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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-04 · Heft 18 (4.5.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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- 3 - wir im abgelaufenen Jahre blos für russische Emigranten, bezw. zu Gunsten der russischen Aktion über 47,000 Gulden verausgabt, so daß unsere Hilfsmittel nur noch 14,000 Gulden betragen." E. B. Budapest, 27. April. Die Pester israelitische Religionsgemeinde hielt am 15. d. M. ihre ordentliche Generalversammlung, welcher der Jahresbericht, der über die Ereignisse des-vorigen Jahres eingehend referirt, vorgelegt wurde Zunächst wird der von der Kultusgemeinde bewirkten großen Schöpfungen, des Tempel- und Schulbaues gedacht, welchen das große Entgegenkommen der hauptstädtischen Kommune der Gemeinde gegenüber erleichterte. Der Bericht gedenkt ferner der größeren Stiftungen und Legate: der eine Biertelmillion betragenden Stiftung Siegmund Brodys für das zu errichtende Adele Brody-Kinderfpital, der Stiftungen und Legate von Anton Freystädler (100,000 fl.), Moritz Wahrmann (60,000 fl.), Rosalie Kassovicz (75,000fl.), Bernhard Deutsch de Hatvan (11,000 fl.), Karl Kohner (11,900 fl.) u. s. w Ausführlich wird sodann über das stetig prosperirende Schulwesen, über das Wohlthätigkeitswesen referirt. Die Gesammtausgabe der Gemeinde überstieg den Betrag von 400,000 fl Das Budget des laufenden Jahres wurde mit 343,000 fl Ausgaben festgestellt — Jakob Pollak in Miskolez machte mehrere namhafte Stiftungen und Legate. Der aut orthodoxen Gemeinde hinterließ er 5000 fl., an welches Legat er die Bedingung knüpfte, die Gemeinde müsse sich innerhalb dreier Jahre zu einer Kongreßgemeinde konstituiren, den Gottesdienst mit Einführung eines Chorgesanges und Anstellung eines ungarischen Predigers regeln — In Gödöllö wurde Rabbiner Dr. Josef Klein, in Tapolcza Rabbiner Dr. Bernhard Singer feierlichst ins Amt eingeführt. — Prof. Dr. Wilhelm Bacher wird als korrespondirendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften kandidirt. > — Der König hat Adolf Roder, Lehrer an der jüdischen Volksschule! in Steinamanger, durch Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes, die Societe d’ophlhalmologie de Paris den Primararzt Prof. Dr. Wilhelm Gold zieh er, die Societe f'rancaise de dermatologie den Primararzt Prof. Dr. A. Havas durch Ernennung zu ihren Mitgliedern ausgezeichnet. — Die Miskolczer Predigerfrage, welche so viel Staub aufwirbelt, ist wieder in ein neues Stadium getreten und dürste nun eine endgiltige Lösung erfahren. Anläßlich des Kossuth-Requiems hielt Rabbiner Büchler aus Csongrad eine ungarische Rede mit so bedeutendem Erfolge, daß sämmtliche Parteien für seine Wahl warm eintreten. Türkei. --- Salonichi, 14. April. Auch bei uns kehrte die bekannte Blutanklage zu Peßach wieder! In Cavala, einer kleinen Hafenstadt in der Nähe, wurde die Anklage zu Tage gefördert. Am 7. d. M. verbreitete sich dort die Nachricht, zwei christliche Kinder seien verschwunden und die Juden hätten dieselben versteckt, wahrscheinlich „um deren Blut zu den Mazzot zu verwenden." Es bildeten sich Gruppen aus dem Plebs, welcher den größten Theil der Einwohner ausmacht, die zu den Wohnungen der israelitischen Notabeln zogen. Dort fingen sie an zu schreien, indem fie die Herausgabe der beiden Kinder stürmisch verlangten- Steine wurden geworfen, Fenster zerschlagen und es drohte eine blutige Emeute auszubrechen, wenn nicht rechtzeitig Intervention erfolgt wäre. Dank dem energischen Einschreiten der Konsularagenten, der griechischen Gemeinde und der Regierungsbehörden wurde um Mitternacht die Ruhe wiederhergestellt. Die beiden Kinder fanden sich bei ihren Eltern, wo sie ruhig geschlafen hatten. Von hier sind strenge Maßregeln getroffen worden, um die Anstifter dieser Unruhen zu ermitteln, welche hier selbst gesucht werden Äutgarien. B Sofia/^22. März Der neu gewählte Vorstand, hier „Comite synagogal“ genannt, wurde nach vielen zu überwindenden Schwierigkeiten in sein Amt eingesetzt. Was seinen Charakter anbelangt, so unterscheidet sich derselbe vom Vorgänger durch seine konservativere Richtung. Eine Verstärkung erhielt das jüdische Element im genannten Rathe durch Aufnahme des Thalmudisten und Banquiers Herrn Abraham Eschkenasi. Zwei wichtige Aufgaben müssen diese Körperschaft ehemöglichst beschäftigen neben der Regelung des Budgets, welches Dank der eingerissenen Armuth unter den Gemeindemitgliedern ins labile Gleichgewicht gerathen ist Erstens die Uebernahme der jüdischen Schule in eigene Verwaltung — da der Versuch des früheren Vorstehers Herrn Abr. Davidschoz Lewi als ganz mißglückt und den Gemeindeintentionen zuwiderlaufend sich herausstellte. Die zweite Aufgabe besteht darin, ein würdiges Gotteshaus als Centralpunkt aller Juden Bulgariens zu erbauen, in welchem der Landesrabbiner und Grandrabbin die geistliche Repräsentanz darzustellen haben wird. Bei dem Umstande, daß fast alle Synagogen^ niedergerissen wurden — und der Magistrat noch auch die letzte zu demoliren den .Beschluß gefaßt — kann nicht lange mehr mit dem Neubau gewartet werden. Natürlich wird noch eine Vorfrage, der Ritus, auszufechten sein. Wie vielleicht bekannt, giebt es hier noch ein uraltes Kahal1) Aschkanasim mit gleichnamigem Ritus, dessen Mitglieder wohl aus Deutschland und Ungarn einwanderten. Ob jene Khila sich wird ganz verdrängen und abschaffen lassen, wie es im Plane des früheren Vorstandes lag, ist sehr zu bezweifeln, was uns aber kaum berührt, denn bei gutem Willen kann der Frieden in der Gemeinde wohl erhalten bleiben und beide Ritus, wie bis jetzt, unangefochten nebeneinander bestehen Viel wichtiger berührt uns die Schule, welche die Grundsäule der jüdischen Gemeinde bildet, -und da die Gemeinde gewiß auch an den Säckel der Alliance Jsr. Univers. wie der Anglo Jewish-Association herantreten wird, möchten auch wir europäischen Juden (Aschkanasim) die Aufmerksamkeit jener zwei jüdischen Wohlrhätigkeitscentren auf die j ganz prekäre Lage unserer noch so kleinen Gemeinden lenken, welche j durch Zuzug armer Familien an Umfang gewinnen, ohne in der Lage zu! sein, eine Schule für die betreffenden Kinder aus eigenen Mitteln zu j erhalten. Unsere Bitte geht dahin, daß an den vorhandenen spagnolischen Schulen Parallelklassen mit deutschem Vortrage errichtet werden sollten, wofür der spagnolischen Schulleitung die nöthige Subvention ertheilt werde. Sollte eine derartige Propofition auf Hindernisse stoßen, so mögen uns Schulen in kleinerem Maßstabe creirt werden. Es betrübt der Anblick, wie eine erkleckliche Anzahl jüdisch-deutscher Kinder jeden Unterricht entbehren, oder aber in Klosterschulen einen solchen (unjüdischen) erbetteln müssen. ~ Vor etwa zwei Jahren berichteten wir in diesem Blatte, wie eine Anzahl von 10,000 russischen Emigranten vor Nuschtschuk sich sammelten und um Einlaß nach Bulgarien baten, welches Verlangen, über das Einschreiten unserer spagnolischen Brüder, von der Regierung abgelehnt wurde. Wir wußten damals schon, daß sogar ein schon gefaßter Ministerialbeschluß zu Gunsten der Aufnahme rückgängig gemacht wurde. Es versteht sich von selber, daß jene Verbrecher und Verräther an der Sache ihrer unglücklichen Mitbrüder sich der Oeffentlichkeit zu entziehen suchten und bis heute noch im Dunkel beharren. Allein vergangene Woch^ fanden wir Gelegenheit, den Schleier von jener Geschichte etwas zu lüften und uns ein Urtheil darüber zu bilden, ob der Haß gegen die Todeseos nicht auch einmal Halt macht, und da wir uns von der Richtigkeit jener Annahme überzeugt haben, wollen wir diesen Zug der Vorsteher der Sephardischen Gemeinde zur öffentlichen Kenntniß bringen. Vor etwa zwei Wochen kamen 6 jüdischrussische Familien^), 30 Seelen stark, aus der Türkei, versehen mit den nöthigen türkischen Pässen, unter Mühseligkeiten und Entbehrungen nach Sofia. Die Pässe wurden nun visirt — allein kaum daß dieselbe dreimal die Nachtruhe genießen konnten, kam vom Polizeichef der Befehl, daß die genannten Familien Bulgarien im Verlaufe von 3—7 Tagen verlassen müssen. Wehklagen und Jammern ergriff die noch müden Wanderer — wohin nun sollen dieselben ihre Schritte lenken! Die Verwendung der hiesigen deutschen Juden schien ganz erfolglos. Da trat das Komitee der spagnolischen Gemeinde in Aetion, nahm Audienz beim Minister Stambulow und bewirkte die Belassung der vielgeplagten Ansiedler. Wie arm auch diese russisch-türkischen Unterthanen sind, so sehr erfreute sie die Botschaft, daß sie endlich hier bleiben dürfen, um durch ehrlichen Erwerb ihr Dasein zu fristen. Unsererseits können wir nicht umhin, als im Namen der jüdischen Sache wie in dem der Humanität (die hier als eine echt jüdische Pflicht uns entgegentritt) zu danken — Z Bor der Demolirung gab es noch folgende Khal Aschkanasi, Khal Gregos, Khal Romania, Khal Schalom als Wahrzeichen und Verkünder jener historischen Thatsache, daß die Sofiaer Gemeinde aus Zuzüglern aus Griechenland, Deutschland, Rom, Spanien sich zusammensetzt. 2) Diese Familien befanden sich unter den 800 Auswanderern aus Rußland und Konstantinopel, denen seitens der Türken Grund und Boden zur Kolonisation in Kleinasien versprochen, aber nicht gehalten wurde.

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