Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Königliche Regierung zu Oppeln hätte demnach die Stiftung förmlich zu errichten, die Kuratoren 51t bestimmen rc. Dann erst könnte das Legat eingeklagt werden, falls das Testament für giltig erklärt wird. Man darf auf den Ausgang des Prozesses gespannt sein. Inzwischen hat die Synagogen-Gemeinde in Beuthen aus der genannten Erbischaft die hübsche Summe von 15,000 Mark zu Armenpflegezwecken ausbezahlt erhalten. — Eine seltsame Beisetzungsfeier fand am 19. d. Mts. unter großer Betheiligung in Oberglogau statt. Der in Nerv-Jork verstorbene Dr Rudolf Fränkel, Ritter des eisernen Kreuzes erster Klasse und des bayerischen Verdienstordens, ein Neffe des Bankiers und Stadtältesten Josef Fränkel in Ziegenhals, wurde, seinem Wunsche gemäß, in New-Iork verbrannt und seine nach Oberglogau gesandte Asche im Grabe seines Bakers beigesetzt. — Im hohen Alter von 88 Jahren starb in Natibor am 19. d. Mts. Frau Charlotte Leopold. Die Verstorbene, deren edler Sinn wohlbekannt war, widmete mit großer Aufopferung ihre Dienste und Erfahrungen der Frauen-Abtheilung der Kommission für Armen-, Krankenpflege- und Beerdigungswesen der dortigen Synagogen-Gemeinde. Man wird die Verstorbene, der ein ehrenvolles Andenken sicher ist, schwer vermissen. — In das Repräsentanten-Kollegium der jüdischen Gemeinde in Nikolai ist an Stelle des freiwillig sein Amt niederlegenden Eisenkaufmanns Hirsche! Leinwandkaufmann Lauser gewählt worden. — Dem antisemitischen Vereine in Jauer gelang es im vorigen Vierteljahre, das zu Schömberg, Kreis Landeshut, erscheinende „Schömberger Wochenblatt" in das antisemitische Lager hinüberzuziehen. Nun soll vom 1. Juli d. Js. ab in Jauer eine neue Zeitung unter dem Titel „Jauersche Rundschau" erscheinen. Es ist dies ein antisemitisches Organ, das in demselben Verlage (Teichmann in Schömberg) erscheinen soll, als das bisherige antisemitische Organ des Wahlkreises Jauer-Bolkenhain-Landeshut. Ein zweiter Ableger des „Schömberger Wochenblattes" soll in Landeshüt unter dem Titel „Landeshuter Rundschau" erscheinen unter Veränderung des lokalen Theiles. Der Wahlkreis Jauer-Bolkenhain-Landeshut soll also in Zukunft durch drei antisemitische Organe bearbeitet werden. fi # Königshütte, 29. April. Schon wieder ist über einen neuen Exzeß zu berichten, für den die lügnerische Hetzagitation der Antisemiten verantwortlich zu machen ist. Durch ein Gerücht, wonach die jüdische Händlerin Czernajewski in Oswiencim von Königshütte ein kleines Kind zu Ritualzwecken nach dort gebracht hätte, entstand in Oswiencim eine größere Aufregung. Hunderte von Landleuten sammelten sich vor den Häusern der dortigen Juden, und mußte die Behörde, um Ausschreitungen entgegen zu treten^ die Gendarmerie der Umgegend requiriren. Eine bei der Händlerin Czernajewski vorgenomme Haussuchung förderte ein Zicklein gu Tage, welches die Händlerin zuin Osterbraten von hier nach Haus mitgenommen hatte! (S. auch Salonichi) 8. Rostocks 20. April. Am 12. d. Mts. hielt Herr Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld aus Schwerin in einem hiesigen Saale vor einer. großen, den Saal gedrängt füllenden Zuhörerschaft einen Vortrag über „Die Bibel in Wort und Lied". Die Versammlung bestand größtentheils aus den vornehmsten Christen hiesiger Stadt. So bemerkte man darunter viele Professoren der hiesigen Universitär, Landgerichtsräthe, Gymnasiallehrer und viele andere hochgestellte Persönlichkeiten, die mit gespannter Aufmerksamkeit dem Redner bis zuletzt folgtest. Der Vortragende versuchte in der Behandlung seines Themas die Bibel und den Talmud in das rechte Licht zu stellen, namentlich diejenigen Erzählungen und Aussprüche zu beleuchten, die so häufig selbst von Dichtern und Denkern zu unseren Ungunsten ausgelegt werden. So erläuterte der Redner die Schöpfungsgeschichte, die Erzählung von Adam und Eva, von Kain und Abel, von der Opferung Isaaks. Die Kritik gegen die Schöpfung sei ganz unwesentlich, denn ob und wie weit diese im Einzelnen mit den wissenschaftlich anerkannten Thatsachen übereinstimme, komme gar nicht in Betracht gegenüber ihrer Hauptabsicht, die Welt als Schöpfung Gottes darzustellen, und als eine gute, nicht als eine schlechte Welt, wie es nach Schopenhauer sein soll. So trug der Redner gar viel dazu bei, die Sache des Judenthums zu fördern, die Umgebung über unsere Religionslehre aufzuklären, und viele Vorurtheile zu zerstören. Oesterreich - Ungarn. ft Wien, 30. April. Zweihunderteinundneunzig israelitische Kultusgemeinden aus allen Kronländern Cisleithaniens haben dem Ministerium nachstehende Resolution unterbreitet: Die endesgefertigten Vertretungen israelitischer Kultusgemeinden erklären hiemit einstimmig: 1. daß alle strenggläubigen Israeliten die in dem jüdischen Ritus begründete Schlachtungsweise als ein hochwichtiges biblisches Religionsgebot beobachten und in dem Genüsse des Fleisches von auf andere Weise geschlachteten Thieren eine schwere Sünde erblicken, daß denselben sonach durch ein Verbot der jüdischen Schlachtungsweise der Genuß des Fleisches unmöglich gemacht werden würde, daß 2. die gesammte israelitische Bevölkerung ohne Unterschied der religiösen Richtung in dem Verbote der jüdischen Schlachtungsweise einen schweren Eingriff in das staatsgrundgesetzlich gewährleistete Recht der vollen Glaubens- und Gewissensfreiheit, sowie in das in gleicher Weise sanktionirte Recht der gesetzlich anerkannten israelitischen Religionsgesellschaft auf freie Religionsübung und selbstständige Ordnung und Verwaltung ihrer inneren Angelegenheiten erblickt; daß 3. vom Standpunkte der Humanität und der Hygiene, insolange überhaupt das Fleisch von Thieren zur menschlichen Ernährung verwendet wird, gegen die jüdische Schlachtungsweise gar keine begründete Einwendung geltend gemacht werden kann, dies auch von dem hohen k. k. Ministerium des Innern auf Grund gepflogener Erhebungen mit Erlaß vom 11. April 1893, Z. 2560, ferner von zahlreichen Korporationen und wissenschaftlichen Autoritäten in dem sub */• beifolgenden Gutachten, neuestens in dem sub y2 beigeschloffenen wissenschaftlichen Werke des kais. russischen Hofrathes meä. Dr. I A Dembo anerkannt wird, daß auch von christlicher Seite die jüdische Schlachtweise vielfach geübt und von Thierschutzvereinen um die obligatorische Einführung dieser Schlachtweise petitionirt wird. Der Beschluß des Grazer Gemeinderathes, welcher von der hohen k. k. Statthalterei wegen Kompetenz-Ueberschreitung aufgehoben wurde, ist sonach auch in merito in gar keiner Weise begründet. □ Wien, 30. April. Der famose Pfarrer Deckert hat seinen Cyklus von Brandreden geschlossen und in allen Versammlungen nicht antisemitischer Natur wird dem Staunen Ausdruck gegeben, daß etwas Derartiges geduldet werden könne — so hat im Reichsrathe Abgeordneter Stadtrath Noske und Genossen an den Ministerpräsidenten eine Interpellation gerichtet. Außerdem hat derselbe Abgeordnete in einer Versammlung der deutschfortschrittlichen Partei in dieser Sache das Wort ergriffen. „Was gegen das jüdische Volk", sagt Abgeordneter Sueß im Reichsrathe, „oder gegen den jüdischen Theil der Bevölkerung in Wien in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und Tagen gesagt, geschrieben, gehandelt, geduldet worden ist, das geht nach meiner Ansicht nicht nur weit hinaus über die Bestimmung unserer Staatsgrundgesetze, nicht nur weit hinaus über die ersten Grundsätze menschlicher Gerechtigkeit überhaupt, sondern nach meiner Ansicht widerspricht es auch dem edelsten Kerne der christlichen Religion (Zustimmung), und diejenigen, welche hier als würdige Vertreter der christlichen Religion ausgetreten sind und aufzutreten das Recht haben, an ihre Gefühle appellire ich, sie mögen sich überlegen, nicht welches die Gefühle irgend eines Millionärs seien, der sich diesen Verfolgungen am Ende zu entziehen im Stande ist, nein — welches die Empfindungen und Gefühle einer einfachen jüdischen Bürgerfamilie sind, wie wir Hunderte und Hunderte hier in Wien haben, die ruhig ihr Brod verdienen, ihre Steuern zahlen,' ihre Pflichten gegen den Staa erfüllen und welchen das Allererste, die Gleichstellung mit den Uebrigen, das gleiche Recht,die Sicherheit der Existenz selbst in Frage gestellt wird." (Beifall.) Die hiesige „Israelitische Allianz" hat ihre Generalversammlung abgehalten. In dem Bericht derselben heißt es: „Ueber die traurigen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in Rußland sprachen wir uns schon in den Vorjahren aus und auch Zeitungen und Bücher schildern die dortigen Zustände so oft und so eingehend, daß uns kaum etwas von Belang in dieser Hinsicht zu sagen übrig bleibt. Die Auswanderung hat indessen einen Stillstand erfahren, nicht etwa darum, weil sich die Situation in Rußland zu Gunsten der Juden gebessert hätte, sondern weil den Emigranten bei den Grenzüberschreitungen die größten Schwierigkeiten bereitet werden. Eine kleine Minderzahl nahm unsere Unterstützung zur Reise nach der Schweiz, Frankreich und England in Anspruch, wo die Leute bei Blutsverwandten Aufnahme fanden. Im Ganzen beförderten wir nahezu 600 Personen nach den angegebenen Ländern. Ueberdies sahen wir uns genöthigt, im Laufe des Jahres über eintausend Auswanderer, die ungeeignet zur Reise nach Amerika rvaren, und amerikanische Rückwanderer nach Rußland oder Rumänien zu repatriiren. Wie aus unserer Bermögensbilanz hervorgehl, haben