Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 der Beschwerde-Instanz wurde auch der andere Theil bestraft, wenn auch mit einer geringen Geldbuße. M. Hamburg, 19. April. Wiederum ist von der Gründung eines neuen Vereins in unserer Stadt zu berichten. Unter dem Namen „Israelitisch-humanitärer Frauen - Verein" haben sich eine Anzahl von Damen der israelitischen Gesellschaft zur Gründung eines Vereins zusammengethan. Nach den uns vorliegenden Satzungen bezweckt der Verein, Israelitinnen zu vereinigen, um die höchsten und idealsten Interessen der Menschheit zu pflegen, den sittlichen und geistigen Charakter unseres Stammes zu heben und zu entwickeln, die reinsten Grundsätze der Menschenliebe, der Gesittung und des Patriotismus zu üben und zu verbreiten, Wissenschaft und Kunst zu unterstützen, die Noth der Armen und Dürftigen zu lindern. Kranke zu pflegen und Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu kommen, Wittwen und Waisen trostreich und hilfreich beizustehen. Gewiß ein hohes Ziel, doch bürgen die Namen der Gründerinnen, welche den Spitzen der Gesellschaft angehören, dafür, daß dasselbe, wenn auch allmählich, erreicht werden wird. Der Verein will neben der selbständig von ihm geübten Thätigkeit den hiesigen israelitischen Gemeinden, dem Verband israelitischer Wohlthätigkeitsvereine und Stiftungen und den einzelnen Vereinen seine Dienste auf allen Gebieten zur Verfügung stellen, auf denen weibliche Mitwirkung erwünscht erscheint. Die Organe des Vereins sind: 1. der Vorstand, 2. die Distrikseintheilung, 3. die Abtheilungen, 4. die Generalversammlung. Der Vorstand ernennt aus der Gesammtheit der Mitglieder für die 9 Distrikte der Stadt und Vororte so viele Distriktsdamen, als ihm zweckmäßig erscheint, auf die Dauer des Verwaltungsjahres. Die Thätigkeit der Distriktsdamen erstreckt sich hauptsächlich auf die Einziehung von Erkundigungen nach den Personal - Verhältnissen der Unterstützungsbedürftigen. Es werden folgende Abtheilungen gebildet: 1. Abtheilung für Ethik, Wissenschaft und Kunst; 2 für allgemeine, fachliche und gewerbliche Ausbildung und Handfertigkeitsübung; 3. für Unterstützung, Erwerbs- und Arbeits-Nachweis; 4. für Krankenpflege und Wartung; 5. für Wittwen und Waisen; 6. für Wohnungsverbesserung und Gesundheitspflege; 7 für Durchreisende und durch Verfolgung in Bedrängniß Gerathene; 8. Abtheilung für Kinderbeschenkung, Ferienkolonien und Heilstätten, und 9 Abtheilung für Wohlthätigkeitspropaganda — Ein seltenes Doppelfest beging kürzlich der derzeitige Präses des Tempelverbandes Herr Jos. Schönfeld Derselbe konnte am Sabbath vor 8 Tagen sein 25 jähriges Vorsteherjubiläum feiern. Aus Anlaß dieses Tages fand im Tempel ein Festgottesdienst , statt. Nach beendetem Gebet sprach Herr Dr. Leimdörfer den Segen über den Jubilar, während Herr Dr. Seligmann die Predigt hielt. Nach Beendigung des Gottesdienstes fand noch im Direktionszimmer eine Feier statt. Herr Benedikt Schönfeld hob die Verdienste des Jubilars um die Entwicklung des Tempelverbandes hervor und enthüllte ein vom Vorstand zur Erinnerung für das Direktionszimmer gestiftetes Abbild des Jubilars. Im Namen des Repräsentantenkollegiums überreichte Herr H Rothschild eine kunstvoll gearbeitete Adresse. Tiefgerührt dankte der Jubilar für die ihm erwiesenen Ehren Zwei Tage später konnte Herr Schönfeld im Kreise seiner Familie seinen siebzigsten Geburtstag feiern. Auch an diesem Tage wurden Herrn Schönfeld, welcher auch dem Vorstand der hiesigen Gemeinde, sowie vielen Wohlthätigkeitsinstituten und Stiftungen als Vorsteher angehört, zahlreiche Ovationen zu Theil. * a. Homburg v. d H., im April. Der israelitische Armen-Holz- Verein (gegründet 1618) und der Verein zur Ausstattung israel. Mädchen bezw Ausbildung für einen Lebensberuf, Begründung eines Geschäfts oder einer Häuslichkeit (gegründet 1886) versenden ihren Rechenschafts-Bericht für das Jahr 1893. Aus den Bilanzen der beiden Vereine ist zu erkennen, daß sie fortwährend bestrebt sind, den hohen Zielen, die sie sich gesteckt, näher zu kommen. Der Holzverein war nicht allein im Stande, allen Anforderungen, welche 4 größere und 4 kleinere Familien, sowie 5 alleinstehende Personen an ihn stellten, mit 582% Zentner Steinkohlen und einem Klafter geschnittenen Buchenholzes zu entsprechen, sondern er gewährte auch noch mehreren Hilfesuchenden vom Lande, die zum Theil außerdem von Frankfurt Unterstützung erhalten, 43% Centner Steinkohlen und für Mk. 12 Brennholz. Bon den Einnahmen des Vereins an Beiträgen und Zinsen konnten diese Ausgaben gedeckt werden, es blieben noch Mk. 7.82 übrig, welche in Verbindung mit den ihm zu Theil gewordenen Geschenken im Betrage von Mk. 305.79 den Kapitalstock gegen das Vorjahr um Mk. 313.61 vermehrten. Derselbe hat jetzt die Höhe von Mk. 6242.85 erreicht, eine Summe, die bei der Beliebtheit des Vereins, der eines der nothwendigsten Lebensbedürfnisse des Armen zu befriedigen sucht, uns die schönsten Aussichten für die Zukunft des Holzvereins eröffnet. Der Mädchen-Ausstattungs- Verein dagegen hat in seinem fast 8jährigen Bestände noch wenig geleistet, weil er vorerst noch mit der Schaffung eines Kapitalstocks beschäftigt ist. Außer seinem Spenden-Antheil von Mk. 1417.94 vereinnahmte der Verein circa Mk. 1000 an Beiträgen und Zinsen, eine Summe, die uns schon jetzt befähigen würde, alle 4 Jahre Mk 4000 für unseren Vereinszweck herzugeben, also mit viel größeren Gemeinden wetteifern zu können. Der Vorstand ist Louis Lehmann, unser verehrter alter Mitarbeiter, der auch diesem Bericht einige warm empfundene poetische Worte und Verse mit auf den Weg gegeben hat. Oesterreich - Ungar«. Q Wien, 23. April. Ein neuer Skandal! Bei dem Bankett, das zu Ehren des neuernannten Bürgermeisters stattfand, war auch der Kommandirende von Wien, Freiherr von Schönfeld, anwesend, und die Worte, die der hohe Militär bei jenem Bankett gesprochen, gaben den Antisemiten wieder reichlich Gelegenheit zu einigen Skandälchen: Die Rede Luegers in der letzten Reichsrathssitzung ist Ihnen jedenfalls aus den Tagesblättern bekannt Er erklärte u. A.: daß Dr. Menger ein Jude ist. Darauf antwortete ihm der Abgeordnete Dr. Menger (zur thatsächlichen Berichtigung): Ich würde gar keine Unehre darin sehen, ein Jude zu sein, nicht die geringste Unehre. Ich glaube, daß unter den Juden hundertmal ehrenhaftere Männer sind, als unter denen, welche sie in solcher Weise angreifen. Aber zufällig bin ich kein Jude, sondern aus einer alten Egerer Bürgerfamilie, die schon seit dem 17. Jahrhundert in Eger ansässig war, und von der mein Vater abstammte. — Der Freund und Mitarbeiter des wegen Majestätsbeleidigung verurtheilten Paulus Mayer, der Pfarrer Dr. Josef Decker t, läßt jetzt in Wemhaus eine ganze Serie von unerhörten Hetz- und Schmähpredigten gegen die Juden los, in denen er den Talmud zu „eitiren" vorgiebt, indem er die widersinnigsten und unwahrsten Behauptungen daraus wiedergiebt. Unter den besser denkenden Bewohnern Wiens herrscht über ein solches Treiben die gerechteste Entrüstung —; bei den unteren Klassen der Bevölkerung — und aus denen ist ja der Zuhörerkreis des Hetzpredigers zum größten Theile zusammengesetzt, wirken derartige Manöver immer! Die Abgeordneten Wrabetz und Genossen richteten deshalb am Schluß der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses an den Justizminister nachfolgende Interpellation: „Am gestrigen Sonntag (den 15. April) wurde, glaubwürdigen Nachrichten zufolge, vor einer Wiener Pfarrkirche das beiliegende Flugblatt, überschrieben „Das Vaterunser in der Judennoth" vertheilt, welches die christliche Bevölkerung auffordert, dieses Vaterunser zur Befreiung von der Judennoth täglich zu beten. Mit diesem Gebete soll ferner die beiliegende Schrift „Türkennoth und Judenherrschaft", verfaßt von dem katholischen Pfarrer Dr. Josef Deckert, zur Vertheilung gekommen sein, in welcher obenerwähntes Gebet eine ausführliche Erörterung findet. Die Interpellanten stellen demnach an den Justizminister die Anfrage, ob demselben der geschilderte Vorgang bekannt ist, und was er zu veranlassen gedenke, um derlei Verhetzungen der Bevölkerung hintanzuhalten." Auch in einer Versammlung des Rudolfsheimer Bürgerklub gab Reichsrathsabgeordneter Graf Stürgkh, veranlaßt durch die Diskussion, welche sich an die Affaire Deckert knüpfte, eine bemerkenswerthe Erklärung ab. Er sagte, daß es ein Jrrthum sei, anzunehmen, die Linke lege sich Reserve auf, da, wo es gilt, für die Durchführung der Staatsgrundgesetze Sorge zu tragen. Gerade was die Anstellung jüdischer Mitbürger im Staatsdienste betrifft, so sind es gerade die Abgeordneten der Linken, die auf diesem Gebiete darin einig seien, daß das Prinzip der Gleichberechtigung strenge gewahrt werden müsse; und ich sagte Graf Stürgkh weiter — glaube nicht, daß es erst nöthig sei, auf die derzeitige Regierung in diesem Sinne einzuwirken. Ich selbst kann aus meiner eigenen Praxis sagen, daß jüdische Aspiranten für den Staatsdienst in der jüngsten Zeit eine Aufnahme gefunden haben, die ihnen gewiß nicht den geringsten Anlaß zu einer Klage bietet. Was die Aufführung einzelner entgegengesetzter Fälle in publizistischen Organen betrifft, so sind dieselben mit der größten Vorsicht aufzunehmen, da die Tendenz dieser