscheint dieses Programm so bedeutungsvoll, daß er. zwei lange Artikel auf dessen Besprechung verwendet. Den meisten Forderungen des Herrn Köhler stimmt der „Sozialdemokrat" von ganzem Herzen zu, nur gegen wenige erhebt er Widerspruch. „Wendet sich doch diese antisemitische Bauernbewegung" — so stellt der „Sozialdemokrat" mit Genugthunng fest — „gegen den Großgrundbesitz." In dem letzten sozialdemokratischen Flugblatt vor der Stichwahl zwischen Köhler und dem nationalliberalen Regierungskandidaten heißt es bezüglich des Letzteren: „Die Partei der Großindustriellen „ä la Baare", der Regierung, der Streber, der höheren Beamtenschaft, der „verjudeten Gutspächter und ManschetteNbauern" ......" Den „sachlichen Inhalt" des Köhler'schen antisemitischen Agrarprogramms hält der „Sozialdemokrat" für „in vieler Beziehung einer ernsthaften Prüfung von unserer Seite werth." Aber der „Sozialdemokrat" drückt sich auch noch ganz deutlich aus, daß die Partei es wohl weiß, „wer ihr den Acker bestellt". Er schreibt wörtlich: „So bedeutet die gezeichnete Bewegung in Wahrheit einen kräftigen Vorstoß gegen die bisher in der agrarischen Bewegung maßgebenden Rittergutsbesitzer und Großpüchter . ... . Daß nur ein Theil des Bauernstandes und Niemand von. der ländlichen Arbeiterschaft gefördert würde durch derartige Reformen, liegt wohl auf der Hand. Die Loslösung dieser Schichten von der Bauernbewegung und ihr Anschluß an die proletarische kann daher nicht ausbleiben. Immerhin dürften wir auch die Wühlarbeit des blindeu Maulwurfs, der später zielbewußte, volksfreundliche Erweiterung und Ausbau der gegrabenen Gänge folgen wird, nicht unterschätzen." *