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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-05-04 · Heft 18 (4.5.1894) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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vr jy* r ikw-1 •&**■*« f5< w» Jahren kannte man sie noch nicht. Man sagt, daß eine Reihe von Generationen dazu gehört, um den Edelmann — die Familie voW Raffe — zu bilden, und ich glaube, das hat etwas für sich. — Aber Rachels Großvater — weiter reicht ihr Stammbaum nicht, war ein alter, schäbiger Trödler, der mit seinen Maaren umherzog und an den Thüren handelte und der nicht mal der dänischen Sprache mächtig war. Er soll aus Polen eingewandert sein. — Können einem solchen Stammbaum, frage ich Sie, feine, edle Früchte entsprießen? Ich konnte nie mit Fräulein Levy sprechen, ohne an den alten, polnischen Trödeljuden mit den Hüngelocken zu denken." — Durch die augenblickliche Stille ertönte ein tiefer Seufzer aus dem Innern der Laube. „Aber Fräulein Rachel selbst ist doch ei» sehr nettes, junges Mädchen," sagte die Baronin, die, wie alle wirklich vornehmen Naturen, wenig Anlage für Medisance hatte. „Sie kann sich nicht allein mit den meisten jungen Damen unseres Kreises messen, sondern sie überragt Viele von ihnen durch ihre Begabung und Kenntnisse. Sie hat auch viel von der Welt gesehen, und Reisen entwickeln die Persönlichkeiten gewöhnlich sehr vortheilhaft. Ich mnß gestehen, daß Dagmar und ich gänzlich von ihr erobert sind — wir haben wirklich ein kleines Faible für sie." Eine kleine Pause folgte. Die Kammerherrin riß ein Blatt von eineni Busche, rollte es einen Augenblick zwischen den Fingern hin und her und warf es dann wie zornig fort. „Ich will auch gern einräumen, daß Rachel ein ganz wohlerzogenes, junges Mädchen ist und das savoir vivre hat, welches man nur in der besten Gesellschaft lernt. Sie ist mir aber dennoch nicht sympathisch, obgleich sie so viele Sprachen versteht. Obgleich sie singt und spielt und in der alten und modernen Litteratur bewandert ist wie ein Professor. Sie ist mir mit aller ihrer Bildung zu selbstständig, zu eigenwillig, sie nimmt mir zu wenig Rücksicht auf die Meinungen Anderer, itnb dazu hat sie, was ich gar nicht vertragen kann, freidenkerische Ansichten. Ein gebildetes, junges Mädchen muß religiös sein." Die Kammerherrin setzte sich ihren neuen, eleganten Garten- Hut zurecht, bevor sie fortfuhr: „Wenn Rachel der Typus der feinen Frau ist, ist sie jedenfalls nicht derjenige des frommen, nordischen Weibes, welches unsre Dichter gern mit den Lilien des Thals und mit dem schüchternen Veilchen vergleichen. Sie hat etwas zu Sicheres, Fremdartiges — etwas Amerikanisches in ihrem Wesen." — Siewar sichtlich erfreut, diese» Ausdruck gefunden zu haben. „Ja, etwas Amerikanisches! - Vielleicht wird bei uns das Weib der Zukunft sein wie sie. — Wiffen Sie, liebe Baronin, an wen Rachel mich übrigens erinnert? An die Miß White aus Boston, Dagmars Freundin, welche sich einen Sommer bei Ihnen auf Svalcdal anfhielt. Wir nannten sie im Scherz innner die verrückte Miß White." Die vollen Wangen der Baronin färbten sich mit einer leichten Röthe. Sollte das ein Stich für ihre arme Dagmar sein, die krank zu Hause lag, weil sie manchmal etwas keck war? (Forts, folgt.) Litterarifche Mittheilungen. Dr. Friedrich Frank: Die Schächtfrage vor der bayerischen Volksvertretung. 2.Aufl. Würzburg 1894. Leo Woerl' Ein wahrhaft erfreuliches Zeichen der Humanität in dieser traurigen Zeit des Rassenhasses ist die vorliegende Schrift. Der Verfasser ist katholischer Geistlicher und Abgeordneter des bayerischen Centrums. Gleichwohl tritt er mit wahrhaft frommer Begeisterung für die Prinzipien, der Humanität und der freien Religionsübung ein. Seine Besprechung 216 —-— der Schächtfrage in der bayerischen Kammer hat das günstige Votum derselben wesentlich beeinflußt. Mit warmem Eifer vertheidigt er das Schächten vom humanen und religiösen Standpunkte aus. Alle Freunde der Humanität werden dem gelehrten Manne für diese wahrhaft glänzende Bertheidigung aufrichtigen Dank wissen, und jede Anklage gegen das rituelle Schächtverfahren der Juden wird an der Hand dieser vortrefflichen Schrift widerlegt werden können, die mit folgender, nicht nur für Thierschutzvereine und Antisemiten beherzigenswerthen Sentenz schließt: „Die wissenschaftliche Untersuchung der Schächtfrage hat hiermit — was die Semiten wohl kaum geahnt — die Antisemiten aber gewiß nicht gewünscht haben — die Veranlassung gegeben, daß Moses, der schon in manchen anderen Fragen eine unerwartete Rechtfertigung gefunden hat, auch in der Schächtfrage eine glänzende Rechtfertigung erlangen wird. Die wissenschaftlichen Untersuchungen werden es mit immer größerer Klarheit als eine unwiderlegbare Thatsache feststellen, daß Moses auch in seinen Schlachtvorschriften und Speisegeboten dem Thierschutz und der Hygiene in einer Weise.Rechnung getragen hat, daß er damit seiner Zeit um Jahrtausende vorangeeilt ist." 1. Die Zahl der periodischen hebräischen Publikationen soll sich wiederum um eine vergrößern. Der bekannte hebräische Schriftsteller und Feuilletonist des hebräischen Tagblattes „Hamelitz", Rüben Br ain in, hat es unternommen, eine neue Monatsschrift herauszugeben und in derselben aus allen Gebieten aus der Feder hervorragender Gelehrten und Schriftsteller Arbeiten zu veröffentlichen. Bei der großen Zahl der hebräisch Lesenden in Rußland, bei dem großen Erfolge der hebräischen Sammelwerke und dem stets regeren Interesse für die hebräische Sprache, ist die neue Monatsschrift „Mimisrach umimaarabh“ bestimmt, ein wahres Bedürfnis zu befriedigen. Die ersten jüdischen Gelehrten, wie Prof. Josef Halevy in Paris, Prof. Kaufmann in Pest, Lector Weiß in Wien, Prof. Schapira in Heidelberg u. A. haben dem Blatte ihre Mitwirkung versprochen, und diese Namen sowie das Renommee des Herausgebers selbst sind die beste Bürgschaft für das Gedeihen dieses für die jüdische Wissenschaft und die Wiederbelebung der hebräischen Sprache so bedeutsamen Literarischen Unternehmens. Von den in den ersten Heften zu publizirenden Arbeiten nennen wir nur die interessantesten: Prof. Halövy: „Ueber Ackerbau." (Zur hebräischen Terminologie), Chef-Arzt der Baron Rothschild'schen Kolonien Dr. Mazie: „Ueber die typischen Krankheiten in Palästina", Dr. Alfred Nossig: „Die soziale Hygiene bei den Juden", Dr. S. R. Landau: „Leroy-Beaulieu und Lombroso und deren Stellung zur Judenfrage", ferner Novellen von bekannten hebräischen Novellisten. Die Monatsschrift wird acht Oktavbogen umfassen und kostet jährlich 10 Gulden ö. W. Die Expedition ist in Wien IX., Georg Siglgasse 2. Sprerhfaal. Verehrter Herr Redakteur! ^Zufälligerweise sehe ich mir eben erst einen Aussatz von Herrn M. 8p. in Nr. 10 der Mg. Ztg (Die Stellung der jüdischenLehrer an nicht öffentlichen jüdischen Elementarschulen) genauer an. Herr M. Sp. sucht zu beweisen, daß den jüdischen Gemeindevorständen ein Kündigungsrecht nicht zustehe, und stützt seine Ausführungen auf einen Ministerialerlaß vom 6. Februar 1864, welcher dem Privatpatron der Schule das Recht abspricht, einem Lehrer zu kündigen. Herrn 8p. ist da ein verzeihlicher Jrrthum unterlaufen. Er hat den Privatpatron mit dem Vorstande einer privaten Schule verwechselt. Privatpatron und Privatschule sind aber ganz verschiedene Dinge. Die Großgrundbesitzer in Preußen, welche die Pflicht zur Unterhaltung einer Schule und als Aequivalent das Recht der Präsentation besitzen, find Privatpatrone; die von ihnen unterhaltenen Schulen aber find durchweg öffentliche. Demnach kann der angeführte Ministerialerlaß auf jüdische, vielmehr auf Privatschulen überhaupt, nicht bezogen werden. Ich berichtige die mißverständliche Auffassung des verehrten Kollegen zu dem Zwecke, damit sie nicht der Ausgangspunkt für weitere Jrrthümer werde, und das wird wohl auch ganz nach seinem Sinne sein. Ergebenst Crefeld, 23. April. S. Andorn. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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