Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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/ 207 - unter Führung des Lehrers Herrn Jakob, inGartz a. O. 10 Mädchen und 18 Knaben unter Führung des Lehrers Herrn Lange, in Greifenhagen a. O. 8 Mädchen unter Leitung des Lehrers Herrn Hamburger. Die Loge in Halberstadt hat eine Kolonie in dein schönen Harzstädtchen Ballenstedt eingerichtet, kleinere Kolonien befanden sich' in dem Ostfeebad Camniin und in Kiel. In diesem Jahre werden dem Komitee große Ausgaben erwachsen durch die Einrichtung einer Soolbad-Kolonie für 30 kranke Kinder. Die ärztliche Aufsicht führten bisher in Fürstenwalde Herr Dr. Winter, in Gratz Herr Dr. Riebow, in Greifenhagen Herr Dr. I. Meyer. Die Gesammt-Ausgaben für diese 112 Kolonisten betrugen für 3136 Verpflegungstage 5298 Mark, oder für jedes Kind für 28 Tage 47 Mark, für jeden Tag 1 Mark 68 Pf. Der größte Segen für diese arnien Kinder ist es, wenn dieselben einzeln in Familien ausgenommen werden. Für die Einrichtung von Freistellen in hochherzigen Familien hat sich auch im letzten Jahre Herr Kantor Sarason in Stettin mit Erfolg bemüht; seinen angestrengten Reisen ist es zu danken, daß sich auch für dieses Jahr der Kreis wohlthätiger Familien erweitert hat, welche während der Sommerferien den erholungsbedürftigen Kindern freie Aufnahme gewähren. 5 Kinder in solchen Stellen verursachten dem Komitee kaum soviel Kosten als 1 Kind in bezahlter Kolonie. Immerhin betrugeil die Reisekosten und Nebenspesen für 142 Freistellen noch 1533 Mark oder 10.80 Mark für jedes Kind. Um die Durchführung des Arbeitsplanes der Freistellen haben sich besondere Verdienste erworben: In Pieschen Herr Lehrer Happ (22 Kololiisten), in Wreschen Herr Lehrer Wolff (15 Kolonisten), in Samter Herr Lehrer S. Borchardt (13 Kolonisten), in Wronke Herr Lehrer Falkeiistein (13 Kolonisten) und in Obersitzko Herr Lehrer Wittenberg (10 Kolonisten). Diese Herren haben die am Platze befindliche» Kinder täglich zur geschlossenen Kolonie vereinigt, die Bäder, Spaziergänge und Schularbeiten der Kinder überwacht. — Beibehalten wird auch in diesem Jahre die Einrichtung der Halb- Kolonie. In dem Vorort Reinickendorf, in dessen See mit Erfolg seitens der Kinder gebadet wurde, befand sich die Halbkolonie mit 32 Knaben und 14 Mädchen unter Leitung des Lehrers Herrn (Holdstem und seiner Frau. Die Ausgaben für 46 Kinder und 20 Ausflüge betrugen M. 585 oder pro Kind M. 12,74. Leider hat das Komitee nicht den Betrag vereinnahmt, der ausgegebcn werden mußte, uni diejenigen Kinder in die Kolonien zu bringen, welche von den Aerzten aus der großen Zahl der Meldungen ausgewählt wurden, 4 Aerzte haben ca. 600 Kinder untersucht. Da bei ben schlechten Erwerbsverhältnissen Noth und Elend in vielen Familie» ständige Gäste sind und Hunderte armer Kinder dahin welke», weil ihnen nicht die geringste Pflege werden kann, so richtet das Komitee für Ferien-Kolonien jüdischer Kinder (Dr. S. Maretzki, Alexauderplatz 2) auch in diesem Jahre die Bitte um Hilfe an alle edeldenkende Glaubensgenoffen. Die Bestrebungen des Komitee's sind auch nicht nur einseitig konfessionell, sie schließen sich an und wurden gefördert durch die Hilfe des unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Vereins für hänsl iche Gesundheitspflege, sowie durch die Mitarbeit des Franenvereins in Berlin, die Behrend- Lehmann-Loge in Halberstadt, die Allemania-Loge in Stettin und die Amicitia-Loge in Posen. Das jüdische Kurhospital in Kolberg gewährt 8 Kindern freie Aufnahme. Ein Werk allgemeiner Menschenliebe, längst heimisch in den Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft, tritt in dem Unternehmen dieser Ferienkolonien vor uns hin und fordert unsere thatkräftige Hilfe heraus. Möchte es gelingen, das Werk so fest zu begründen, daß fürder kein in der Kellerluft einer Berliner Miethskaserne aufwachsendes Kind,' das »ach ärztlicher Untersuchung der Pflege bedarf, aus Mangel an Mitteln zurückgewiesen zu werde» braucht. Auch diesen Kindern, welche jahraus jahrein das Brod des Elends essen, sei das herannahende Peßachfest ein Fest der Befreiung, welches sie „ins Freie" führt, wie Alexander von Humboldt die freie Gottesnatur in Feld und Wald mit einem kurzen Ausdruck zu nennen pflegte, sie aber zugleich auch durch sachgemäße Aufsicht vor Verwilderung bewahrt ttnd so manches sonst auf Abwege gerathene Herz in dieser für alles Bessere noch empfänglichen Kinderzeit dem angestammten Glauben erhält, der die Grundlage des Guten und Edlen ist. Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. s waren harte, ungerechtferigte Worte, die bei Behandlung des russischen Handelsvertrages gefallen, als man die polnischen Juden als Landplage Ostpreußens bezeichnete. Keiner von den Herren, welche diese Worte in die Welt setzten, tvird wohl das Behauptete durch Thatsachen zu beweisen vermögen. Es giebt allerdings hier eine Landplage dieser Art, sie besteht in den herumziehenden Zigeunerbanden, mit welchen sich die Polizei fortwährend zu beschäftigen hat; aber diese sind weder aus Polen, noch sind sie jüdischer Konfession. Polnische Juden sieht man hier auf den Wochenmärkten, wo sie Kartoffeln, Gurken, Eier und andere Nahrungsmittel feil bieten und mit wenigen Groschen Verdienst vorlieb nehmend, den Bürger in den Stand setzen, sich mit den genannten ländlichen Produkten in billiger Weise zu versorgen. Bleibt einmal diese Zufuhr durch polnische Juden aus. so giebt es eine allgemeine Klage über Preissteigerung in den nöthigsten Bedürfnissen. Mag dem polnischen Juden auch das ästhetische Feingefühl abgehen, mag ihm auch das Geschick eines modernen Auftretens fehlen und er den Gentlemcn nicht mit auf die Welt gebracht haben, — so kann man doch mit ihm verkehren, ohne hierdurch eine moralische oder materielle Schädigung ju erleiden. Nur dem deutschen Reichstag war es bestimmt, die Männer zu stellen, die bei einem Handelsvertrag mit Rußland in weiser Vorsicht dafür gesorgt wiffen wollten, daß eine Invasion der polnischen Juden unmöglich werde. Man hat von andern Orten nichts über die Verderblichkeit derselben gehört. Sie wiffen sich vielmehr überall in die Landesgesetze zu fügen und die gute Sitte inne zu halten. Sie sind eben Menschen wie wir — auch die Herren vom Adel mit inbegriffen — Menschen, inklinirt dafür, ebensowohl die Besten und Edelsten in der Gesellschaft zu werden, als wie auch der Demoralisation anheimzufalleu, gegen welche nur der gesunde Sinn, nicht aber Geburt oder Glaubensbekenntniß schützt. Sie würden schwerlich die ihnen, selbst unter mancherlei Beschränkungen, liebgewordene Scholle verlassen, um sich Schikanen ausznsetzen, die sie jetzt nicht kennen. — In der hiesigen Garnison ereignete es sich jüngst, daß ein jüdischer Soldat von seinen christlichen Kameraden in der Kasernen- Wohnung gehänselt und seines Glaubens wegen geneckt wurde. Es kam dabei zu Handgreiflichkeiten, wobei der Angriffene, der gerade mit dem Putzen eines Seitengewehres beschäftigt war, mit diesem, als er den Arm zur Abwehr erhob, einen der auf ihn Eindringenden am Kopfe traf und verwundete. Der Fall kam natürlich zur Anzeige. Nachdem indeß der Hauptmann der Kompagnie sich ausführlich über