Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Rachel, daß ihre Tante so ungebildet-, so brutal aufrichtig war. Woher Tante Rebekka die Aufklärung über seine ökonomischen Berhältnisse hatte, war ihr ein Räthsel. Ihr Angriffe auf die Stammtafel derer von Brock amüsirte ihn beinahe. Er hätte gern in jenem Augenblick das Gesicht seiner Mutter gesehen, die so stolz auf ihre Ahnen war. Gegen Rachel war er zärtlicher und rücksichtsvoller denn je. . . . Sie wußte es, daß er sie ihrer selbst wegen, ohne niedrige Spekulation auf ihre Mitgift liebte, und er konnte deshalb ruhig Tante Rebekkas Insinuationen in dieser Richtung ertragen. Auch die Kammerherrin, deren Migräne plötzlich verschwunden war, bewies ihr eine katzenartige Freundlichkeit, welche nichts Gutes verhieß. Die Kammerherrin war in vorzüglicher Laune. Sie zweifelte nicht mehr daran, daß sie das Spiel gewinnen würde. Tante Rebekka hatte ihr, ohne es zu wollen, die besten Trümpse in die Hand gegeben. Sie hatte nicht allein alle Tante Rebekkas Aenßernngen auf die verletzendste Weise wiederholt, sondern sie auch so gefärbt, daß nothwendigerweise ein Stachel bei Holger Zurückbleiben mußte, so gut und gerecht er war und wie sehr er auch Rachel liebte. . . . An einem hellen sonnigen Nachmittage kam die alte Baronesse zum Bestich. Holger war beim Verwalter, mit dein er Wirthschaftsangelegenheiten berieth, und Rachel, nach der Meinung der Kammer- Herrin, auf ihrem Zimmer, während die Gnädige selbst einige schöne „La France-“9tofeit festband, die durch den Regen der letzten Tage gelitten hatten, während sie im Stillen auf den nachlässigen Gärtner schalt. Seit Rachels Ankunft war dieser Gärtner nicht wieder zu erkennen. Er versäumte seine Pflichten und ging immer wie im Traume umher. Hatte Rachel ihm auch den Kopf verdreht? Die Baronesse verbot dem Diener, die Kammerherrin zu holen. Sie wollte lieber selbst zu ihr in den Garten gehen, weil es im Zimmer so schwül war. Nachdem die' Begrüßung vorüber war, fragte die Kammerherrin nach Dagmar. „Sie war leider nicht ganz wohl, die Arme. Sie wird seit einigen Tagen so sehr von nervösen Kopfschmerzen geplagt. Deshalb ist sie auch zu Hause geblieben, statt mit hierher zu kommen." Vertraulich plaudernd gingen die beiden Damen in dem schattigen Gang vor der Jasminlaube auf und nieder. Das eine Wort gab das andere, und zuletzt kam die Rede auf Holger und Rachel und ihre bevorstehende Heirath. Die Baroneffe beglückwünschte die Kammerherrin von Herzen dazu. In die Jasminlaube hatte sich aber Rachel an diesem Nachmittag vor der Hitze geflüchtet mit einer alten Novelle von Frau Gyllembourg zur Gesellschaft. Die Kühle und der Schatten in der Laube waren so wohlthuend an diesem heißen Nachmittage, wo selbst die Bienen träge und ohne sich zu rühren in den Bluinenkelchen saßen. .. Rachel hatte noch nicht lange „Die beiden Zeitalter" gelesen, als sich ihre Augen schlossen und sie in einen sanften Schlummer fiel, mochte nun die langweilige Lektüre die Schuld tragen oder die Hitze und der.starksüßliche, einschläfernde Jasminduft. Plötzlich wurde sie durch lautes Sprechen in ihrer Nähe geweckt. „Ach nein, liebe Baronin, ich erwarte leider nicht viel Gutes von dieser Verbindung. — Warum sollte ich gegen Sie, eine alte Freundin unseres Hauses nicht offen sein? — Außerdem kann es Ihnen nicht verborgen geblieben sein, daß ich meinerseits ganz andere Pläne nährte," fuhr sie mit einem vertraulichen Blick auf die Baronin fort. „Aber das läßt sich nun einmal nicht ändern." Sie seufzte tief. „Diese Verbindung ist und bleibt eine Mesalliance. Ein abtes dänisches Adelsgeschlecht, welches die höchsten Stellu.ngeiz des Landes bekleidet hat und — eine obskure Judenfamilie. — Wissen Sie, Baronin, daß es in alten Zeiten den Juden bei Todesstrafe verboten war, sich mit Christen zu verheirathen? Ich habe es selbst in einem der alten Geschichtenbücher von Fräulein von Pahlen gelesen. — Ja, die Zeiten ändern sich." Die arme Baronin wußte nicht, was sie sagen sollte und beschränkte sich darauf, eine theilnehmende Miene aufzusetzen. Die Mischung von Herzenstälte, Sicherheit und Eleganz bei der Kammerherrin imponirte ihr wie den meisten Damen der Umgegend. Sie galt bei ihnen für eine hervorragende Persönlichkeit. „Sie haben die Taute hier ja gesehen? War sie nicht horrible? — Sie war nicht einmal recht sauber. — Manchmal hatte ich Lust, sie durch beit Diener mit Ea» de Cologne begießen zu lassen. — Jetzt ist sie, Gott sei Dank, abgereist!" „Allein — ohne Fräulein Rachel?" „Ja. — Wir konnten sie nicht länger als Gast hier behalten. Sie war vollständig »»möglich. Mich schimpfte sie aus, wie ein Fischweib, und denken Sie, mit den Dieustleuten war sie bon camerade. Vielleicht fühlte sie instinktmäßig, daß sie eigentlich zwischen ihnen zu Hause gehörte. Mit Mamsell Petersen stand sie auf dem intimsten Fuß, sie besuchte sie stundenlang in der Küche und unterhielt sich mit ihr, als wäre sie ihre intimste Freundin — ich glaube sogar, sie dutzten sich — und natürlich ging cs dabei immer über die Herrschaft her." „Das ist ja unglaublich!" warf die Baronin ein. „Mamsell Petersen mußte ihr auch einige spezifisch jüdische Gerichte machen, einen Schmierkram, von dem wir Christen krank werden und der abscheulich roch. Eins dieser Gerichte, welches Schalet oder Scholet heißt, war die Ursache, daß Mamsell Petersen uns beinahe das Haus über dem Kopfe angezündet hätte. Dies Gericht muß nämlich I mehrere Nächte mit glühender Asche bedeckt werden, damit es würdig wird, von einem rechtgläubigen Juden angerührt zu werden. — Haben Sie je so etwas Verrücktes gehört?" Die Baronin schüttelte verwundert den Kopf. „Mamsell Petersen hat übrigens schon ihre Kündigung bekommen." Die Kammerherrin erhob den Kopf stolzer. „Solche Art Dienstboten kann ich nicht gebrauchen." Rachel war schon aufgestanden, um aus der Laube zu treten. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und ihre Augen waren unnatürlich groß vor Schrecken über das, was sie anhören mußte. Sie sank wieder auf die Bank zurück, die zitternden Hände fielen ihr in den Schooß. Trat sie jetzt hervor, war der Skandal unvermeidlich, der Bruch vollständig. „In jeder Familie ist ja immer ein oder das andere „mauvais sujet," ertönte jetzt!vermittelnd die sanfte, gutmüthige Stimme der Baronin, „damit muß man es nicht so genau nehmen. Ich habe von Freunden in Kopenhagen gehört, daß die Familie Joachim im Ganzen sehr angesehen ist. Fräulein Rachels Vater ist ja in der dritten Rangklasse — Etatsrath und Ritter vom Danebrog — und außerdem ist er ja sehr reich und giebt seiner Tochter ein ganzes Vermögen als Mitgift. — Und Geld, — liebe Kammerherrin, ist auch nicht zu verachten in diesen schlechten Zeiten, wo die Landleute ihre liebe Noth haben, um durchzukommen." Die Schlußworte schienen nicht besonders nach dem Geschmack . der Kammerherrin zu sein; sie erinnerten sie etwas an Tante Rebekkas Angriff. Sie biß sich auf die Lippen, bevor sie antwortete: „Darin haben Sie Recht, liebe Baronin, aber was nützen alle äußere» Güter, wenn die Familie so durch und durch ordinär ist. — Wir sind ja unter uns und können aufrichtig über die Sache sprechen. — Rachels Familie gehört zu den Parvenüs. Vor hu« -