Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Uns intcressirt hauptsächlich dabei die Motivirung des Klageantrags durch den Staatsanwalt, der Folgendes bemerkte: „Wir sitzen' hier nicht zu Gericht über den Antisemitismus, sondern haben nur zu entscheiden, ob die von dem Angeklagten in fraglichen vier Fällen geführte Agitation strafbar ist oder nicht. Wenn in der antisemitischen Presse fortwährend von der „Judengeißel" die Rede ist, dann ist die Möglichkeit, daß diese Stimmung für die Gewalt zur wirklichen Anwendung desselben verleitet, nicht so weit entfernt. Nach unserem Strafgesetze ist derjenige strafbar, welcher eine staatlich anerkannte Religion und deren Anhänger beschimpft. Bei der Synagogeneinweihung in Steinsfurth ist die dort wohnende jüdische Religionsgemeinde als solche aufgetreten, sie ist auch in dem betreffenden Artikel als solche beschimpft worden. In Bezug.auf die anderen Artikel hat das Reichsgericht in zwei Fällen entschieden, daß eine entfernte Gefahr darin zu erblicken ist, wenn eine Stimmung hervorgebracht wird, die zu einer Friedensstörung geeignet ist. Die Art und Weise, wie Angeklagter seine Agitation führte, legte einen solchen Gedanken sehr nahe. Gerade jetzt stehen wir unter dem Zeichen der Gewalt, die weitesten Kreise der Gesellschaft sind davon durchsetzt. Wohin soll es führen, wenn die Presse ihre Freiheit in solcher Weise mißbraucht, wie es von Seiten des Angeklagten geschehen ist. Der Angeklagte hat das Gesetz lhatsächlich verletzt/' Als der beste Beweis für die Richtigkeit der Thatsachen, die in dieser Rede angeführt werden, kann die folgende Meldung des „Wiener Fremdenblatts" gelten: „In unmittelbarer Nähe von Wilna wurde kürzlich eine jüdische Familie in bestialischer Weise ermordet und beraubt. Es war an einem Freitag; das Familienoberhaupt hatte sich in die Stadt begeben, um dort das Abendgebet in der Synagoge zu verrichten. Als der Mann zurückkam, fand er zu seinem Entsetzen seine Frau, drei Kinder und eine Dienstmagd in ihrem Blute schwimmend: sie waren todt. Er schlug Lärm; da sprangen aus einem Versteck zwei robuste Bauern hervor und ergriffen ihn mit den Worten: „Geld, Jude, sonst bist du hin!" In Folge der Hilferufe des Juden eilten einige Nachbarn herbei, und deren Erscheinen verscheuchte die Mörder. Wenige Tage später gelang es der Polizei, der Verbrecher habhaft zu werden. Es waren dies zwei junge Bauern aus dem benachbarten Dorfe Porjetscheje. Vor dem Untersuchungsrichter erklärten dieselben, der Starost im Dorfe habe des Oefteren erzählt, die Zeitungen schreiben immer, man solle die Juden ausrotten, vertilgen und vernichten!" * Es ist noch in Erinnerung, in welch' gehässiger Weise vor einigen Monaten seitens der antisemitischen Preffe ein Reklamegedicht ausgebeutet worden, welches — nach ihren Angaben — ein jüdischer Kleiderhändler im Südosten Berlins unter der Firma „Kleiderbaron" in Tausenden von Exemplaren verbreitet haben sollte. Trotz der sorgfältigsten Ermittelungen des Polizeipräsidiums und trotzdem antisemitische Blätter einen Aufruf um Einsenvung dieses Reklamegedichtes erließen, konnte nicht ermittelt werden, daß ein derartiges Gedicht überhaupt jemals, geschweige denn von einem jüdischen Kleiderhändler, verbreitet worden sei. Man hat cs hier also mit einer bösartigen Erfindung zu thun, durch welche gegen die Juden aufgereizt werden sollte. Der „Centralverein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens" hielt sich verpflichtet, gegen zivei von de» antisemitischen Preßorganen, welche die qu. Notiz, verbunden mit gehässigen Ausfällen auf die Juden veröffentlicht haben, Strafantrag wegen groben Unfugs zu stellen. Der Erste Amtsanwalt lehnte aber das Einschreiten mit Rücksicht darauf ab, daß nach den angestellten Ermittelungen diese erfundene Mittheilung zuerst von der seiner Zeit in Leipzig erschienenen, mittlerweile aber eingegangenen „Neuen Deutschen Zeitung" gebracht und aus dieser in die von den Beschuldigten redigirten Blätter entlehnt worden ist. Unter diesen Umständen wären die Beschuldigten nicht in der Lage gewesen, sich über die Richtigkeit der Nachricht vorher zu iuformiren. — Die gesammte Presse dürfte diese Entscheidung mit einer gewiffen Befriedigung aufnehmen, da wohl angenommen werden darf, daß diese Anschauung nicht blos antisemitischen, sondern auch allen anderen Blättern gegenüber Platz greifen wird. Wir haben das blasphemische „Vaterunser in der Judenno th" des Wiener Pfarrers Dr. Joseph Deckert, wegen deffen die Abg. Noske und Genossen in den letzten Tagen im österreichischen Reichsrath den Ministerpräsidenten interpellirt haben, bereits erwähnt. Es ist charakteristisch, daß selbst orthodox-protestantische Blätter, wie das „Volk", keinen Anstand nehmen, diese Blasphemieen nachzudrucken. Freilich, es gilt ja den Juden — und da hört selbst die Rücksicht gegen die eigene Religio» auf. Ferren-Kolonren für jüdische Kinder. Von M. Friedeberg. fie Frühlingssonne vergoldet auch die dumpfen Gassen, in denen viele unserer Brüder gar ärmlich wohnen, aber ob es auch draußen in Wald und Feld grünt nnd blüht, das Herz so manches schwer um das tägliche Brod ringenden Familienvaters zieht sich um so schmerzvoller vor Kummer zusammen, wenn er auf seine abgezehrten, durch Krankheit geschwächten Kinder blickt und kein Mittel sieht, diesem Leid abzuhelfen. Doch siehe, die Frühlingssonne hat auch das Eis geschmolzen, das sich, gleich einer harten Kruste, um manches Menschenherz gelegt hat, die Sonne der Bruderliebe strahlt uns aus einer Vereinigung entgegen, welche auch in diesem Jahre die Einrichtung von Ferienkolonien für kranke jüdische Kinder in die Hand genommen hat. Im vergangenen Jahre hat diese Vereinigung 300 Kinder armer Glaubensgenoffen aus dumpfen Räumen, aus unglücklichen Lebensverhältniffen mit Mangelhafter Verpflegung herausgenommen und hinausgesandt in die frische Luft, in die Freiheit des Waldesgrüns, das diesen Aermsken sonst ganz verschloffen blieb, und es gelang in den meisten Fällen, durch gesunde Kost den Körper, durch liebevolle Behandlung Geist und Gemüth wieder aufzurichten. Es wurden 112 Kinder in V o l l- Kolonien, 142 in Freistellen und 46 in einer Halb-Kolonie in dem unweit Berlin belogenen Reinickendorf untergebracht. Die Vollkolonien befanden sich in Fürstenwalde, und zwar hier 31 Mädchen unter Leitung der Lehrerin Frl. Arnheim, 29 Knaben