Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2*08 den ganzen Hergang hatte berichten (affen, sprach er nicht nur den jüdischen Soldaten von jeder Strafe frei, sondern nahm auch zugleich Gelegenheit, seinen Untergebenen jede ungebührliche Bemerkung mit Bezug auf die Konfession ihres Stubenkameraden zu untersagen. „Wir sind Alle gleich werth", — das waren seine eigentlichen Worte — „die des Königs Rock tragen, und Keiner derselben darf seines Glaubens wegen irgend welche Kränkung erfahren." — Der Betreffende hat uns den Vorgang selbst erzählt und man konnte es ihm ansehen, wie viel seine Liebe zu dem Soldatenberuse hierdurch gewonnen. — Im September des vorigen Jahres starb in einem Marktflecken „Szittkehmen", ungefähr 6 Meilen von hier eine jüdische Frau. Da in diesem Orte kein jüdischer Friedhof sich befindet, so wollten die Söhne der Verstorbenen dieselbe nach dem einige Meilen entfernten Stäbchen Goldap bringen, was ihnen aber in Folge der damals herrschenden Cholerafurcht aus sanitären Gründen von der' Ortspolizei untersagt wurde. Es blieb nichts Anderes übrig, als die Frau auf dem christlichen Kirchhofe ju beerdigen. Es sind inzwischen verschiedene Versuche gemacht worden, die Erlaubniß zur Exhumirung der Leiche zu erlangen, allein bisher vergebens. — Von Stuhm wird berichtet: Vor einigen Tagen fand eine Versammlung der Kreisgruppe Stuhm des Bundes der Landwirthe statt. Die Herren Rötteken-Altmark, Päseler-Mienthen und Suhr- Grünfeld sprachen unter dem Beifall der Versammlung ihr Mißfallen und ihr Bedauern über den Beschluß der Berliner General-Versammlung aus, nach welchem nur Angehörige der beiden christlichen Konfessionen Mitglieder des Bundes sein dürfen. Unsere Glaubensbrüder jenseits der Grenze ziehen es bei statthabenden Streitigkeiten unter ihnen vor, statt die vorhandenen Gerichte in Anspruch zu nehmen, ihre Angelegenheit dem Rabbiner zur Entscheidung vorzulegen, einen sogenannten (Wifi dabei walten zu laffen. So löblich nun auch ein solches Verfahren ans gewissen Gründen sein möge, auch schon um die leidigen Prozetzkosten zu ersparen, so hat doch in jüngster Zeit ein von Seiten des Rabbiners in Wirballen mißlungener Versöhnungsversuch der Provinzialpresse Gelegenheit und Stoff zur Unterhaltung ihrer Leser gegeben. Zwei Männer waren vor dem Rabbiner zur Schlichtung ihres Streites erschienen. Der Eine nun, der als im Unrecht sich Befindende bezeichnet wurde, gerieth bei der Verkündigung des Rechtsspruches in solche Wuth, daß er einen Stuhl ergriff und damit seinem Gegner das Nasenbein zerschlug und dieser blutüberströmt fortgetragen werden mußte. Wir kommen auf diese unschöne Gerichtsscene nur deswegen zurück, weil wir konstatiren wollen, daß dieser Fall zu den ungewöhnlichsten gehört, daß sonst immer die Parteien mit ruhiger Ergebung das über sich ergehen laffen, was von Rabbiner über sie verhängt wird. Am 15. v. M. fand in Eydtkuhnen — also am äußersten Ende Deutschlands — die Prüfung der dortigen jüdischen Religionsschule statt, welcher Schreiber dieser Zeilen als Inspizient derselben beiwohnte. Wir hätten dieses Ereigniß kaum zum Gegenstände unserer Berichterstattung gemacht, wenn nicht der ganze Akt sich zu einem Icidusek baseliein gestaltet hätte. Kidusch haschem, weil ein großer Theil des dabei anwesenden Publikums aus hochgebildeten christlichen Herren bestand, die sich für das Schulwesen interessiren. Hier ward nun Gelegenheit gegeben, den Inhalt unserer Religionsbücher in seiner praktischen Verwerthung vom unparteiischen Standpunkt kennen zu lernen, hier konnten die Herren nichtjüdischen Glaubens erfahren, mit welchen Grundsätzen der jüdische Knabe die Schule verläßt, welche Lehren er mit Bezug auf die Nächstenliebe, ohne Unterschied des Glaubens, mit hinaus in das Leben nimmt, und welcher treuen Hingebung an König und Vaterland er sich in Zukunft zu befleißigen haben wird. Es war eine aufrichtige Genugthuung für uns, als einer der Herren, der Vorsitzende des Schulkuratoriums des dortigen Bezirks, seinen Dank aussprach für den geistigen Genuß, der ihm geworden. Gleiche Aeußerungen thaten auch die anderen christlichen Zuhörer. Es darf wohl nicht erst hervorgehoben werden, wie viel Gewicht in unserer Zeit auf dergleichen Vorkommnisse zu legen ist. Anwesend war die stattliche Anzahl von 42 Kindern — 23 Mädchen und 19 Knaben. Ein Theil derselben kommt von Rußland herüber. Es muß dem Lehrer der Schule, Herrn Gottlieb, ein großes Geschick in der Art und Weise zugestanden werden, wie er diese verschiedenen Elemente zu behandeln und in eine gemeinsame Schulrichtung zu bringen weiß. Er hat in den Resultaten seines Unterrichts, die er uns darlegte, sich des besten Lobes verdient gemacht. Aber höchst unangenehm fiel es auf, daß der Synagogen-Vorstand diesem erhebenden Akte gänzlich fern blieb. Daß alle drei Herren, die demselben angehören, durch ernste Umstände am Erscheinen gehindert worden sein sollten, läßt sich nicht gut annehmen. Man muß sich wohl fragen: Wann wird man bei uns Inden anfangen, dem Religionsunterrichte eben die Bedeutung zuzuerkennen, welche man für die anderen Disziplinen so lebhaft an den Tag legt? Jeder Einsichtsvolle wird uns beistimmen, wenn wir behaupten, daß bei dieser Unterlaffungssünde ein doppelter Mißstand zu Tage treten muß. Zuerst erkaltet das Interesse für den Religionsunterricht bei den Kindern selbst, wenn sie sehen, wie wenig Gewicht die Eltern auf denselben legen. Wir wiffen, wie schnell die liebe Jugend mit Obliegenheiten fertig wird, deren Beseitigung ihr irgend welche Erleichterung bringt. Hierdurch wird als zweiter Mißstand geboren die Schwierigkeit des Unterrichts für den Lehrer in einem Gegenstände, der von den Schülern als von untergeordneter Bedeutung betrachtet und danach auch behandelt wird. Die während der Ausweisungsperiode für die Auswanderer in Eidtkuhnen errichtete Baracke ist vor einem Jahre durch Feuersgewalt zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. Der aus den Ueberresten und dem Bauplatz erzielte Erlös von 18,000 Mark ist der Baronin Hirsch, welche damals die Mittel zum Aufbau dieses Stationsgebäudes hergegeben hatte, zugesandt worden. Da indeß noch immer diesbezügliche Anforderungen an das Grenz-Komitee herantreten, so hat sich dieses genöthigt gesehen, eine Summe von der Baronin zurückzuerbitten, die bereits die Höhe von 8000 Mark erreicht hat. Indeß scheint die Auswanderungsbewegung jetzt gänzlich zum Stillstand gekommen zu sein, und glauben wir nicht, daß der nunmehr zu Stande gekommene Handelsvertrag mit Rußland in dieser Beziehung irgend eine Aenderung schaffen wird. Zur Kulturgeschichte der Juden im Mittelalter. Von Dr. Opel. Privat-Dozent in Bern. - ,/ 7ai " Recht ist schon häufig betont worden, daß der Antisemitismus zum größten Theil auf Unkenntniß der auf Juden und Judenthum bezüglichen Verhältniffe berliht. Sei Jemand der vorurtheilloseste Mensch der Welt — er muß Antisemit werden, wenn ihm Tag aus, Tag ein allerhand Schandthaten, die Juden ausgeführt haben sollen, erzählt werden, ohne daß er Gelegenheit hat, sich selbst über die Tragweite solcher Beschuldigungen zu unterrichten. Er wird noch geneigter sein, derartigen Angaben itiMü