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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-27 · Heft 17 (27.4.1894) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 17 (27.4.1894)
Date
1894-04-27
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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f «v„*-WW -.? 'Wy/WW'^'w^sr; *7 fp„7^" *«»,«>/* ‘ ' J— -"'■"■n----- ■ •', - 201 —‘— „Ich lege auch großen Werth auf meine Familie," antwortete die Kammerherrin, mit ihrer goldenen Lorgnette spielend. „Ja, ich bin stolz darauf. Unsere Familie ist, was Ihnen vielleicht nicht unbekannt ist, eine der ältesten dieses Landes." Dieser ruhigen Unverschämtheit gegenüber verlor Tante Rebekka den letzten Rest von Besinnung. Ihr ehrliches heißes Blut kochte über. „Also es ist eine so große Ehre für Rachel, einen verarmten Gutsbesitzer zu heirathen, für Rachel, welche zwischen so vielen reichen vornehmen Freiern zu wählen hatte. — Haha! — Ihr Vermögen ist gleich Null, meine Beste, das kann ich Ihnen erzählen, wie sehr Sie auch Ihre feine Nase rümpfen. — Das Gut ist vollkommen verschuldet. ... Kommen eine vder zwei Mißernten, so können Sie sehen, was aus Ihnen wird. — Rachel, die Tochter eines Etatsraths, die vorzüglich erzogen ist u»d ein Vermögen besitzt, deffen sich eine Prinzessin nicht zn schämen brauchte, sollte nicht gut genug sein für Sie und.Ihre reduzirte Familie. Hahaha! — Und was diese Familie, über welche Sie sich blähen, wie ein Pfau, im Grunde ist, kann ich Ihnen auch erzählen. . . . Der erste Brock, der hier ins Land kam — also der Stammvater Ihrer Familie — war, wie Gott und alle Welt weiß, ei» Lakai aus Bremen, der den Oldenburgern Dienste leistete, über die man in guter Gesellschaft nicht gern spricht, und der zum Lohn für seine servilen Dienste in den dänischen Adelsstand erhoben wurde. ... Ja, starren Sie mich nur an, gnädige Frau! . . . Mich schrecken Sie nicht mehr! . . . Ich habe Ihre verschrobenen Adelsgrillen und Ihre kaltblütige Frechheit lange genug ertragen." Die Kammerherrin erhob die Hand nach dem Glockenzug. Sollte sie klingeln und das Judenweib durch den Diener hinauswerfen lassen? „Sie haben gewagt, mich zu behandeln, als wäre ich eine arme zudringliche Verwandte, welche das Gnadenbrod von Ihnen bekommt, wie das arme Fräulein von Pahlen, und nicht wie eine unabhängige, reiche Dame von angesehener Familie. — Ja, ich habe das, was Andere gern haben inöchteu. — Außerdem bin ich Ihr Gast. — Sie haben mich selbst nach Rosengaard eingeladen. ' Aber Sie, welche vor Allem die Dame comme il faut sein wollen, scheinen ganz die Rücksichten zu vergesten, welche man der Gastfreundschaft schulde und welche das einfachste dänische Bauernweib erfüllen würde. Man könnte beinahe glauben, Sie hätten uns nur hierher eingeladen, um uns ungestraft beleidigen zu können. Sie sind ein herzloses, intrigantes, egoistisches Geschöpf, das ist die Sache. — Sie wollen nicht einmal das Beste Ihres Sohnes, Sie denken nur an sich selbst Was helfen mir Ihre feinen abgeschliffenen Manieren? Das ist nur ein Firniß über Ihrer Bosheit, wie der Puder und die Schminke, mit denen Sie täglich Ihr altes welkes Gesicht beschmieren." Tante Rebekka athmete auf, höchst zufrieden mit sich selbst und ihrem Vortrag und versetzte zuletzt noch Brillant, dem bissigen Mops der Gnädigen, der bis dahin auf seinem Kiffen geschlafen und sich jetzt erhoben hatte, einen kleinen Stoß mit dem Fuß. Er verstand es, daß man seine Herrin angriff. Die Kammerherrin war ganz aschgrau geworden. Sie gebrauchte doch wohl weniger Schminke, als Tante Rebekka glaubte. Sie klingelte und sagte zu dem eintretenden Diener: „Bringen Sie Fräulein Levy ein Glas Wafler! — Sie befindet sich nicht wohl." Dabei machte sie Miene, mit würdiger Haltung und von dem heulenden Brillant gefolgt, das Zimmer zu verlaffen. Tante Rebekka aber rief dem Diener nach: „Halt, Jens — Frau Kammerherrin hat sich geirrt, sie wünscht die Stammtafel Derer von Brock." Es war eine Schwäche der guten Tante Rebekka, daß sie immer das letzte Wort behalten mußte. XVI. Einen Augenblick später saß Tante Rebekka, bitterlich weinend, auf Rachels Zimmer. Sie wartete auf diese, um ihr reuig ihren Zusammenstoß mit der Kammerherrin zu beichten. Die Reaktion war schon eingetreten, auf den unbezähmbaren, heißen Zorn folgte vernünftiges, ruhiges Nachdenken... Sie schämte sich jetzt ihrer Hitze, durch welche sie Rachel nur geschadet hatte. — Wie war es möglich, sich in ihrem Alter nicht beffer beherrschen zu können! ' Endlich kam Rachel aus dem Garten, und Tante Rebekka vertraute ihr unter Thränen Alles an. — Sie vergaß nicht eine einzige der Grobheiten, mit denen sie die Kammerherrin traktirt hatte. „Kannst Du mir vergeben, Rachel? Es ist schrecklich, daß Du eine so hitzige, streitsüchtige Tante hast, die immer aufführt wie eine Rakete! — Die Kammerherrin kann Einen aber auch bis anss Blut reize». Du hättest nur sehen sollen, wie sie sich aufspielte — es war nicht auszuhalten! — Wenn nun aus Deiner Heirath nichts wird, so ist es meine Schuld ganz allein. — Der Gedanke daran macht mich ganz krank." Rachel antwortete nicht, sie war ganz verzweifelt. Wie konnte die Situation nur gerettet werden? Die Kammerherrin erzählte Holger natürlich Alles. „Ach, daß ich alte Person doch meine Zunge nicht bändigen kann! — Es muß in meinem Blut liegen, die meisten Menschen hier zu Lande haben nur Wasser in den Adern, glaube ich. — Ja die Zunge ist ein gefährliches Glied!" — Tante Rebekka weinte weiter, putzte ihre Rase und jammerte und weinte wieder. „Antworte nicht einem Thoren nach seiner Thorheit, damit Du ihm nicht gleich wirst", sagt König Salomo — aber diese Worte habe ich mir leider nicht zu Herzen genommen. — Ich bin selbst „der Thor", das ist ganz gewiß, „ein großer Thor!" Dann trocknete sie ihre Augeit, sah listig zu Rachel auf und flüsterte plötzlich — wie in Folge einer Eingebung: „Aber wenn es nun das Beste ware, daß aus der Heirath nichts würde? Denke Dir, daß cs in Gottes Rath so bestimmt wäre! — Ich kann mir unmöglich denken. Rachel, daß Du in dieser Familie glücklich werden kannst... Er gehört ja nicht zu uns. — Gleich und Gleich gesellt sich gern, weißt Du — und seine Mutter verachtet Dich und mich.-Liebst Du ihn wirklich so sehr, Rachel?" Rachel hatte gar nicht auf sie gehört, so sehr war sie von dem Gedanken an den Schaden, den die Tante gegen ihren Willen angerichtet hatte, in Anspruch genommen. „Du mußt abreisen, Tante", — sagte sie endlich finster, und in ihrer augenblicklichen, erregten Stimmung trat die Familienähnlichkeit zwischen ihr und der Tante deutlich hervor, obgleich sie schön und Tante Rebekka häßlich war. „Natürlich reise ich, morgen schon! — Glaubst Du, daß ich nach dem, was geschehen ist, hier noch einen Tag länger mit der schrecklichen Kammerherrin zusammen sein will? Am besten wäre es, Dn kämst gleich mit, denn auch für Dich kann jetzt ein längerer Aufenthalt hier nicht angenehm sein. — Die Kammerherrin wird jetzt ihre Bosheit an Dir auslaffen, Acrmste. — Aber das läßt sich nun einmal nicht machen! Du mußt warten, bis Dein Vater kommt und Dich holt... Die Leute hier auf dem Gute und in der Nachbarschaft würden zu vielen Grund zu Klatschereien bekomnien und uns obendrein vielleicht Unrecht geben! — Na, Dein Vater wird sich wundern, wenn ich plötzlich hereinschneie, aber das hilft nun nicht!"

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