Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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213 schen Kommentar zu Megikla 3 gebraucht und hierbei die Verwandtschaft mit dem in der Kirchenmusik des Mittelalters gebräuchlichen tropus (siehe du Cange, Glossar VI, S. 682) behauptet. Von der Verschiedenheit dieser Sangesweise spreche ich ebenfalls an der angeführten Stelle. Man unterschied nämlich den Trop des Pentateuchs, der prophetischen Abschnitte und einzelner Bücher der Hagiographen. Außerdem hatten die Schulkinder noch eine besondere Kantilation bei dem Rezitiren der Schriftverse vor dem Lehrer. In derselben Singweise, Stubentrop genannt, trug Jakob Levi (Maharil) die Schriftabschnitte am Neujahr und am Versöhnungstage vor, die wir bekanntlich ebenfalls in anderer (elegischer) Tonart, als im ganzen Jahre üblich, lesen. Eine viel größere Variation im Trop gewahrt man in den anderen Riten, sowohl in der Sangesweise selbst, als auch im Gebrauche für die verschiedenen Schriftvorlesungen. Gegenwärtig ist mit einem eingehenden Studium der Neginoth ein Sachkenner ersten Ranges beschäftigt: Maestro Consolo in Florenz. Nachdem derselbe die in Livorno unter den spanischen Juden heimischen Synagogal-Melodien gesammelt und in einem größeren Notenwerke veröffentlicht hat, in welchem auch eine Probe von den in Notenschrift umgewandelten Neginothzeichen mitgetheilt wird, hat derselbe nunmehr eine gründliche Untersuchung den verschiedenen Neginoth gewidmet. Sein künftiges Notenwerk wird ganze Schriftstellen nach den Neginoth der verschiedenen Länder und Riten, durch Noten fixirt, vorführen und so für die wiffenschastliche Erforschung ihres Ursprungs von grundlegender Bedeutung werden. Von einer anderen, nicht minder meisterhaften Seite haben wir auch für den Ursprung des Chasonus, über das Profeffor Steinthal ebenfalls mehrfach spricht, eine wichtige Arbeit zu erwarten. Herr Oberkantor Eduard Birnbaum in Königsberg in Preußen ist seit Jahren damit beschäftigt, die zerstreuten Partien des Chasonus zu sammeln und, soweit als möglich, auf ihren musikalischen Ursprung zurückzuführen. Allerdings kann das vorgcsteckte Ziel nur erreicht werden, wenn auch und vorzüglich die andern, älteren Riten hierbei berücksichtigt werden, in denen eher und mehr Ursprüngliches als in unserem deutsch-polnischen Ritus zu suchen und auch zu finden ist. Man ist leicht geneigt, in den bei uns üblichen Gesängen das Gemeingut aller Riten zu erblicken. Dem ist bei Weitem nicht so. Um nur eins herauszugreifen: unsere Melodie zum Lol nickr« kennt man in Rom nicht; was mir dort hierfür vorgesungen wurde, ist grundverschieden von unserem Gesänge. Nur darin stimmen beide Melodien überein, daß sie sehr komplizirt erscheinen und einen erschütternden Eindruck Hervorrufen. Was Herr Profeffor Steinthal bei unseren Melodien hervorhebt, daß sie nicht den Charakter des vorherschend Weinerlichen offenbaren, läßt sich von Melodien in den anderen Riten durchaus nicht behaupten. Ein elegischer Ton durchzieht das Ganze von Anfang bis Ende; es liegt Geschichte in diesem Tone, denn in ihm drückt sich der Schmerz des Volkes aus, welches die rohe Gewalt zur Knechtsgestalt herabgedrückt hat. Was gerade Professor Steinthal an unserem Ritus hervorhebt, daß nämlich ein und daffelbe Gebet an verschiedenen Tagen in entsprechend geänderter Sangesweise vorgetragen wird, ist dort nicht der Fall, daher auch der Gottesdienst viel einförmiger erscheint, besonders nachdem der Solovortrag des Chasan vorherschend ist, und nur zuweilen durch einen Refrain, mit dem die Gemeinde einfällt, an einiger Lebendigkeit gewinnt. In Pisa hörte ich am Wochentage zu Minchah, wie an gewissen prägnanten StellenO x) So z. B., nachdem der Vorbeter rr,12 gesagt hatte, fiel Alles einstimmig ein und wiederholte nachdrucksvoll in und so an anderen Stellen. der lauten SchemonaEsreh die Versammelten — die Kinder thaten sich darin hervor — einfielen, um ein Wort oder einen Satztheil, den der Vorbeter soeben gesprochen, laut ju wiederholen. In Rom und Arcona hörte ich in gleicher Weise, wie man bei gewiffeu Stellen in der Megillat Esther dem Vorleser gleichsam ins Wort fiel. Durch dieses öftere Einfallen in die Rede wird der monotone Vortrag etwas lebendiger, wie auch die Aufmerksamkeit und die Theilnahme der sonst meistens nur leise mitbetcnden oder zuhöreuden Synagogenbesucher hierdurch rege gemacht werden. Daher muß in jenem einfacheren, elegisch gehaltenen Gottesdienste ein älterer Ursprung vermuthet werden als in unserem Ritus mit seiner mehr gekünstelten Saugesweise, die oft, nicht immer, in einer anderswo entlehnten Grundmelodie ihren Ursprung hat. Die Klage über Erborgtes und Fremdes ist schon alt; Herr Profeffor Steinthal spricht auch hiervon. Beitrage zur vergleichenden Gnomologie. Von Dr. W. Klemperer, Prediger der Reformgemeinde. VIII. 12? BV ^22 12?1) Synh. 99a. Lectio lecta semel, decies repetita placebis, Sin decies repetas, decies repetita patebit. (Nach Horaz A. P. 365 Loci commenes S. 49.) „Nnr ein Lied, das täglich von Neuem angestimmt wird, giebt sich uns ganz zu eigen". Aus dem Zusammenhänge erhellt ganz unzweideutig, daß Akibas Ausspruch nur dies besagen will. Die Rede ist ja nur von dem Schaden, den sich selber zufügt, wer das Erlernte nicht wieder und imnier wieder auf- und durchnimmt. Daß Repetitio mater studiorum, daß das Geheimniß aller Virtuosität in uuausgesetztrr Uebuug von Fähigkeiten und Fertigkeiten ruhe, legten die Talmudlehrer in den mannigfachsten Wendungen ihren Jüngern ans Herz. Wer seinen Perek (einen Abschnitt aus der Lehre) hundertmal wiederholt hat, gleicht dem nicht, der ihn hundert und einmal durchgeuommen. B’BtfB 1X2 imitrS B'2vL .182 lplB nrw.1 1211 11'8 iiriKI (Chag. 9b). Eine Parallele zu dieser Empfehlung der Concentratiou bei den Studien bietet Seueca in seiner zweiten Epistel (ed. Hause Vol. 3 p. 4): Illud autem vide, ne ista lectio auctoruni miiltorum et omnisgeneris voluminum habeat aliquid vagum et instabile: certis ingeniis inmorari et innutriri oportet, si velis aliquid trahere, quod in animo fideliter sedeat. Nusquam est, qui ubique est. Vitam in peregniratione exigentibus *) Daß diese Leseart der des Talmuds BY> *722 10t Bf *722 1,2? vorzuziehen, hat Bacher „Agada der Tanaiten" Bd. 1 S. 303 einleuchtend dargethan. Damit stimmt die andere Version des Spruches überein, die in der Tosefta erhalten ist, Ohilot 16, 8 und Para 4 (3), 7: nftf K’T'VO; zu levira wofür die Tos. K V1"!fi O auch .TV^T JT3 hat, vgl. Targum zu Hab. 1, 17, wo Tfcfi mit rmjTD wiedergegeben wird. Homiletisch kann und wird Akibas Wort auch nach dieser Richtigstellung als Devise des von Schopenhauer so grimmig gehaßten jüdischen Optimismus benutzt werden: „Jeder neue Tag ein neues, frohes Lied;" denn was Cäsar nicht zugestanden wurde, daß er supra grammaticos, der Predigt ist es eingeräumt, freilich cum grano salis.