Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
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214 Iioe evenit, ut multa hospitia habeant, nullas amicitias; idem aecidat necesse est his, qui nullius se ingenio familiariter*' adplicant, sed omnia' cursim et properantes transniittant. „Darauf sieh, daß Du beim Lesen so vieler Schriftsteller und verschiedenartiger Bücher nicht unstät umherschweifest. Bei vorzüglichen Köpfen mußt Du verweilen und Dich nähren, wenn Du etwas gewinnen willst, was treu in der Seele hafte. Nirgends ist, wer überall ist. Leute, die ihr Leben auf Reisen zubringen, pflegen^ viele Gastfrellndlchaften, aber wenig Freundschaften zu haben. Eben das muß denjenigen begegnen, welche sich keines Schriftstellers Geiste vertraulich anschmiegen, sondern in schnellem Laufe an Allem nur vorbei streifen." Erklärt muß nur eins werden: das „Lied". Nun, Kennen! braucht nicht erst gesagt zu werden, daß das „Lied" hier im uneigentlichen Sinne gebraucht wird. Wer in seiner Jugend noch in herkömmlicher Weise Talmud „gelernt" hat, weiß, daß die Mahnung R. Jochanan's^) SO»! XvI N21V1 HDTJ i6s mipn (Meg. 32a) noch vor wenig. Jahrzehnten in voller Geltung stand, und wohl auch noch heut, wenn auch nicht als eonditio sine qua non, so doch als eine harmlose Lieblingsgewohnheit von manchem beim Talmudstudimn festgehalten wird. Man Pflegte nämlich die Mischna gesangsweise zu rccilireu, So bezeugt Josef d. Medigo in seinen Mazref p. 10a er habe Mischnajoth mit Accenten gesehen, ähnlich laufet das Zeugniß Lipman Hellers im "ft"'’"?, zur Mischnah Kelim 16,7 von alten, mit Vokal- Punkten versehenen Mischnajoth. VNPUV DW1 JVPJtMS So wird auch das Studium der Thora genannt vgl. Exodrabb. c. 47. ny» xbx nnin nn pt „Das Studium der Mischua habe hauptsächlich i« der Nacht stattzufindeu." Es war, wie aus Talmudstelleu klar hervorgeht, dabei weniger auf das saugartige, als auf das laute Lernen abgesehen?) Laut zu lesen war auch bei den Griechen Sitte, zumal bei Bücherndie einen Werth hatten. Wieland macht in seiner Uebersetzung des Lucia» (6. Bd. S. 35) bei der Stelle, der wir diese bei den Griechen geltende Regel des lauten Lesens guter Bücher entnehmen können, darauf aufmerksam: „Diese Regel ist so sehr iu der Natur begründet und daher so indispensabel, daß sich mit bestem Grunde behaupten läßt, alle Dichter und überhaupt alle Schriftsteller von Talent und Geschmack müssen laut gelesen werden, wenn nicht die Hälfte ihrer Schönheit für den Leser verloren gehen soll, Lucian. (adv. indoctos ed. Jaeobitz 3. Bd. S. 248) liest dem „ungelehrten Büchernarren." i) Wenn Jemand die Bibel ohne Accentuation liest und die Mischna ohne Gesang recitirt, so sagt die Schrift von ihm: auch ich gab ihnen Satzungen, die nicht gut sind und Rechte, durch welche sie nicht leben. (Eg 20, 25). Vegl Tosaf z. St. rivwan nijtrb rnr “inv D’-ou vn -p ’T vn a"r am« pw vnw ’sS X-Qy Im Midr. R. zum h L. (sub. v. sagt R. Levi: Von dem, der einen Bibelvers mit der ihm entsprechenden Modulation und Melodid liest, sagt die Schrift (H. L. 4, 11) Honig und Milch ist unter deiner Zunge *rnpn *-)« na« vSr uu’Ji uirw mpa nnn aSm ran :"iök3 -) Vgl. Grub. 53b, wo Beruria, die hochangesehene Frau R. Meir's einen Jünger, der die Gewohnheit hatte, still zu studiren, auf Sam. 2,23,5 sich berufend, dringend mahnt, zum lauten Lernen zurückzukehren, denn nur so werde der (Gegenstand dem Gedächtnisfe eingeprägt, niHT iT^ rHöK r7tPTT^3 und die Erzählung daselbst von dem Schüler deff R. Elieser b. Jakob, der, weil er still für sich lernte, das Erlernte nach drei Jahren völlig vergessen hatte, wie auch die geistreiche Deutung des BnsnaS an a"n liest nicht an^aia1? fasern riaa ans^ia^ (im Hiphil) Lebendig werden die Worte der Lehre dem, der. sie ausspricht mit seinem Munde. scharf den Text und sagt unter anderem: xal ov xolvw ßtßktov nhv zytiq ev xTj yeiQl xal dvayivojoxtiq dei xcbv dvayuojoxo)fuvo)v oioO-a ovöiv dk). ovoc kvQaq dxovnq xivvjv xd oha „Wiewohl du also immer ein Buch in der Hand hast und immer liesest, was du nicht verstehst, so nennt nian dich doch nur den Esel, der mit wackelnden Ohren neben einem, Zitherspieler steht. Und kurz vorher (Jac. a. a. O. S. 247) ab 6h ccveq)y/u€Voq fxhv xotq d(p&akpioTq ogäq xä ßißkla, xal vrj /Ha xaxaxvQwq yal ävaytvcjoxsiq evia ndvv BmxQsyo)v tpd-dvovxoq xov (xpüaißov to oxoßa. Freilich hast du das vor den Blinden voraus, daß du in die Bücher hineingucken kannst, bis du genug hast; ich gebe sogar zu, daß du einige flüchtig überliesest, wiewohl so schnell, daß die Augen den Lippen immer zuvor laufen". Daran müssen wir uns erinnern, um dem sinnvollen Spruch gerecht zu werden; nur Gedanken, die wir oft durchdenken, Lehrsätze, die uns wiederholt beschäftigen, werden von uns in ihrer ganzen Tiefe erfaßt und so unser innerstes, unverlierbares Eigenthum. Wohl erweckt das Wort „wiederholen" die Vorstellung, als ob wir bei der Wiederholung das Verlorene, dem Gedächtniß ganz oder theilweise Entschwundene uns nur zurückholten — in Wahrheit aber ist jedes Wiederholen nicht blos ein Wiederheraufholen des früher bereits Besessenen; es ist und bewirkt viel mehr: ein Wahrnehmen und Gewinnen neuer, an dem oft betrachteten Gegenstände doch noch nicht wahrgenommener und erkannter Seiten und Momente. Eine schöne poetische Fassung gab Emanuel Geibel diesem Gedanken in seiner sinnigen Gnome: „Stufen der Erkenntniß": „Wenn du zum Thurme ausklimmst auf gewundener Staffel erscheint dir Oester das nämliche Bild, doch es erweitert sich stets; So auch kommst du zumeist, aufstrebend im Reich der Erkenntniß Auf ein Bekanntes zurück, aber du schaust es erhöht. ü MMM IlmllMUlISlh — j---- p^:i:v.iriniijiii:ii’iuiiiiniiiiiiiii!U£ininiiiiiiiiiiiaininiiiiiiiiii*uininiuiiii.:iituininiiHiii;ii»uininii«uiiiiiiuin»nuMiiiaiB m i-' ilMWnWlM 1 1 FEUILLETON 1 m laumnvm Wwmr -1 - ...-- —. i—i inminwimtnigg nraSmwfitSs Di« Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) XVII. Taute Rebekka abreiste, gab sie weder dem Diener noch dem Kutscher, der sie nach der Station fuhr, ein Trinkgeld. Da- <j gegen schenkte sie Mamsell Peterscn, ivelche ihr so manches gute Extragericht bereitet und mit so viel Geduld ihr Geschwätz angehört hatte, eine kostbare Broche mit echten Perlen, indem sie jedoch nicht vergaß, die Beschenkte gleichzeitig Über deren Geldwerth aufzuklären — und endlich besuchte sie noch im letzteir Augenblick die arme Häuslerfrau, von welcher ihr Rachel erzählt hatte. Sie steckte der Frau drei Zehnkronenscheiue in die Hand und erschreckte die kleinen Kinder beinahe zu Tode, als sie, einem Zärtlichkeitsdrange folgend, ihre lange Nase zu ihnen herabbeugte und sie durchaus küssen wollte. So war Tante Rebekka. Nach Anders und Tante Rebekkas Abreise ivurde es sehrstill auf Rosengaard. Beide gehörten der unruhige», lebhaften Menschenklasse an, die ausfüllt und einen leeren Platz hinterläßt. Holger berührte mit keinem Worte den Streit zwischen feinet* Mutter und Tante Rebekka. Es war ja nicht die Schuld der armen fiüiäiii