Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 200 Aber im selben Jahre war er gleichwohl vollständig subsistenzlos. M. erzählt darüber: „Da nämlich die Spener'sche Zeitung von diesem 5 Tage an eine Richtung einschlagen sollte, die der politischen Ueberzeugung Zunz's widerstrebte, so kündigte er Ende Juni 1831 seine Stelle und schied Ende Dezember aus der Redaktion aus." Und nun begannen für ihn wieder Jahre der größten Sorge und Bedrängniß.j Im Juli begab er sich auf die Reise, wahrscheinlich um eine? Stelle zu suchen. Im Oktober kehrte er ohne Erfolg zurück." Und es ist wahrhaft ergreifend, in seinem Tagebuche zu lesen: „Mitten Oktober schwindet die Aussicht zu der Stelle in Berlin. Ich sehe: mich um eine Buchhalterstelle um." Aber auch nicht einmal eine Buchhalterstelle wollte sich finden lasten. Ein Hamburger Freund machte ihm den Vorschlag, dort eine Buchhandlung zu eröffnen. Ein anderer giebt ihm den Rath, fichl um die Stelle eines Redakteurs bei der „Deutschen National-Zeitung" in Braunjchweig zu bewerben. Auch dieser Schritt ist vergeblich. Und wie verzweifelt seine Stimmung in jener Zeit war, ersehen wir aus einem Briefe an S. L. Steinheim, wo er schreibt: j „Ich will auch Privatstunden geben, selbst Buchhalter werden. Ich nehme eine Stelle von Mark 1500 an, wenn sie mir noch Zeit übrig, läßt. Hier ekelt mich Alles an, auch kann ich es nicht länger so aushalten. Der kleine Vorrath geht zu Ende und kein reicher Jude unterstützt die Wissenschaft. Ich hatte das früher nicht geglaubt, daß ein Mensch, der etwas gelernt hat, so schwer den kümmerlichen Unterhalt findet; ich brauche noch dazu sehr wenig. Ich wünsche, daß hiervon nichts gegen einen Dritten verlautbare." In dieser Zeit der Bedrängniß erhielt er von I. Johlson in Frankfurt a. M., die Mittheilung, daß dieser ihn für die erledigte, Stelle eines Oberrabbiners in Darmstadt empfohlen habe. Mit Eifer ergriff Zunz die Gelegenheit, die sich ihm nun für eine ehrenvolle Wirksamkeit eröffnete. Leider kam es auch diesmal zu keinem günstigen Erfolge, obwohl alle möglichen Schritte von Zuuz' Freunden gethan werden. Eduard Gabriel Riester, I. Johlson, Eduard Gans, M. Haarbleicher u. v. A. geben sich die größte Mühe. Umsonst! Denn auch die Gegner arbeiten mit Hochdruck gegen seine Berufung. 'Die Briefe, die M. darüber mittheilt, sind sehr intereffant zur Charakteristik der Zeitperiode, und zum dritten Mal — es ist wirklich eine Ironie des Zufalls — muß er einem Auerbach weichen! An seiner Stelle wird in Darmstadt B. H. Auerbach gewählt. 6. K. m iiKümmmn [BnllUülmii* w MiüMIMlüMMMüiWllkMillMMtMIMMllMWlMMllMLMIlllMWIlMM MMMMiuuMMMUMWMMMMmMMiMuIiWUMmllMWMuMMmMM II lMMIIMM i 1 FEUILLETON | $ I ft imifMi VUl; MMlM — 1 MllllWMMlMilMMaWkMMuIIiMlLIMIilliMDIMIMMMulMlWMwIiMWiMM 1- ■ - ■-'W— (3Sj Nie Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) ch lese ein merkwürdiges Buch, welches ein alter gelehrter Rabbiner geschrieben hat. Es handelt übrigens von den Leiden unseres Volks und von Allem, was es seines Glaubens wegen zu erdulden gehabt hat." „Die Zerstörung Jerusalems?" sagte die Kammerherrin malitiös.! „Ganz richtig!" antwortete Tante Rebekka, sah sie zornig durch) die Brille an und schloß das Buch. < Die Kammerherrin machte schwebend die Runde durch das Zimmer, ordtiete die Blumen in einer sächsischen Porzellanvase und fragte dann leichthin: „Lesen Sie nie in der Bibel, Fräulein Levy?" „Gewiß — im alten Testament." „Ach, es ist ja wahr, von dem neuen Testament, in welchem unser Erlöser gekreuzigt ist, wolle» Sie ja nichts wissen. Deshalb wollte Rachel auch nicht die Bibel benutzen, welche ich in ihr Zimmer gelegt hatte." Tante Rebekka erhob sich kampfbereit. Ihr alter, grauer Kopf zitterte vor Entrüstung. „Ich muß Sie ein für alle Mal bitten, gnädige Frau, Rachel mit Ihren Bekehrungsgelüsten zu verschonen. . . . Das wäre vergebliche Liebesmüh'. ... Sie tanzt nicht nach Ihrer Pfeife. . . . Sie weiß, was sie will — sie ist wahrhaftig klüger wie Sie und ich zusammen." Die Kammerherrin lächelte schief mit dieser kalten, spöttischen Ueberlegenheit, welche tiefer verwundet als die schärfsten Worte. Tante Rebekka fühlte, daß sie sich vergeffen hatte, und sagte besänftigend: „Das arme Kind! — Sie ist so gut, wie der Tag lang ist. — Warum plagen Sie sie denn so?" „Wenn ich und mein Sohn Rachel aufgefordert haben, zu unserer Kirche überzutreten, so geschah dies nicht, um sie zu plagen, wie Sie sagen, sondern aus christlicher Sorge für ihr Seelenheil und ihr künftiges Eheglück. ... Es ist merkwürdig, daß eine Dame von Ihrem Alter und Erfahrung nicht einsehcn kann, wie vortheilhaft eine solche Glaubensveränderung in jeder Beziehung für Ihre Nichte sein würde. Sie als ihre nächste Verwandte haben die Verpflichtung, Rachel zur Vernunft zu bringen und ihr einleuchtend zu machen, daß der Akt der Taufe eine dringende Nothwendigkeit ist, und daß sie dadurch allein vollständig acceptabel für unsere Familie wird." Tante Rebekka's Blut begann so zu kochen, daß sie sich kaum mäßigen konnte. „Ich sollte sie auffordern, sich taufen zu lasten!" rief sie heftig und drohend! „Ich, die ich sie wie meine eigene Seele liebe, sollte sie zu einer solchen Niedrigkeit auffordern! — Wofür halten Sie mich eigentlich, gnädige Frau? Für ein Geschöpf ohne Ehre und Gott! — Ich sollte sie verleiten, dem alten Glauben ihrer Väter untreu zu werden — zu einem Schandfleck für das ganze Volk Israel herabzusinken. —" Je leidenschaftlicher und lauter Tante Rebekka wurde, desto ruhiger und aristokratischer wurde die Kammerherrin. Die gemüthlose formvolle adlige Dame und die herzenswarme formlose Emporkömmlingin standen sich zum Kampf gerüstet gegenüber. „Gerade Sie, — die Sie ihre Tante sind und Einfluß auf sie haben. — Es wird Ihnen gewiß um so leichter fallen, Rachel zw überreden, als sie ja nicht von all zu vielem Glauben an die Religion „Ihrer Väter" geplagt wird. Sie ist ja ganz indifferent." Tante Rebekka lief in verbissener Wuth auf und nieder, es war ihr unmöglich, still zu stehen. Sie warf ihre Brille auf den Fußboden, daß sie zerbrach und die Stücke in die Luft flogen. Die Kammerherrin wich zurück, ihr Kleid vornehm zusammennehmeiid. „In welchem Tone erlauben Sie sich, mit mir zu sprechen und was wissen Sie übrigens von Rachels Glauben? Können Sie Herzen und Niere» erforschen? — Wie können Sie unsere alte heilige Lehre verspotten, welche trotz aller Verfolgung schon tausende von Jahren bestanden hatte, lange bevor Ihre Religion existirte? Sie sollten sich schämen, gnädige Frau! — Wenn man Sie sprechen hört, sollte man glauben, es wäre eine große Ehre für uns, in Ihre Familie zu kommen, eine Gnade, die nicht mit genug Opfern und Demüthigungen erkauft werden kann."