Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
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202 Weder die Kammerhcrrin noch Tante Rebekka erschienen Abends am Theetisch. Die Knmmerherrin hatte ihre Migräne, und Tante Rebekka, die sich ernstlich unwohl fühlte, war zu Bette gegangen. Sie mußte am nächsten Morgen früh aufstehen. Am Abend entluden endlich die Wolken ihren Inhalt;' der Regen, den man lange entbehrt hatte, strömte auf die trockene Erde herab. Es goß unaufhörlich. Die Bäume beugten ihre rauschenden, triefenden Kronen unter dem Bode, die Vögel verbargen sich, und durch die offenen Fenster drang von Garten und Feld ein erfrischender Wohlgeruch in den Salon, in dem alle mögliche» verschiedenen Düfte vereinigt waren. (Fortsetzung folgt:) & Eine jüdische Molkssage.') Bon Albert Katz. *or langer, langer Zeit war in der alten Stadt Rom ein hoher Thurm zu sehen, der sieben Thüren hatte, an denen eine Menge von festen Schlösiern hing, welche das Eindringen in das Innere des Thurmes unmöglich machten. Einem alten römischen Brauche zufolge mußte nämlich jeder neugekrönte Kaiser an allen Tbüren des Thurmes, unbeachtet der bereits vorhandenen, neue Schlösser anlegen, und so häufte sich mit der Zeit ihre Zahl zu einer ansehnlichen Menge. Die Ursache dieses Brauches war ebenso wenig bekannt, wie das Geheimniß, das der Thurm in sich barg. So waren Jahrhunderte verstrichen, ohne daß einer der vielen römischen Kaiser es gewagt hatte, diesem Brauche zuwider zu handeln. Nur ein mächtiger Kaiser, der über eine Brücke von Blut und Thränen zur Regierung gelangt war, hatte sich über die Sitten und Gebräuche des Landes hinweggesetzt und war eines Tages, von tapferen Soldaten begleitet, in das. Innere des Thurmes eingedrungeu. Er durchsuchte sorgfältig alle seine Behälter, fand aber nichts weiter als eine mit Staub und Spinngeweben bedeckte goldene Kiste. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er in der von ihm eigenhändig geöffneten Kiste lauter Gras und Kräuter vocfand, die so grün, frisch und feucht waren, als wären sie soeben auf dem Felde gepflückt worden! „Wie ist das nur möglich?" frug er seine Umgebung, „daß Gras nach so vielen Jahrhunderten sein Grün und seine Frische behalten konnte." Allein keiner von den ihn begleitenden Soldaten vermochte ihm darüber Auskunft zu geben. Mißgestimmt verließ nun der Kaiser den Thurm und befahl, die Kiste in das Schloß zu tragen und in der Nähe des Thrones aufzustellen. Tags darauf aber versammelte er um sich alle Gelehrten und Priester Roms und fragte sie, ob sie nicht wüßten, warum das Gras in der Kiste trotz der Länge der Zeit nicht verdorrt wäre. Die Gelehrten und Priester bewunderten ebenfalls diese sonderbaren Gräser und Kräuter, allein die au sie gerichtete Frage zu lösen vermochte» sie nicht. Da gerieth der Kaiser in Zorn, spottete über ihr Wiffcn und ihre Gelehrsamkeit »nd sprach: „Wenn Euer Wissen das Geheimniß nicht zu lösen vermag, so soll es die Angst vor meiner strafenden Gewalt thun. Ich befehle es Euch nun, mir bas Räthsel zu lösen; so Ihr es aber nicht vermöget, so seid Ihr des Todes." Da erschraken die Priester und Gelehrten gar sehr, fielen vor dem Kaiser auf ihr Angesicht und sprachen: „Heil und Gesundheit unserem Kaiser. Wir bitten unterthänigst, uns zur Beantwortung der Frage wenigstens dreißig Tage Frist zu gewähren. Wir wollen diese Zeit benutzen, um Forschungen und Versuche anzustellen, mit deren Hilfe wir vielleicht das Geheimniß werden enthüllen können." Der Kaiser ließ sich erweichen und willigte darin ein, wiederholte aber nochmals seine Drohung, daß, wenn sie am einunddreißigsten Tage ihm keine befriedigende Antwort geben würden, sie das Schwert seines Zornes treffen werde. Wankenden Schrittes verließen die Gelehrten das kaiserliche Schloß, begaben sich gemeinsam in ein Gotteshaus, um Gottes Beistand zu erflehen und legten sich Fasten und Kasteiungen auf. Allein all' ihre Mühe, ihr Forschen und Grübeln, ihr Fasten und Bete» um eine himmlische Offenbarung des Geheimnisses blieben erfolglos: sie konnten die Ursache dieses noch immer grünenden Grases nicht ergründen. Inzwischen aber verstrich die ihnen vom Kaiser gewährte Frist, schon hüllten die Abendschatten die Sonne des dreißigsten Tages in ihr dunkles Gewand, und die bedauernswerthen Gelehrten und Weisen Roms hatten noch immer keinen Schlüffel zu dem Geheinmiß gefunden. Nur ein Gott, nur ein übernatürliches Wunder konnte sie noch aus ihrer bedrängten Lage erretten, und ein solches Wunder ist ihnen auch ivirklich geschehen. Es lebte in Rom ein Greis von 150 Jahren, der sieben Söhne hatte, welche zu den hervorragendsten Weisen und Gelehrten der Stadt gehörten. Abwechselnd pflegten sie täglich, Abends und Morgens, den alten Vater aufzusuche», um ihm in kindlicher Liebe die Hände zu küssen und sich von ihm segnen zu lassen. Infolge ihrer Verzagtheit aber wegen der noch immer nicht gefundenen Lösung des Geheimnisses hatte am Morgen des dreißigsten Tages Niemand von ihnen daran gedacht, den Vater zu besuchen. Als sie am Abend sich daran erinnerten, begaben sie sich, von Gewissensbiffen geplagt, allesammt zum Vater, um ihn um Verzeihung zu bitten. Der greise Vater freute sich, seine Kinder um sich zu sehen und versicherte sie, die Vernachlässigung ihrer Pflicht ihnen nicht übel ausgelegt zu habe». Als er aber ihre traurigen Gesichter bemerkte, drang er in sie, ihm die Ursache ihrer Betrübniß mitzutheilen. Nu» erzählten ihm die Söhne die Geschichte von dem Thurm. Da sprach der Greis: „Wenn nur dies Euer Gram ist, könnt Ihr ohne Sorge sein. Ich kenne das Geheimniß. Begebt! Euch jetzt frohen Herzens zur Ruhe, morgen aber führet mich zum Kaiser, und ich werde ihm das Räthsel lösen." Hocherfreut umarinten und küßten die Söhne den Greis und suchten alsdann ihr Nachtlager auf. Am darauf folgenden Morgen setzten sie ihren Vater in eine Sänfte und trugen ihn in das Schloß zum Kaiser. Als der Kaiser sie empfangen hatte, sprachen sie: „Heil und Leben nnserm Kaiser. Der Greis in unserer Mitte will Euch die Lösung der geheimnißvollen Gräser geben." Und der Greis verbeugte sich vor dem Kaiser und sprach: „Du sollst wissen, großer Kaiser, daß die goldene Kiste, die Du in dem Thurm gesunden hast, von Eliphas, dem Sohne Esaus, herrührt. Dieser hatte in die Kiste 600,000 Arten von Gräsern, der Zahl der Juden entsprechend, gelegt. So lange die Gräser grün und feucht bleiben, ist das für die Juden ein gutes Zeichen, so sie aber verwelkt »nd verdorrt werden, steht den Juden ihr Ende bevor. Und nun will ich Dir noch ein Geheimniß miltheilen: Wenn Du es ermöglichen könntest, daß Juden am Abend des Peßachfestes zu ihrer Feier, die da besteht in dem Absingen der Hagada und Essen der Mazzoth und bitter» Kräuter, diese Kiste als Tisch verwenden, so würden diese Gräser sich in einen Menschen verwandeln, der König über die ganze Welt sein wird und der die Juden soivie ihren Messias, den sie i) Nach dem fl 01»