Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Amt als Religionslehrer und Kantor an, welchem er in diesen Jahren unermüdlich und gewissenhaft Vorstand. Seine Schüler, die in verschiedenen Städten über Deutschland hinaus leben, haben ihren Lehrer zu diesem Feste mit vielen Geschenken, als silbernem Leuchter, einer Hängelampe) begleitet von einer künstlerisch ausgestatteten Adresse, erfreut. Die hiesigö jüdische Gemeinde überreichte durch ihren Vorstand einen silbernen Räuchert thurm unter herzlichen Glückwünschen. Von Seiten des Großherzogs ging nachfolgendes hohes Schreiben des Inhalts ein: „Obwohl 25jährige Jubiläen zu berücksichtigen der hiesigen Ueblichkeit entzogen ist, haben Seine Königliche Hoheit der Großherzog sich doch gefreut, zu hören, daß der Religionslehrer Abraham Philippson während der abgelaufenen 25 Jahre sich die Anerkennung und Liebe seiner Gemeinde erworben hat. Allerhöchst dieselben ermächtigen den Gemeindevorstand gnädigst dem Religionslehrer Philippsohn dies mitzutheilen." Zur Tagesfeier wurde ein Festgottesdienst in hiesiger Synagoge abgehalten, zu dem sich mehrere auswärtige Gäste einfanden. Der Kantor Herr Steinknitzer aus Neubrandenburg leitete den Gottesdienst und trug die Gebete recht würdig vor. Landesrabbiner Dr. Hamburger aus Strelitz hielt die Festpredigt, die zu ihrem Texte den Psalmspruch: „Ich freute mich, da man zu mir sprach: wir gehen in das Gotteshaus", hatte. Die Rede machte auf alle Anwesenden einen erhebenden Eindruck. Auch von den hiesigen Einwohnern wurde der Jubilar mit Glückwünschen reichlich bedacht, während von den auswärtigen Freunden Telegramme eintrafen. Nachmittags vereinigten sich die Betheiligten in der Wohnung des Jubilars zu einem gemüthlichen Zusammensein. Fr. Seesen am Harz, 20. April. Der Bericht der Jacobson- Schule für die Zeit von Ostern 1893 bis Ostern 1894, erstattet vom Direktor Dr. E Philippson, ist erschienen. Ein Sohn des Stifters unserer Schule, der am 18. Februar 1693 verschiedene Herr Joseph Jacobson, ehemaliger Gutsbesitzer auf Klenz, hat der Anstalt ein Legat von 6000 Mark hinterlassen. Mit dem Legat ist die Verpflichtung verbunden, die an der westlichen Wand des Friedhofs in der Schönhauser Allee auf dem Erbbegräbniß Israel Jacobsons belegene Grabstätte des Verstorbenen zu unterhalten. In der Aula der hiesigen Realschule hat das Bild des Dahingeschiedenen neben denen seines Vaters und seiner vor ihm dahingegangenen Brüder eine Stelle gefunden. Im Berichtsjahre hatte die Schule die große und seltene Freude, ein doppeltes Lehrerjubiläum zu feiern, das fünfzigjährige des Herrn C. Gürbich und das fünfundzwanzigjährige des Herrn S. Gerson. Herr Gürbich, seit Michaelis 1843 Lehrer der Realschule, ist zwar Ostern 1890 mit Rücksicht auf sein Alter in den Ruhestand versetzt worden, hat aber doch die Verwaltung der Lehrer- und der Schülerbibliothek, sowie die Büchervertheilung an die Hausschüler beibehalten. Die Schülerzahl betrug am 1. Februar 1894 257 Schüler, von denen 134 Juden, 123 Christen waren. Die Zahl der Hausschüler, welche gegen Pension oder in Freistellen in der Anstalt verpflegt werden, beträgt 158, die Zahl der Stadtschüler 99. Das Alumnat erfreut sich eines ausgezeichneten pädagogischen Rufes. Seit vier Jahren besteht hier eine Schülerwerkstatt mit Hobelbankarbeit und einer Abtheilung für Unterricht im Kerbschnitt und Papparbeit. Die Schüler finden hier Gelegenheit, sich in erfrischendem Wechsel mit den geistigen Anstrengungen der Schule körperlich zu bethätigen, ihre Sinne zu üben, ihre Hände zu selbstständiger Arbeit geschickt zu machen und den segensreichen Einfluß rüstigen, leiblichen Schaffens an sich selber zu erfahren. Al. F. Dresden, 23. April. Unsere Gemeinde hat ihren Verwaltungsbericht über das Jahr 1893 veröffentlicht. Sie zählte Ende 1893 : 492 stimmberechtigte Mitglieder gegen 505 im vorigen Berichtsjahre. In Anbetracht der Zeitströmung erscheint es uns des Hervorhebens würdig, daß zwar 1 Mitglied wegen Verlustes der Ehrenrechte gestrichen wurde, kein (1 im vorigen Berichtsjahre) Mitglied in Folge Austritts aus dem Judenthum ausgeschieden ist. 22 Mitglieder hat die Gemeinde in Folge Wegzugs verloren. — Eine besondere Abart des Antisemitismus, die aus partikularistischen Grundlagen ihre Wurzeln zieht, hat ihren Hauptsitz in Dresden. In den im Bericht wiedergegebenen Auszügen aus den Protokollen über 3 Sitzungen des Gemeindevorstandes tritt uns diese Thatsache in betrübender Weise entgegen. — In der Schächtfrage halten, nachdem das Ministerium des Innern die von den 3 Gemeinden Dresden, Leipzig und Chemnitz be^ antragte Vorlegung an das Kultusministerium zur Prüfung der Ritualfrage abgelehnt, die Rabbiner der 3 Gemeinden sich direkt an das Kultusministerium gewendet. Im Ginverständniß mit der Gemeinde Leipzig wurde beschlossen, vom Ministerium des Innern eine Abschrift der seiner ablehnenden Verordnung zu Grunde liegenden thierärztlichen Gutachten zu erbitten. Die Mitthe ilung der Abschrift ward abgelehnt.— Sehr anzuerkennen ist die mannhafte Haltung unseres Gemeindevorstandes bei folgender Gelegenheit. Im Stadtverordnetmsaale brach ein Ausschußberichterstatter die Gelegenheit vom Zaune, um — anläßlich einer Bewilligung für künstlerischen Schmuck des Festsaales der höheren Töchterschule — den Geist dieser Schule anzugreifen und in ursächlichen Zusammenhang mir der angeblich großen Zahl von Schülerinnen jüdischen Bekenntnisses, unter Betonung der Bescheidenheit, als der Kardinaltugend deutscher Mädchen, zu bringen. Auf ein deshalb von dem Vorstand der Gemeinde beschlossenes Gesuch an den Stadtrath erwiederte dieser dem Vorstand, daß er mit ihm die von einem Stadtverordneten dabei gethanen geradezu gehässigen Aeußerungen bedauere, daß sie thatsächlicher Angaben ermangeln, daß aber im Interesse des friedlichen und freundschaftlichen Verhältnisses zwischen den Schülerinnen dringend zu wünschen sei, daß der Vorfall in Vergessenheit gerathe. — Der dritte hierher gehörige Fall ist folgender: Ein neues in hierfür bekanntem Verlage erschienenes Spottbild gab dem Gemeinderath, gegen die Stimme eines Mitglieds, Anlaß, durch den Vorstand bei der Polizeidirektion auf Verbot des öffentlichen Aushängens vorstellig zu werden. Die Polizeidirektion erließ das Verbot, das auf Beschwerde des Verlegers von der Kreishauptmannschaft aufgehoben wurde. Dem trat auch das Ministerium des Innern bei. — Es sind im Jahre 1893 für die verschiedenen Wohlfahrtseinrichtungen der Gemeinde Spenden eingegangen im Betrage von 2729 Mark. Die letze Gemeinderathssttzung des abgelaufenen Jahres, in Anwesenheit des Herrn Rabbiners Dr. Winter, galt dem ausscheidenden Vorsteher, Herrn Kommerzienrath Bondi, dem seine Kollegen eine mit seinem Bilde geschmückte, seine 32 jährige Amtsthätigkeit schildernde Denkschrift unter einer Ansprache des Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalts Emil Lehmann, überreichten, der sich eine Dankrede des Herrn Rabbiners Dr. Winter anschloß. Herr Bondi hat zur Erhöhung der von seiner Schwester errichteten, nun 15.000 M. betragenden Joseph Bondi-Stiftung eine Spende von 3,000 M. beigetragen. — Der Stand der hiesigen Wohlthätigkeitsvereine war im Berichtsjahre folgender: Die Krankenverpflegungsgesellschaft (Bickur Chaulim) hatte bei 336 Mitgliedern einen Bermögensbestand von 73,084 M., die Brüderschaft Gemilus Chassodim einen Bestand von 16,664 M., wozu durch den Begräbnißkaffenverein ein Zuwachs von 8,604 M. kommt, das Krankenunterstützungs - Institut Mischeness Hauchaulim besitzt ein Vermögen von 18,779 M. bei 206 Mitgliedern, der israelitische Frauenverein zählt 306 Mitglieder und hat einen Fonds von 46,672 M., der Mendelssohn-Verein zählt 179 Mitglieder und verwaltet 32,434 M., der Armen- und Fremden - Unterstützungsverein hat 192 Mitglieder, in Folge starker Ausgaben aber nur einen Bestand von 8,147 M., dagegen besitzt der Verein Kaehnossas Kalo das verhältnißmäßig hohe Vermögen von 50,978 M, der Verein zur Bekleidung der Armen schließt mit einem Bestand von 16,021 M. ab, die Dr. Beerstiftung, welche hauptsächlich Studirende unterstützt, mit 11,630 M. Unter den sonstigen vom Vorstand verwalteten Stiftungen befindet sich auch die dem Andenken des früheren Rabbiners der Gemeinde gewidmeten Dr. Wolf Landau-Stiftung. — Die Religionsschule der Gemeinde wurde 1893 von 247 Schülern, nämlich 132 Knaben und 115 Mädchen besucht. Die Religionsschule hat 6 Knaben- und 6 Mädchen - klaffen, an ihr unterrichten außer Herrn Dr. Winter die Herren Auerbach, Golde und Wolfsohn und Frau Wolfsohn. An dem von Herrn Dr. Winter abgehaltenen Fortbildungs-Religionsunterricht haben 5 dem religionsschulpflichtigen Atter entwachsene Knaben theilgenommen.— Der Lehrer-Pensionsfonds besitzt 16,000 M. in 3vroz. Sächs. Rente. ** Hamburg, 20. April. Mit der Frage, ob die Bezeichnung „Antisemit" eine schwere Injurie sei, hat sich kürzlich das hiesige Schöffengericht zu befassen gehabt. In einem Beleidigungsprozeß zweier Kaufleute, von denen nach einem Wortstreit der eine zu Tätlichkeiten überging, wurde dieser vom Schöffengericht freigesprochen, dagegen wurde der Kläger auf Grund einer Widerklage zu 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt, weil er sich einer gröblichen Beleidigung gegen den andern schuldig gemacht habe, indem er denselben als Antisemit Gezeichnete. In