Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228058--50775-3273601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
203 erwarten, von der Welt ausrotten wird. Geschieht das aber nicht, wird diese Kiste von Juden am Peßachabend nicht als Sedertisch verwendet, so wird Israel imnier stärker und mächtiger werden, bis es am Ende das Reich Edom vernichtet haben wird." Der Kaiser dankte bent Greise für seine Mittheilung, beschenkte ihn und seine Söhne und entließ sie mit der Versicherung seines Wohlwollens. Kaum aber war der Kaiser wieder allein, so ließ er einen Goloarbeiter kommen und beauftragte ihn, ihm eine gleiche Kiste zu machen wie diejenige, die er im Thurm gefunden. Nach einigen Tagen schon brachte der Goldarbeiter dem Kaiser die neu angefertigte Kiste. Der Kaiser belohnte ihn für seine Arbeit und sprach seine Zufriedenheit über die auffallende Aehnlichkeit der beiden Kisten aus. Er füllte hierauf die neuangefertigte Kiste mit Gold und Edelsteinen und ließ durch einen Diener den Rabbi der jüdischen Gemeinde zu sich bescheiden. Als dieser vor ihm erschienen war, sprach der Kaiser zu ihm: „Ihr wisset wohl, Rabbi, daß ich erst seit einiger Zeit den Thron bestiegen habe. Doch schon in dieser kurzen Zeit bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß meine Untergebenen Aufwiegler sind und daß meine ganze Umgebung aus falschen, unzuverlässigen Leuten besteht. Der Gedanke, unter falschen Menschen zu leben, welche vor Verrath und Raub nicht zurückschrecken, ist unerträglich. Ich kann mich dieses fürchterlichen Gedankens nicht erwehren. Die Furcht, das Opfer einer Jntrigue zu werden und nicht nur die Krone, sondern auch Vermögen und Leben verlieren zu müssen, nagt unablässig an meinem Herzen. Ihr seid der Einzige, zu dem ich unbedingtes Vertrauen habe, und ich will Euch nun ein wichtiges Geheimniß anvertrauen. Seht Ihr, diese Kiste hier ist mit Gold und Edelsteinen gefüllt, sie enthält mein ganzes Vermögen. Da ich nicht voraussehen kann, wie es mit meiner Regierung werden wird, Niemand kenne, auf dessen Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ich bauen darf, meine Zukunft aber unter allen Umständen sichergestellt wisse»» möchte, so will ich Euch die Kiste zum Anfbewahren geben. Versprecht mir aber, daß Ihr sie nicht aus Eurem Gesichtskreis lassen werdet, daß sie Euch als Tisch dienen wird, auf dem Ihr esset und studiret, damit Ihr sie stets vor Augen habet. Die Hauptsache aber, daß Ihr Niemandem davon etwas erzählet und die Kiste so lange unter Eurer Obhut behaltet, bis ich sie wieder von Euch fordern werde." Der Rabbi dankte dem Kaiser für das ihm geschenkte Vertrauen und versprach ihm, die Kiste mit der größten Sorgfalt zu bewahren und sie nie aus dem Auge zu lasten. Der Kaiser übergab ihm nun die Kiste. Doch wußte der Rabbi nicht, daß die ihm anvertraute Kiste nicht Gold und Edelsteine, sondern nur Gras und Kräuter enthalte, denn die Kisten sahen sich äußerlich täuschend ähnlich, und der Kaiser hatte sie absichtlich vertauscht, ohne daß der Rabbi es gemerkt hatte. Seinem Worte getreu, hielt der Rabbi ein sehr wachsames Auge auf die Kiste; sie ersetzte ihm thatsächlich die Stelle eines Tisches, auf dem er speiste und studirte, und selbst des Nachts, wenn er das Bett aufsuchte, mußte die Kiste in seiner Nähe bleiben. Auch am Abend des Peßachfestes beharrte er darauf, auf der Kiste zu speisen, und wohl oder übel mußten seine Hausgenossen in seine Ordnung sich fügen und die Kiste als „Sedertisch" verwenden. Kaum aber batte der Rabbi, von seinen Hausgenoffen umringt, den ersten der vier Becher gefüllt und nach Vätersitte mit einem Segensspruch das Fest geheiligt, als eine schauerliche Stimme rief: „Gepriesen sei der wahre Richter, Chomez (gesäuertes Brod) ist im Hause." Der Rabbi und seine Hausgenoffen erschraken wohl gar sehr, ließen sich aber in der Feier des Abends nicht stören. Mit tief ergreifender Stimme begann der Rabbi die Hagada vorzulesen, aber weit kam er nicht. Denn schon beim ersten Satz: „Das ist das Brod des Elends", erscholl nochmals jene unheimliche Stimme und rief wehklagend: „Gepriesen sei der wahre Richter. Chomez ist im Hause". Da bemächtigte sich des Rabbi und seiner Hausgenoffen eine fürchterliche Angst. An Leib und Seele zitternd, durchsuchten sie alle Zimmer des Hauses, aber nirgends fanden sie etwas, was sie als Chomez hätten betrachten können. Schon wollten sie die unterbrochene Feier wieder aufnehmen, als es plötzlich, ohne daß man wußte, von wo und woher, mächtig zu poltern, klopfen und pfeifen begann, während klagende Stimmen zugleich an allen Ecken und Enden des Zimmers sich vernehmen ließen und in wildem Chor riefen: „Gepriesen sei der Richter, Chomez ist im Hause." Todtenbleich vor Schreck und Angst beauftragte der Rabbi mit bebender Stimme seinen Diener, die gelehrten Juden der Stadt zu ihm zu entbieten. Als diese nun gekommen waren, faßte sich der Rabbi nnb sprach kurz: „Entschuldigt, daß ich Euch an diesem heiligen Abend zu mir beschieden habe, ich möchte, daß Ihr heute meine Gäste seid, und bitte, ohne erst lange sich nöthigen zu lassen, die Becher zu füllen und mit mir zusammen den Gott unserer Väter für seine Gnade, die er uns seit dem Auszug ans Aegypten bis auf den heutigen Tag erwiesen hat, zu preisen." Kaum aber hatten die Gäste ihre Plätze eingenommen, als ein donnerartiges Getöse im Zimmer hörbar wurde. Und als die Gäste sich verwundert umsahen, kreischten in ihren Ohren unheimliche Stimmen, die bald drohend stürinisch, bald warnend melancholisch riefen: „Gepriesen sei der wahre Richter, Chomez ist im Hause." Nun begriffen die Gäste, warum der Rabbi sie so plötzlich und unerwartet zu sich geladen hatte. Mit Lichtern in den Händen durchsuchten sie gemeinschaftlich, mit dem Rabbi und seinen Hausgenossen alle Zimmer des Hauses, jeden Winkel und jede Ecke, allein sie fanden weder Chomez noch irgend etwas, was sie als solches auch im Entferntesten hätten erklären können. Da sprach der Rabbi: „Meine lieben Leute! Mein Herz sagt mir, daß in der Kiste, die uns als Sedertisch dient und über deren Herkunft und Verhältniß zu mir ich Euch ein anderes Mal erzählen werde, etwas sein müsse, was Chomez ist. Ich bitte Euch, Zeugen meines Dnrchsuchens dieser Kiste zu sein." Und er befahl, das leinene Tischtuch, wie alles Gedeck und Geschirr von der Kiste herunterzunehmen, schloß die Kiste auf und öffnete den Deckel. Da sprangen Alle entsetzt zurück, denn in der Kiste lag ein Kalb, das einen menschenähnlichen Kopf hatte, der niit jeder Minute größer und größer wurde, und dessen Augen Feuerfunken entströmten, die wie Blitze in finstern Gewitternacht die Augen Aller blendeten. Der Rabbi und alle Anwesenden suchten, nachdem sie den ersten Schrecken überstanden hatten, diesem absonderlichen Geschöpf mittelst schnell herbeigeschaffter Aexte und anderer Instrumente beizukommen, aber je mehr und je wuchtiger sie darauf einschlugen, desto größer wuchs es empor und desto schauerlicher rollten die unheimlichen Augen in den Höhlen, Verderben und Unheil drohend. „Was beginnen »vir nun," frug Einer den Andern und rangen rathlos die Hände. Da sprach der Rabbi: „Wie Ihr sehet, meine lieben Leute, ist das kein gewöhnliches Kalb, kein Geschöpf, das aus der Erde hervorgegangen ist, sondern ein Werk der Hölle, dem wir nur dadurch beikommen würden, daß wir den Namen des Allerheiligen und Höchsten, vor den» selbst der Satan in Furcht und Zagen sein Knie beugt, um Gnade und Beistand anflehen lverden." Und weinend wandte sich die ganze Versammlung in brünstigem Gebete zu Gott, der ihren Ahnen zu allen Zeiten der Noth und