Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 ist der Mensch, er sei Jude oder Christ, für den Staat, für das Vaterland, für die bürgerliche und menschliche Gesellschaft. Seid Christen in der That, seid, was Euer Meister aus. Euch machen wollte: sanft, gütig, nachgiebig, versöhnlich, duldsam, richtet und verdammet nicht, sondern seid liebreich in Wort und That. Das ist der einzige und kürzeste Weg, auf welchem Christen und Inden emanzipirt, d. h. von allem Bösen erlöst werden können." (S. 35.) Erinnerungen an Leopold Zun;. ID) en ersten Versuch machte Zunz in Königsberg i. Pr. Als die dortige Synagogengemeinde 1820 zur Reorganisation ihrer Schule einen gebildeten Religionslehrer anstellen wollte, lenkte Baruch Lindau (1757—1849), einer der letzten Measfim, die Aufmerksamkeit auf den jungen Zunz. Er veranlaßte diesen, sich um die Stelle zu bewerben. Das Schreiben, in welchem Zunz am 17. März j. I. seine Ansichten über den jüdischen Religionsunterricht darlegte, ist sehr interessant. Besonders der folgende Passus: „Die Religion n>ie. fie unterrichtet werden sollte, ist die Grundlage alles Unterrichtes — alles veredelnden Denkens und Handelns — die Mutter der Seelengröße und die Führerin über das Grab hinweg. Bis jetzt ist sie unter den Juden von zwei Feinden gemißhandelt worden: a) vom Aberglauben, der uns die Frömmler, die Müßiggänger, die Unwissenden erzog, t>) von der Vernünftelei, die uns die Heuchler, Egoisten, Abtrünnigen und Irreligiösen bildete. Der lautere Unterricht in Religion giebt den Kindern nichts trocken Historisches, nichts unsinnig Wunderbares, nichts christlich Feindseliges — wie überall die Schullehrer dieses Glaubens den Knaben den Judenhaß mit der Muttermilch einimpfen — er besteht nicht in elender Auswendiglernerei von Sprüchen, oder in wissenschaftlicher Begründung mystischen Aberglaubens, sondern er sucht das Gemüth des Kindes durch eindringliche Worte und noch eindringenderes Beispiel für Religion zu erwärmen, -ihnen eine Stütze zu geben für die Stürme des Lebens, die sanften Tugenden der Liebe in ihr Herz zu pflanzen und sie des Glückes theilhaftig zu machen, das der Verehrer einer göttlichen Vorsehung genießt." Das ist ei» ideales Programm, wie es »och heute vergeblich augcstrebt wird. Nichtsdestoweniger erhielt Zunz die Stelle nicht, sondern I. A. Francolm, der sieben Jahre später als Schuldirektor nach Breslau ging und, wenn ich nicht irre, auch dort gestorben ist. Zunz tröstete sich, da ihm durch die Verwendung seines Gönners, R. S. Gninpertz, von den Aeltesten der Berliner Gemeinde die Erkaubniß ertheilt wurde, in dem zur Gemeinde erhobenen Beerschen Tempel—allerdings nebenJ.L.Auerbach,—zu predigen. Am 2. Tage des Schabuoth-Festes 1820 hielt Zunz seine erste Predigt. Maybaum sagt darüber: „Welchen Ueberschwung der Gefühle dieses Ereigniß in ihm weckt, zeigt folgende Notiz seines Tagebuches zu diesem Datum: „Seit Israel sind acht Epochen, jede zu 450 Jahren, also in Allem 3600 Jahre verfloffen, bezeichnet durch Deborah, Elischa, Nehemia, die Mischna, die Gemara, Saadia, die Jahre 1370 und 1820." ‘) Einer freundlichen Mittheilung des Herrn Dr. I. Joel verdanke ich die Notiz, daß der im vorigen Artikel erwähnte L M. Büschenthal nach dem Grabstein auf dem alten Friedhof am 27. Dezember >818 gestorben ist. In feinen „Sterbetagen" giebt Zunz selbst den 27. Dezember an. Wie mir Herr Prof. Geiger gütigst mittheilte, ist das Drama Büschenthals „Der Siegelring des Salomo" nicht im k Schauspielhause zu Berlin aufgeführt worden. Uebrigens hat Z. einen Nekrolog auf B. in der „Jedidja" lll p. 265 veröffentlicht. Und doch war er noch gar nicht einmal angestellt und er erhielt auch für seine Predigten keinerlei Entschädigung. Dennoch predigte er alle vierzehn Tage und zwar ein volles Jahr hindurch, ohne daß seine Anstellung erfolgt wäre. Er hätte sich wohl noch länger darüber hinweggesetzt, wäre nicht ein Ereigniß eingetreten, das ihn an seine Zukunft zu denken nöthigie, nämlich seine Verlobung mit Fräulein Adelheid Beermann, die bald darauf seine Gattin, seines Lebens Zier und Krone, geworden ist. Nun ist er „der halben Verhältnisse müde" und wendet sich an seinen Gönner Gumpertz, am 25. Juni 1821, mit der Bitte, seine Anstellung durchzusetzen. Da die Verwaltung der Gemeinde noch immer zögert, richtet er sein Augenmerk wieder auf Hamburg. Er predigt im dortigen Tempel, aber ohne den gewünschten Erfolg. Jndeß scheint sich seine Stellung in Berlin doch gefestigt zu haben, aber die Institution des Tempels selbst war „ein Unding", und da Zunz nicht der Mann war, in einem Amte zu bleiben, in dem er nicht wirken konnte, so war der Bruch unvermeidlich. Am 13. September 1832 legte er sein Amt nieder. Nachdem Verzeichniß, welches M. beibringt, hat er im Ganzen 61 Predigten im Beerschen Tempel gehalten, von welchen 16 ein Jahr darauf im Druck erschienen sind. Es begann nun für Zunz eine Zeit der drückendsten Existenzsorgen. Es ist rührend und beschämend zugleich, wenn man von diesen Sorgen liest. M. citirt aus dem Tagebuch folgende charakteristischen Notizen. Zum 17. Juni 1823 heißt es daselbst: „Der grüne Ueberrock (vom Sommer 1819) gewandt", und zum 20. November desselben Jahres: „Ich schenke Adelheid eine Toilette (3 Thlr.), großer, seltener Luxus." In dieser Zeit lernte Heine Zunz kennen, und es ist interessant zu hören, wie er über ihn an den gemeinsamen Freund Wohlwill (1. April 1823) schreibt: „Ich mag ihn gut leiden, und es schmerzt mich bitterlich, wenn ich sehe, wie 'dieser herrliche Mensch so sehr verkannt wird wegen seines schroffen abstoßenden Aeußeren. Ich erwarte viel von seinen demnächst erscheinenden Predigten; freilich keine Erbauung und sanftmüthige Seelenpflaster, aber etwas viel Befferes, eine Aufregung der Kraft. Eben an letzterer fehlt es in Israel." Heute wie damals! Jndeß nahm die böse Zeit für Zunz bald ein Ende. Am 22. Dezember deffelben Jahres stellte ihn der Buchhändler Spener als Redakteur an der Spener'schen Zeitung an, in welcher Stellung er acht Jahre verblieb. Aber Politik und Belletristik vermochten ihn nicht von seiner Beschäftigung mit der Wissenschaft des Judenthums und den Jntereffen seiner Glaubensgemeinde abzulenken. Gerade in diesen Jahren vollendete er sein Hauptwerk: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden." Und an der Gründung einer Gemeindeschule an Stelle der alten Freischnle nahm er lebhaften Antheil. Am 3. Januar 1826 fand die Eröffnung der Gemeindeschule statt, deren Leitung Zunz übertragen wurde. Aber auch in dieser Stellung blieb er nur bis zum 21. Oktober 1829. „Die Schule litt von Anfang a» unter dem Charakter des Provisoriums, der ihr in dem Innern wie Aeußern anhaftete, und von dem sie sich, infolge der engherzigen Finanzpolitik der Gemeindeverwaltung, nicht zu befreien vermochte." Wiederholt lenkten Zunz und Moses Moser, als Mitglieder der Schulkommission, die Aufmerksamkeit auf die Schäden der Anstalt. Gegen Zunz wurde, wie scheint, von Seiten der Orthodoxie, stark intriguirt, und er muß schließlich — Baruch Auerbach weichen. Wahrhaftig, es ist eine Ironie; als Prediger wird Zunz von I. L. Auerbach, als Schuldirektor von Baruch Auerbach verdrängt! Er wandte sich nun mit allem Eifer seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu. Im Jahre 1832 erschienen seine „Gottesdienstliche Vorträge"-