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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-27 · Heft 17 (27.4.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 17 (27.4.1894)
Date
1894-04-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Veröffentlichung klar zu Tage liegt. Bezüglich des Falles Deckert kann es wohl nur ein einmüthiges Urtheil geben. Es liegt hier ein grober Mißbrauch, der nicht rückhaltlos genug verurtheilt werden kann, vor, und es zeigt stch nun, daß dieser Herr, welcher sich schon einmal im Gerichtssaale arg kompromittirt hat, seit jeher würdig war, die verschärfte Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zu lenken. — In der gestrigen Generalversammlung des „Wiener Schutzvereins zur Rettung verwahrloster Kinder" hielt Kardinal Doktor Gruscha als Ehrenpräsident die Eröffnungsrede. Der Kardinal besprach die Wirksamkeit der wohlthätigen Vereine und speziell die hochherzigen Tendenzen des Schutzvereins' Mit Stolz nenne sich dieser „Wiener Schutzverein", denn wir Wiener sind durch unseren Wohlthätigkeitsstnn weit über die Grenzen unserer Monarchie bekannt. Freiherr v. Hye widmete dem vorstorbenen Ausschußmitgliede, Oberrabbiner Jellinek, einen warmen Nachruf, in dem er dessen vorzügliche Eigenschaften und seine Verdienste als Seelsorger würdigte und den jetzigen Oberrabbiner Güdemann zur Neuwahl vorschlug. Bei der darauffolgenden Wahl wurde Oberrabbiner Güdemann neugewählt. — Gestern Vormittags beglückwünschte eine unter der Führung des Präses GR. Simon stehende Deputation der israelitischen Kultusgemeinde den Bürgermeister Dr. Grübl zu seiner Wahl. — In Meran starb am 17. April die Schriftstellerin Frau Fanny Neuda im Alter von 75 Jahren. Ihre „Stunden der Andacht" für Frauen und Mädchen haben vermöge ihres tiefen, sittlichen Gehalts (eine moderne Techinah), ihrer fesselnden Form und der darin bekundeten feinen Kenntniß des weiblichen Herzens in allen jüdischen Kreisen lebhafte Anerkennung gefunden und zahlreiche Auflagen erlebt. Frau Neuda hat außerdem wohlgelungene Erzählungen für die Jugend veröffentlicht. Sie war die Wittwe des im jugendlichen Alter 1854 verstorbenen Rabbiners Abraham Neuda zu Loschitz und die Schwester des hiesigen Oberrabbiners Dr. Schmiedl. Ihr Andenken wird in Ehren fortleben. — Die Art und Weise, in welcher Dr. Güdemann gestern bei seiner ersten Ansprache, die er, berufen an die Stelle Dr. Jellinek's, im Tempel in der Seitenstättengasse über die Bedrüllungen des Judenthums hielt, zeigt gegenüber den Jnvektiven Deckert's einen Kontrast, wie der Geist der Liebe zu dem des Fanatismus. In unverkennbarem Hinweise auf die jüngsten Auslassungen priesterlichen Zelotismus forderte er in erhebenden Worten die Gemeinde auf, das Samenkorn der Liebe in die Furchen des Herzens zu legen, es sorgsam zu pflegen in dieser Welt des Hasses, damit es tausendfältige Frucht trage. Zum Schluß forderte Dr. Güdemann die Zuhörer auf, den Feinden — zu verzeihen. — In den Stadtrath wurde der jüdische Gemeinderath Stiaßny mit großer Majorität gewählt.— Wie man aus Olmütz schreibt, hat der Fürsterzbischof Dr. Kohn dem israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsvereine 50 fl. gespendet. E. B. Budapest, 23. April. Gedenkt man der Drohungen und schwarzen Weissagungen, die aus dem antiliberalen Lager seit Jahr und Tag ertönten, erinnert man stch der krampfhaften Anstrengungen, die gemacht wurden, um das liberale kirchenpolitische Programm der Regierung unmöglich zu machen, so kann man sich eines Gefühles des Mitleides nicht erwehren, wenn das Ergebniß der verlorenen Liebesmühe darin besteht, daß man es unter dem Hochdrucke der Kirche, des größten Theiles der Aristokratie und aller Spielarten der Finsterlinge bei der Abstimmung über den Ehegesetzentwurf auf Grund der obligatorischen Civil ehe mit genauer Noth auf etwas mehr als hundert brachte, während die Sache des Liberalismus mit einer Majorität von 175 Stimmen den Sieg davon trug. — Der Kaiser hat den Universitäts- Dozenten Dr. Kornel Lichtenberg durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Wer die rastlose und ersprießliche Thätigkeit dieses als Spezialität geschätzten Arztes auf humanitärem Gebiete, besonders aber seine Verdienste um das Aufblühen der nun seit 10 Jahren segensreich wirkenden Poliklinik kennt, wird es freudig anerkennen, daß die Huld des Monarchen diesmal keinem Würdigeren zu Theil werden konnte. Die öffentliche Meinung nahm diese Auszeichnung mit besonderer Befriedigung zur Kenntniß. — Die Budapester Advokatenkammer hat jüngst in einer Disziplinaran gel egenh eit eine interessante Entscheidung getroffen. Das Disziplinargericht hat nämlich einen Advokaten, der in einer Eingabe seiner antisemitischen Gesinnung Ausdruck gab, ermahnt und zur Ordnung gewiesen. In der Begründung heißt es, der Advokat habe die seinen Kollegen und der Kammer schuldige Achtung verletzt, indem er folgende Aeußerung machte: „Auf dasjenige, was der Kläger über die Ehre sagt. anworte ich nur so viel, daß ich als Christ nach den Prinzipien einer solchen Religion und Moral erzogen wurde, deren Kenntniß ich wohl vom Kläger nicht voraussetzen kann, aber eben deshalb halte ich ihn für unfähig, über meine Ehre Kritik zu üben." Diese Aeußerung kann als eine im amtlichen Wirken sich offenbarende Erscheinung des konfessionellen und Rassenhasses nicht ungeahndet bleiben. Non Nah und Fern. ---- Gegen den Böckelschen „Reichsherold" hat der Reichskanzler Graf Caprivi Strafantrag gestellt wegen Beleidigung durch einen in der Nummer vom 9. Januar enthaltenen Artikel. — Die von dem bekannten Leipziger Antisemitenführer Theodor Fritsch herausgegebenen „Deutsch-sozialen Blätter" sind in den Besitz der deutsch-sozialen Partei übergegangen, da die freireligiöse Tendenz dieses Blattes von einem großen Theile der Parteigenossen bekämpft wurde. Theodor Fritsch will nunmehr eine neue Monatsschrift herausgeben. — Wie die „Neußer Zeitung" mittheilt, sind auf dem jüdischen Begräbnißplatz zu Zons dieser Tage vier Grabsteine zertrümmert und umgeworfen worden. Die Verüber dieses Bubenstreichs sind leider nicht ausfindig gemacht worden. — Der dritte ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens wird am 24. Juni d. Js. zu Soest in den schönen Räumen des Schützenhofes daselbst abgehalten werden. — Generaldirektor Hermann Levi in München hat vom Prinzregenten den Titel Generalmusikdirektor erhalten. — Der antisemitische Redakteur Reut her aus Heidelberg wurde vom Schwurgericht in Mannheim wegen Aufreizung zum Klassenhaß zu sechs Wochen Gefängniß verurtheilt. — In Olmütz ist Dr. Adolf Brecher, der als Arzt sich großen Ansehens erfreute, gestorben. Geboren zu Proßnitz 1831 als Sohn des 1873 verstorbenen Dr. Gideon Brecher, übersiedelte er 1859 nach Olmütz. Bald zählte er zu den gesuchtesten Aerzten. Neben seiner eigentlichen Berufsthätigkeit entwickelte Dr. Adolf Brecher eine fruchtbare litterarische Wirksamkeit. In den sechziger Jahren veröffentlichte er ein Räthselbuch „Sphynx", später übersetzte er die Psalmen aus dem Hebräischen ins Deutsche, dann folgten mehrere Sammlungen humoristischer Gedichte. Er war mehr als ein Bierteljahrhundert Vorstand-Stellvertreter der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde. Die Jsraeliten-Gemeinde Proßnitz hat ihm vor einigen Jahren das Ehrenbürgerrecht verliehen. — Der König verlieh dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde in Arlon (Belgien) Michel Fribourg den Leopoldsorden. — Die Soctetä des Etudes juives in Paris hat ihr Büreau für 1894 folgendermaßen konstituirt: Präsident Theodor Reinach; Vize-Präsidenten die Herren Ab. Cahen und M. Vernes; Schatzmeister Mo'ise Schwab; Sekretäre Maurice Bloch und Lucien Lazard. - In Lon don hielt der Generalmajor Sir Charles Wilson im Verein jüdischer Arbeiter einen Vortrag über Palästina. „Der Held von Khartum" hatte schon eine Woche zuvor im Jews' College bei einem Vortrage des Herrn Marcus Adler über „Jüdische Pilger nach Palästina" den Vorsitz geführt. Er ist Direktor der „Palestine Pilgrim Text Society“ und gab interessante geographische Berichte über das heilige Land. — Mrs. Lina Gott heil in New-Uork, Gattin des Prof Richard Gottheil vom Columbia-Kollege, wurde durch eine Auszeichnung geehrt, welche keiner Frau in den Vereinigten Staaten verliehen wurde. Die französische Akademie hat Frau Gottheil den Titel eines Officier de l'Academie Franqaise verliehen in Anerkennung ihrer großen Dienste um die französische Sprache. Mrs. Gottheil ist in Beyrut (Syrien) geboren und. wurde in Paris erzogen, wo sie mit 16 Jahren an der Ecole Superieur promovirte. Mit Hilfe der Allianz gründete sie eine Schule in ihrer- Geburtsstadt nnd später in Aleppo in Mesopotamien. — Frau Max Rosenthal in Chicago hat 100,000 Dollars zur Vertheilung an das Hospital Michael Reese, die israelitische Handwerkerschule und das israelitische Waisenhaus in Cleveland geschenkt. — Nach einer Mittheilung französischer Fachblätter hat die Eisenbahngesellschaft, welche die Linie Jaffa-Jerusalem erbaut hat und seit Jahr und Tag betreibt, ihre Zahlungen einstellen müssen — Während der letzten Jahre hat in Bokhara ein großer Zuzug von Israeliten stattgefunden, die sich dort wohler fühlen als in Rußland und von denen sich viele in das Khanat geflüchtet, als sie von dem nahen russischen Gebiet ausgewiesen wurden. Druck und Vertag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin,

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