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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-27 · Heft 17 (27.4.1894) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 17 (27.4.1894)
Date
1894-04-27
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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Drangsal Schutz und Zuflucht gewesen. Und Stunden auf Stunden vergingen, und noch immer war die Versammlung im Gebet versunken. Aber als sie ihre Augen trockneten und sich im Zimmer umsahen, war das Kalb verschwunden und die Kiste mit Gras und' Kräutern bis an ven Rand gefüllt, die so frisch und feucht waren^ als wären sie soeben auf dem Felde gepflückt worden. Freudestrahlenden Angesichts sprach mm der Rabbi: „Gelobt sei Gottder das Werk des Satans vereitelt; diesen Tag hat Gott gemacht, wir wollen jubeln und uns freuen an ihm." Am frühen Morgen des folgenden Tages überbrachten zwej Boten dem Rabbi den Befehl des Kaisers, sofort vor ihm zu erscheinen. Als der Rabbi in das Gemach des Kaisers getreten war, sprach dieser: „Ich ersuche Euch, niir die Kiste wiederzugeben, die ich vor längerer Zeit Euch zum Aufbewahren gegeben habe." Der Rabbi verneigte sich vor dem Kaiser und bat um Erlaubniß, die Kiste ans seinem Hause holen zu dürfen. Und der Kaiser gab dem Rabbi einen Diener mit zum Tragen der Kiste; und schon nach einer kurzen Frist befand sie sich im Schlöffe des Kaisers. Ungeduldig, mit zitternden Händen riß der Kaiser den Deckel der Kiste auf. und da gewahrte er die Gräser und Kräuter welk und verdorrt. Nachdenklich blieb er einige Minuten stehen und ließ seinen Blick abwechselnd bald nach dem Rabbi, bald nach der Kiste und deren Inhalt schweifen. Dann aber sprach er: „Rabbi! Sagt mir die Wahrheit! Habt Ihr die Kiste geöffnet? Soviel ich weiß, sind die Kräuter und Gräser; die seit Jahrhunderten in der Kiste aufbewahrt lagen, immer feucht und frisch gewesen; auch zur Zeit,'als ich Euch die Kiste zum Aufbewahren gab, hatten sie ihre Frische und Feuchtigkeit; wie kommt es nun, daß sie welk und verdorrt sind? Doch Ihr zittert, Euere Füße wanken, Euere Kraft droht, Euch zu verlaffen; ja, ja, ich seh' es Euch an, Ihr habt die Kiste geöffnet, aber fürchtet Euch nicht, saget mir nur die Wahrheit, hört Ihr! Da faßte der Rabbi Muth und erzählte dem Kaiser Alles, was in der verfloffenen Nacht vorgefallen war. Aufmerksam lauschte der Kaiser den Worten des Rabbi, und als dieser mit seinem Bericht zu Ende war, sprach er: „Ich sehe nun, daß Ihr nicht umsonst auf Gott zu jeder Zeit vertrauet. Doch muß ich Euch sagen, daß trotzdem nun Euere letzte Stunde geschlagen hat; denn da die Gräser und Kräuter ihre Feuchtigkeit eingebüßt haben, so hat Israel, wie mir von meinen Weisen vorausgesagt wurde, seine Lebenskraft verloren." Da füllten sich die gen Himmel gerichteten Augen des Rabbi mit Thränen, die wie Perlen in die Kiste auf die welken Gräser und Kräuter Herabsielen, und diese wurden auf's Neue wie Gras auf dem Felde durch Regen grün, frisch und feucht. Als der Kaiser sich umschaute und dies gewahrte, sank er in die Knie und sprach: „Wenn auch Blumen welken und Gras verdorrt, Du und Dein Volk, Ihr werdet iminer grünen und blühen und ewig bestehen, wie das Wort des allmächtigen Gottes, das Ihr in Treue und Liebe in Euerm Herzen tragt." Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! f^er die amtliche Bekanntmachung betreffend den Gottesdienst I für den zweiten Peßachtag in den hiesigen Synagogen gelesen hat, wird sich des Gefühls nicht erwehren können, daß die Büreaukratie, welcher Art dieselbe auch immer sei, es überall meisterhaft versteht, sich über die wirklichen Bedürfnisse mit ihren strengen Verordnungen hinwegzusetzen. Man möchte fast annehmen/ daß did beregte Bestimmung, welche wörtlich lautet: „Um Ueberfüllung der Synagogen zu verhüten, ist der Zutritt am Sonntag, den 22. er. Vormittags, nur gegen Vorzeigung der für das laufende Jahr geltenden Karten gestattet," diktirt worden ist von einem Mangel an Wohlwollen gegenüber derjenigen breiten Schicht unserer Gemeinde-Mitglieder, denen, wenn man von Roschbaschana und Jomkippur absteht, es nur möglich ist, den Tempel an solchen Festtagen zu besuchen, welche mit dem Sonntag oder einem christlichen Feiertag zusammenfallen. Man kann getrost behaupten, daß die hier in Frage kommenden Israeliten die Mehrzahl der Gemeinde bilden; es gehören zu denselben außer dem großen Heer der kaufmännischen und Büreau-Angestellten beiderlei Geschlechter auch viele selbständige kleine Gewerbetreibende, welche ihre Läden und Werkstätten an gewöhnlichen Werktagen nicht verlaffen können. Nun sollte man meinen, daß bei den Klagen, welche von allen Seiten über die zunehmende Gleichgiltigkeit in religiösen Angelegenheiten laut werden, die berufenen Hüter der Religion mit Freuden die Gelegenheit ergreifen würden, um denjenigen, welche nur ausnahmsweise einen hohen Festtag mitfeiern können, die Möglichkeit zu bieten, sich auch beim gemeinsamen- Gottesdienst zu erbauen. Das ist sicherlich der natürliche Gedankengang eines Juden, welchem sein Judenthum am Herzen liegt, und dem gegenüber erscheint die Anordnung, nach welcher nur die beschränkte Anzahl der Kartenbesitzer das Recht zum Besuch der Synagoge hat, geradezu unverständlich. Bei früheren ähnlichen Veranlassungen suchte der Vorstand dem Bedürfniß dadurch zu entsprechen, daß zweimal an solchen Tagen Morgen- Gottesdienst in den Tempeln der Gemeinde abgehalten wurde; es fehlte allerdings bei dem ersten eingelegten Gottesdienst die Predigt, welche für Viele, denen eine tiefer gehende Kenntniß des Hebräischen abgeht, als der erbauendste Theil der Andacht gilt. Man wende nicht ein, daß ja die Tempel der kleinen Separat-Gemeinden offen ständen; wer die Berliner Verhältnisse kennt, wird zugeben, daß der Besuch der Neuen Synagoge und derjenigen in der Lindenstraße besonders bevorzugt ist. Es liegt uns durchaus fern, einer besonderen Ueberbürdung der Rabbiner und Vorbeter das Wort reden zu wollen; aber das kann wohl beansprucht werden, daß in diesen speziellen Fällen doppelte Morgen-Andachten abgehalten werden, damit Jedem, ob vornehm oder gering, Gelegenheit geboten wird, sich im Tempel des Herrn zu erbauen. Der erste Tag des Schewuothfestes wird wieder auf einen Sonntag fallen, mögen diese Anregungen beim Vorstand freundliche Berücksichtigung finden. Berlin, im April. M. B. * Sehr geehrter Herr Redatteur! fürste ich Sie bitten, im Sprechsaal Ihrer werthen Zeitung folgende Zeilen aufzunehmen: In dem hochinteressanten Artikel „Die jüdischen Melodien" des ver ehrten Prof. Steinthal finde ich folgenden Satz: „Aus der Zeit des Tempels besitzen wir, streng genommen, gar keine Melodie." In der Jllustrirten Musikgeschichte von Dr. A. Swoboda liest man Folgendes hierüber: „Kein Zweifel, daß sich die Reste alten jüdischen Tempelgesanges nicht mehr sicher ermitteln lassen, allein bei der Zähigkeit, mit welcher die Juden an allen Ueberkommnissen ihrer nationalen Eigenart festhalten, und ihr konservativer Rassensinn machen es durchaus wahrscheinlich, daß die alten Gesänge, welche vor der Bundeslade in Jerusalem von den Leviten vorgetragen wurden, sich zum Theil bis auf unsere Tage erhalten haben." Dr. Swoboda führt auf Seite 175 seines Werkes ein Beispiel an, das vom Sprechgesange zur Melodie übergeht und auf eine uralte hebräische Tempelweise schließen läßt. Ich glaube anzunehmen, daß, obwohl das Chosons der verschiedenen Länder von einander abweicht, die Sprechgesänge, besonders der Jomim noroim. den Stempel uralter Melodien tragen. Hochachtungsvoll Colmar, 11. April. Aron Levy, Chordirigent. * tttter „Bon Nah und Fern" war in der letzten Nummer eine Notiz über den sehr interessanten Vortrag „Das Reichspostgebäude in Köln und die Juden", in welchem dem verehrten Vortragenden der Titel „Professor" ertheilt und der Titel „Rabbiner" genommen wurde, welcher Herrn Dr. Frank sicher höher und werthvoller ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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