Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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aber auch ihnen zu sagen, daß sie nicht allein wohlthätig sondern auch politisch klug gehandelt haben. Sie thaten es in ihrem eigenen Interesse nicht minder wie in dem der armen Flüchtlinge. Wenn die Sepharden ihr Herz und ihr Auge jetzt verschließen wollten und dem Austreiben ihrer Brüder ruhig zuschauen würden, wer weiß, ob über kurz oder lang nicht auch ihnen ein gleiches Schicksal bereitet würde. Schon wagt sich eine Stimme an die Oeffentlichkeit „Weg mit den Juden!" Die sephardischen Juden mußten diesem antisemitischen Schreier darthun, daß die höchste Regierungsgewalt immer ganz anderer Ansicht ist und den Juden unausgesetzt wohlgesinnt bleibt. — Die Idee der Gründung von jüdisch-historischen resp. Litteratur-Bereinen hat auch hier ihre Anhänger, und der Herr Rabbiner nahm es auf sich, bei seiner Rundreise durch Bulgarien einen oder mehrere solcher ins Leben zu rufen. Ist doch die Geschichte der Juden in Bulgarien noch nicht geschrieben, ja nicht einmal Material für dieselbe gesammelt worden. Unsere Bemühungen, wie noch anderer vor uns, die Gemeinden zu veranlassen, alle Denkmäler, Grabinschriften zu sammeln und einzusenden, hatten keinen Erfolg; vielleicht gelingt es unserem Rabbiner, welcher mit allen Gemeinden in Berührung tritt, etwas für die Geschichte der Juden in den Balkanländern resp. in Bulgarien zu^ thun. Nicht minder löblich erscheint die von ihm in einem Zirkular an alle bulgarischen jüdischen Gemeinden niedergelegte Absicht, in Sofia ein Seminar für das Studium der Thora und des Talmud wie auch für andere ins jüdische Gelehrtenfach einschlagende Wissenszweige, wie jüdische Geschichte und Philosophie, zu gründen; wie wir hören, soll dieser Plan sehr sympathisch ausgenommen worden sein. Jede Gemeinde wird nun zu diesem Institute einen angemessenen Beitrag zu leisten haben. Die Seminaristen hätten auch nebenbei das Gymnasium zu absolviren. — Auch wir begrüßen mit Freuden die gute Absicht unseres geistigen Führers und wünschen, daß dem guten Willen — die gute That auf dem Fuße folgt. Gelingt dieses Vorhaben, wird man ihn als den Mann preisen, welcher Wissen und Licht in die dunkle Sphäre unserer sephardischen Brüder auf dem Balkan gebracht. Amerika. -gjk- New-Uork im April. Die amerikanische Judenheit hat durch den Tod von Jesse Seligmann einen unersetzlichen Verlust erlitten. Geboren 1830 in Bayersdorf in Bayern, wanderte er 1841 nach Amerika aus, wo es ihm durch Begabung, Fleiß und Ehrenhaftigkeit gelang, eine angesehene Stellung zu erlangen. Er begründete mit seinen Brüdern in New-Uork eine Bankfinna, die einen Weltruf hatte und oft ein entscheidendes Wort in großen Fragen führte. S. war ein intimer Freund des Generals Grant und hat im öffentlichen Leben eine angesehene Rolle gespielt. Mit besonderem Eifer nahm er sich der verfolgten russischen Juden an und in dem Komitee für dieselben führte er den Vorsitz. Auch sonst ist S. bei allen jüdischen Wohlthätigkeitsinstitutionen bethätigt gewesen. Sein Tod erfolgte am vorigen Montag nach einer Operation in Santiago in Kalifornien, wohin er seiner Gesundheit wegen gegangen war Mit Jesse Seligmann ist der hervorragendste Vertreter des Typus der amerikanischen Juden gestorben. Ehre seinem Andenken! Usn Nah und Fern. — Wegen Beleidigung des Finanzministers Dr. Mi quel, begangen durch einige im Frühjahr vorigen Jahres in Berlin gehaltene Vorträge, ist der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt vor wenigen Tagen vom Untersuchungsrichter beim Landgericht I verantwortlich vernommen worden. Nach hiesigen Blättern hat der tapfere Mann den Einwand der Verjährung gemacht. — Nach längerem Leiden verschied am 25. d. M. in Hannover im 65. Jahre die verw. Frau Landrabbiner Dr. Meyer, Lina geb. Sieskind. — In dem Wettbewerbe um Entwürfe für eine Synagoge in Köln a. Rh. sind im Ganzen 15 Entwürfe eingegangen. Der erste Preis von 2700 Mark wurde den Architekten Schreiterer und Below in Köln, der zweite von 1700 Mk. dem Architekten Zaar u. Bahl in Berlin und der dritte von 1000 Mk. den Architekten L. Schreiber in Köln zuerkannt. — Zu der Reichstagsersatzwahl im 6. schleswig-holsteinischen Wahlkreise Pinneberg-Seegeberg, welche infolge der Kassirung der Wahl des Abg. Grafen Moltke (Reichspartei) nöthig geworden ist, stellen die Antisemiten einen eigenen Kandidaten in der Person des Porzellanmalers Raab aus Hamburg auf. — Die Antisemiten in Hamburg haben beschlossen, für die Ersatzwahl den Reichstagsabgeordneten Dr. Böckel als Zählkandidaten aufzustellen, um durch eine umfassende Agitation für denselben einen Erfolg für die Reichstagswahl im Jahre 1698 vorzubereiten. — Wegen Verbreitung des Flugblatts: „Kauft Christgeschenke nur bei Christen!" war auf Strafantrag jüdischer Geschäftsleute gegen dm Vorstand des antisemitischen Reformvereins in Darmstadt Klage wegen Beleidigung und groben Unfugs, erhoben. Die Strafkammer sprach jedoch den Vorstand frei, weil er nicht bestimmte Personen beleidigt habe. — Der Wiener Polizeikommissar Moriz Stuckart wurde von Sr. Majestät dem deutschen Kaiser durch Verleihung des preußischen Kronen-Ordens ausgezeichnet. Der Rechnungsrath Herr Ignaz Lasus wurde vom Kaiser wegen seiner verdienstlichen amtlichen Thätigkeit zum Bergrath ernannt. — In Wien sind die Professoren Gruber, Politzer und Stoerck, die ersten beiden Dozenten für Ohrenheilkunde, letzterer Dozent für Kehlkopfleiden, zu ordentlichen Professoren ernannt worden. Die Ernennungen sind von hervorragender Wichtigkeit. Bisher gelangten an keiner deutschen Universität die Pfleger der Sondergebiete zu ordentlichen Lehrstühlen. Sie mußten sich, mochte die wissenschaftliche Bedeutung des Einzelnen auch noch so groß sein, mit außerordentlichen Professuren begnügen. Nunmehr ist diese Beschränkung zum ersten Male durchbrochen. Alle drei Aerzte sind Juden. — Das Landesgericht Wien als Preßgericht hat auf Antrag der Staatsanwaltschaft erkannt, daß der Inhalt des Flugblattes „Das Vaterunser in der Judennoth", das Vergehen nach § 302 St.-G (Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Religionsgenossenschaften) begründe, und es wird das Verbot der Weiterverbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen. Ferner hat das Landesals Preßgericht Wien auf Antrag der Staatsanwaltschaft erkannt, daß auch der Inhalt des ausländischen Druckwerkes: „Die geraubte Braut", Roman von G. Stein (Druck und Verlag von Adolf Wolf in Dresden, Heft 16), sowie des in dasselbe eingehesteten Bildes das Vergehen nach § 802 St.- Ges. begründe, und es wird das Verbot der Weilerverbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen, die von der Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme bestätigt und auf Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt.— Die diesjährige Generalversammlung desMährisch-jüdischenLctndesmassafonds, die von 46 Delegirten besucht war, fand in Brünn am 2. d., unter Vorsitz des Obmannes, Herrenhausmitglied Julius Ritter v. Gomperz, statt. Der Rechenschaftsbericht des Kuratoriums für das Jahr 1893 sowie der Revisionsbericht wurden einstimmig genehmigt und dem Kuratorium das Absolutorium ertheilt. Der Voranschlag für 1894 beziffert die Einnahmen einschließlich des Uebertrages vom Jahre 1893 per 5138 fl. 8 kr. auf 50,682 fl. 68 kr., die Ausgaben auf 50,573 fl. 26 kr. Für Schulsubventionen werden eingestellt 13,920 fl., für Gemeinde-Unterstützungen 12,700 fl. Für Personal-Unterstützung werden 11,000 fl., Stipendien 600 fl, Bildungs- und Humanitäts-Anstalten 4110 fl. eingestellt. — Die Protokollirung der ezechisch-jüdischen Verlagsgenossenschaft ist im Amtsblatts der „Prager Zeitung" registrirt. Der Sitz der Genossenschaft ist in Prag. Der Zweck derselben ist: Den Erwerb und die Wirthschaft ihrer Mitglieder zu fördern und auf Grund des gegenseitigen Kredites im eigenen oder fremden Verlage an ihrem Sitze oder außerhalb desselben Druckschriften, insbesondere Bücher, Sammelwerke, Broschüren, politische, Litteratur- und Fachzeitschriften herauszugeben. — Aus der galizischen Gemeinde Neusand ec ist ein Telegramm angelangt, nach welchem infolge eines Brandes daselbst 6000 jüdische Seelen brod- und obdachlos geworden sind. Der Jammer und die Noth sind herzzerreißend. — Das zumeist von Israeliten bewohnte Städtchen Negresci im rumänischen Distrikte Vaslui wurde jüngst, während ein heftiger Wind wehte, gänzlich eingeäschert. Hunderte von Familien kampiren im Freien und leiden großen Mangel. Mehrere Personen erlitten schwere Brandwunden. — Albin Valabröque, unser französischer Glaubensgenosse, der lustige Verfasser so vieler fröhlicher Schwänke, arbeitet zur Zeit an einem ernsten Sittenstück, das den Titel „Les juifs“ führt und das 'er auf direkte Bestellung für einen amerikanischen Direktor schreibt. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Mischehe und Valabreque soll sehr heftig gegen die Sittenverderbniß und gegen die Religionslosigkeit unserer Tage zu Felde ziehen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.