Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- IW - auch in Hamburg nicht Zurückbleiben, wird für die bürgerliche Gleichstellung ihrer unglücklichen, jüdischen Mitbrüder auch in meiner geliebten Vaterstadt seine Stimme abgeben und nicht dulden, daß die Barbarei des Mittelalters noch jetzt in Hamburgs weiser Gesetzgebung gehegt und gepflegt wird. Wie war es in den Tagen des Unglücks und der Trauer, als die Fremdherrschaft das Szepter führte in Hamburgs Mauern? Waren die Juden damals den Christen nicht gleichgestellt? hatten sie damals nicht Aemter zu verwalten? haben sie die Gleichstellung mißbraucht? haben sie sich überhoben?— O leset, leset, christliche Brüder, wie sich die Väter der Stadt zu dem Gesetzentwurf von 1814 über die damalige Zeit aussprechen. Leset das Zeugniß, das ein hochweiser Rath unfern jüdischen Mitbewohnern ertheilt. „Bei allen erhaltenen und geschützten Begünstigungen dieser Gleichheit ist nicht allein keine Anmaßung noch irgend ein Nachtheil christlicher Bürger verspürt, sondern es hat sich vielmehr ein stilles, bescheidenes, gemäßigtes Benehmen, selbst in Rücksicht des von erhaltenen Vorzügen gemachten Gebrauchs und die willigste Anstrengung mit Andern fürs allgemeine Wohl, selbst eine vorzügliche Wohlthätigkcit und Vaterlandsliebe Mehrer unter den Juden sich ausgezeichnet". Salomons Geschichtssinn und seine glühende Liebe zur alten Elbstadt findet auch an anderen Stellen des blauen Büchleins entsprechenden Ausdruck, so z. B. S. 27, wo er über die Unwahrheit der Statistik Carlos zu sprechen kommt. Dieser meint, während in England und Frankreich das numerische Verhältniß der Juden zu den Christen wie ein Tropfen zu dem Meere sich gestaltet, sei die Zahl der Juden in Hamburg im Verhältniß zu den Christen „wahrhaftig kein Tropfen, sondern ein todtes Meer". Diesem lächerlichen Witze gegenüber weist S. nach, daß dies Verhältniß nicht 2 zu 17, sondern 1 zu 18 sei; er weist ferner auf Holland hin, wo seit 50 Jahren völlige Emanzipation herrsche, Juden es zu Munizipalräthen gebracht hätten, in dessen Hauptstadt viel mehr Juden als in Hamburg lebten und dessenungeachtet die heilsamen Folgen der Gleichstellung von Christen gepriesen wurden. Man frage Hamburg, ob die Juden nicht wohlthuend gewirkt hätten auf dessen Handel und Wohlstand? Eine weise, wahrhaft christliche Staatsverfafsung verjage keine brauchbaren Menschen aus ihren Mauern; sie verstehe die Kunst, die Hände und die Geister zum Staatsheile zu gebrauchen und Schätze in ihnen zu erblicken. Wie der Renegat Nathansohn, so tischte Carlo wiederholt (S. 25) seinen Lesern die Thorheit auf, daß die Juden die Christen, weil sie nicht aus einer Schüffel essen, für unrein ballen. Darauf Salomon: „Wenn Katholiken ihre lutherischen Freunde in der Fastenzeit besuchen und sich weigern, mit ihren reformirten Nichtchristen die ihnen Vorgesetzten Fleischspeisen zu essen, würde ein vernünftiger Mensch daraus schließen, daß die Katholiken die Lutheraner für unrein halten?" Uebrigens möge sich Carlo beruhigen, es gäbe unter den Juden Viele, die über die Lehre der verbotenen Speisen wo möglich in größerer Unwissenheit leben, als der Verfasser des schwarzen Buches (S. 27). Wie aus zu großem Lobe oftmals unverkennbarer Tadel zu Tage tritt, so führt der schwarze Tadler meist die Waffe gegen sich selbst und stimnlt, ohne es zu wissen und zu wollen, einen Preisgesang an auf die jüdische Idealität, denn er gesteht (S. 31 des schwarzen Buches), daß an den Juden sehr zu loben wäre, „daß sie nicht gegen ihre Ueberzeugung, irdischen Gewinnes halber, ihre Religion preisgeben." Ein solches Lob aus dem Munde des Feindest meint Salomon, entkräftet allen vorhergehmden Tadel, der sich immer nur um die Gewinnsucht und die Begierde. Reichthum zu sammeln, gedreht hat. „Personen, die imStande sind, einer höheren Idee, der Wahrheit, dem Glauben, selbst das gutwillig zu opfern, was sie lieben, stehen auf einer hohen Stufe, sind keiner gemeinen Handlung fähig, und das Vaterland hat in diesem höheren Streben die untrüglichste Bürgschaft für ihre Tüchtigkeit, für ihre Pflichttreue, für ihre Redlichkeit,, für ihren Patriotismus" (S. 31). Mit den Worten eines edlen protestantischen Geistlichen aus seiner Büßpredigt (Des Christen Dankopfer, 2. Aufl., Hamburg, bei Geber) wendet sich Gotthold Salomon zum Schluffe an seine christlichen Brüder: „Ist Christenthum Liebe, ist Liebe Christenthum, ist die Liebe des Gesetzes Erfüllung (Röm. 13, 10), so ist sie doch keine leere und nichtige und müßige, so ist sie doch eine thätige Liebe! Nun, wohlan Hamburgs Bürger! Lasset Euch das Verdienst nicht nehmen, daß Ihr selber kennet und unsre Obrigkeit bittet für Eure jüdischen Brüder! Ihr selber müsset Euren Mund aufthun für die Stummen, die Väter sind gut, sind mild, sie werden Euch nicht zurückweisen. Gehet bald an das Werk der Liebe, weist sie bald in die Schranken, die nur ein falsches Christenthum festhalten kann. Menschen helfen, Menschen erlösen von Druck und Knechtschaft, Menschen das Leben erleichtern, das Leben verschönern, Wunden heilen, Thränen trocknen, das ist das beste, heiligste Liebesmahl auf Erden. Einst wird der Herr des Himmels Euch fragen, ob Ihr dieses Liebesmahl gekannt, (genossen habt. Nehmt es, Christen, und zehrt davon, so lange Ihr lebet! Seid barmherzig, wie Euer Vater im Himmel barmherzig ist!" Endlich ertheilt der Verfasser des blauen Büchleins den Herren der judenverdammenden Exclamationen den Rath, mit ihrer unnützen und häßlichen Schriftstellerei einzuhalten. Ob die Juden oder die Christen mehr Knoblauch konsumiren — sagt er auf Seite 34 — weiß ich nicht, da müßten wir einmal in den Speisehäusern Nachfragen — aber das weiß ich, daß Eure Vorurtheile einen weit übleren Geruch verbreiten als aller Knoblauch, den Israels Väter so circa vor 4000 Jahren in Aegypten verzehrt haben. Ob die Sprache des gemeinen Juden oder des gemeinen Christen das Ohr mehr verwundet, weiß ich nicht; aber daß Eure Sprache und Eure Redensarten, besonders wenn Ihr witzig sein wollt, wenn Ihr die Sprache des ungebildeten Juden nachahmt und gar in Reimen Euch expektorirt, wie z. B. Carlo in seinem schwarzen Buche (S. 23), daß Ihr alsdann Juden und Christen zum Ekel werdet, das dürft Ihr glauben. Ob die jüdischen oder christlichen Gelehrten arroganter seien, kann ich nicht beurtheilen, daß aber eine grenzenlose Niedertracht dazu gehört, dem lesenden und wissenschaftlichen Publikum die ämmerlichsten Dinge, die schon 1000 Mal gehört und ebenso oft widerlegt, immer wieder aufs Neue aufzutischen, das wird wohl Jeder, der eines Urtheils fähig, zugestehen müssen. Ein widkrauend er Mensch ist unter allen Säugethieren das widerlichste Geschöpf." „Wenn Ihr Eure Vorurtheile abgelegt haben werdet, dann werdet Ihr selbst lächerlich finden, wie Ihr Euer Leben lang so steif und fest glauben könnt, es sei gar nicht gleichgiltig, ob der Handwerker, der Künstler, der Gelehrte, der Staatsbeamte schwarzes oder blondes Haar, eine größere oder kleinere Nase habe; ob er sich von Dem oder Jenem nähre; ober in dieser oder in jener Sprache zu Gott betet. Ihr werdet es dann begreifen, daß auf alle diese und jene Zufälligkeiten Nichts, aufs Herz aber, auf den Geist, auf den Pflichteseifer Alles ankommt; daß, je edler das Herz, je heller der Geist, je heiliger der Pflichteifer, desto tüchtiger