Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1894)
- Date
- 1894-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Ar. 19. Berlin. 11. Mai 1894. ettung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements»Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner S)r- Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Crpedition: Lerlin, Äernfatemersir. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind au die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Juventhuins". Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Nochmals die Massentaufen. — Die Woche. — Der bulgarische Antisemitenführer. Von Dr. R. Vierer. — Zur Charakteristik David Friedländer's. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Randbemerkuugeu zu dem Vortrage über „Die jüdischen Melodien". HI. Von Dr. A. Berliner. — Jüdische Rechtswissenschast. II. Von Dr. Saul R. Landau. — Feuilletonr Die Jüdin. Erzählung von John Pa ulsen. (Fortsetzung.) — Litterarische Mittheilurrgen. — Sprechsaal.« Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Danzig. Schlesien. Erfurt. Gießen. Frankfurt a. M.. Darmstadt. Stuttgart. Karlsruhe. München. Nürnberg. Wien. Bern. London. Moskau. Bukarest. New-Bork. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. Nochmals die Massentaufrn. Berlin. 9. Mai. ^enn es [roalfjt ist, daß die gegnerische Presse hauptsächlich von Inden gelesen wird, wie viele und sonst kluge Leute behaupten, so hat unser Leitartikel über die Fabel von den Massentaufen eine Verbreitung erlangt, an die wir auch nicht im Entferntesten gedacht haben, denn fast die ganze antisemitische Presse übte das freundliche Entgegenkommen, den Artikel wörtlich abzudrucken und so zu der Verbreitung desselben beizutragen. . Eine solche Aufnahme kann uns nur darin erniuthigen, auf der einmal betretenen Bahn fortzuwandeln und dieses überaus wichtige Thema nach allen Richtungen hin zu beleuchten. Denn nichts wirkt gefährlicher als eine solche Fabel, die von Mund zu Munde geht, die bei einem großen Diner zu einem willkommenen Anknüpfungspunkt zu einem sehr weisen'Gespräch über Religion und ethische Kultur zwischen einem ..sehr aufgeklärten" Herrn und einer „religiös zurückgebliebenen" Dame (oder auch umgekehrt) sich gestaltet, die nicht minder als ein beliebtes Thema für den geschätzten Kaffeeklatsch sich ausweist, der, wenn er einmal ins Reden gekommen ist, ganze Familien massenweise und eigenmächtig selbst tauft, ohne daß auch uur ein Sterbenswörtchen an dem ganzen Klatsch wahr wäre.: Und so hat diese Fabel oft schon verhängnißvolle Wirkungen ausgeübt. Wir halten es darum für nothwendig, sie bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen und den Nachweis zu liefern, wie unbegründet sie an sich ist und wie gemeinschädlich ihre weitere Verbreitung wirkt. , , Die Statistik bietet uns dafür eine besonders werthvolle. Hand; habe. Indem wir uns die Untersuchung darüber für ein anderes Mal Vorbehalten, aus welchen Ständen sich das Gros der Täuflinge rekrntirt, und in welchen Städten resp. in welchen Provinzen dasselbe am meisten anzutreffen ist, geben wir heute einem unserer Mitarbeiter, dem wir ,schon manche statistische Mittheilungen zu danken habe», Hrn. W. Ba mbus, zu der Fabel über die Massentaufen .selbst das Wort: In Nummer 14 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" fand ich gelegentlich einer Besprechung des Buches von de le Rov die Angabe, die Judentaufen hätten sich im Laufe dieses Jahrhunderts außerordentlich vermehrt, speziell in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht gegen die Zahlen vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Daß diese Angaben falsch seien, zeigte sich bald, da die Berechnung einen groben Rechenfehler aufwies; es lohnt sich aber überhaupt, der Sache näher zu treten, da so allgemein det thörichte Glaube verbreitet ist, als verliere das Judenthum viele seiner Bekenner durch die Taufe. Nun ist es freilich sehr schwierig, exakte Zahlen zu ermitteln, denn erstens ist die Statistik eine moderne Wissenschaft und die früher angegebenen Zahlen beruhen meist auf Schätzung, zweitens sind Daten überhaupt nur für den Uebertritt zur evangelischen Landeskirche bekannt. Indessen lassen sich doch auf Grund des vorhandenen Materials ziemlich zuverlässige Schätzungen ausführen. In den Jahren 1816—43 wurden die Taufen in Preußen gezählt und ergaben in den folgenden Zählungsperioden 1816—22 722 Fälle 1822—25 396 „ 1825—28 400 „ 1828—31 356 „ 1831-34 391 Fälle 1834—37 345 „ 1837-40 312 „ 1840 - 43 351 „ in Summa 3273 Fälle, also pro Jahr 117 Taufen auf eine jüdische Bevölkerung von durchschnittlich ca. 160,000 Seelen, darunter eine sehr große Zahl/ in Berlin, im Jahre 1825 allein 100, wie 1830- 36 zusammen 826 Fälle. Für die Periode 1844—71 fehlen allgemeine Zahlen; wir wissen nur, daß in Brandenburg und Berlin in dieser Zeit im Ganzen 752 Taufen vorkamen und dürfen nach Analogie des früheren Abschnittes dieTaufen in ganz Preußen im Maximum mit 2000 ansetzen. Von 1872 an beginnen wieder zuverlässige Zahlen. 1872—74 296 Fälle 1882 136 Fälle 1875 64 „ 1883 157 „ 1876 60 „ 1684 134 „ 1877 57 „ 1885 163 „ 1878 74 „ 1886 170 „ 1879 76 „ 1887 240 „ 1880 120 „ 1888 348 „ 1881 122 „ in Summa 2195 Fälle, also pro Jahr 129 Taufen bei einer Bevölkerung von rund 300,000 Juden. Auch hierbei ist ein enormer Prozentsatz in Berlin, in den Jahren 1875—78 von.im Ganzen 1901 Fällen allein in Berlin 890. Diese ganzen Zahlen bezogen sich auf die evangelische Landeskirche im alten Preußen resp. auf die 8 alten Provinzen; aus den neuen Provinzen liegen nur wenige Ziffern vor, von denen die bemerkenswertheste die Zahl der Taufen 1813—1876 in Hannover auf 726 angiebt; im Ganzen lassen sich die Uebertritte in Hannover, Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau mit einiger Sicherheit aus