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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-27 · Heft 17 (27.4.1894) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 17 (27.4.1894)
Date
1894-04-27
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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Randbemerkungen zu dem Vorträge über ».Me jüdischen Melodien". Von Dr. A. Berliner. I. die Stimme des ersten Menschen nach seiner Vertreibung aus dem lieblichen Garten Eden, klingen „die jüdischen Me-? u lodien" des Herrn Professor Dr. Steinthal, welche aus den beiden Artikeln (in Nr. 12 und 13 dieser Zeitung) an unser Ohr und Vielen auch ins Herz dringen. Man hört die Klage darüber heraus, was einst die jüdische Familie in ihrem Religionsleben, so lange dieses noch nichtdurch sogenannte „Religions stunden" ersetzt wurde, der Jugend geboten hat, daß diese aber heute weder verständig noch empfänglich hiefür anzutreffen sei. Bei der Lektüre dieser mit so pietätvoller und liebreicher Erinnerung geschriebenen, zugleich aber auch so wehmuthsvoll beklagten Jugenderinnerungen wollte mir jener schöne Midrasch gar nicht aus dem Sinne, der den ersten Menschen, nachdem er den Garten Eden hatte verlaffen müffen, vorsührt, wie er, unstüt und flüchtig, hin- und herzieht, überall keine Beruhigung, keine Befriedigung findet, bis die Schatten des Abends - es war an dem so viel verheißenden Freitag — ihn empfangen und er den herrlichen Sabbathpsalm anstimmen kann: „Schön ist's, dem Ewigen zu danken, deinem Namen, Allerhöchster, zu lobsingen". Da kehrt endlich Ruhe in sein zerrüttetes Gemüth ein, er fühlt sich in der Verfaffung, „zu verkünden am Morgen deine Gnade und in den Nächten deine Treue". — ' Sehr nahe läge es, dieses Thema genauer zu behandeln, um an der Hand religionsgeschichtlicher Forschung festzustellen, wer es denn eigentlich war und was denn eigentlich die modernen Juden aus dem schönen Eden der Sabbath- und Festfeier mit ihren jüdischen Melodien und religiösen Klängen gewiesen, um, im glücklichsten Falle, nur noch in der traumvollen Erinnerung an daffelbe leben zu können. Wahrlich/ eine wichtige Aufgabe für eine Preisfrage, deren Lösung bedeutungsvoller wäre als viele Bände der schönsten, formvollendetsten Predigten. Schreiber dieses fühlt nicht das Bedürfniß, an dieses Thema näher heranzutreten; er darf sich, Gottlob! zu allen denen zählen, welche diese Frage durch strenges Festhalten der Feiertage mit ihrer Herrlichkeit bei Alt und Jung praktisch gelöst haben. Was ihn aber zu diesen Randbemerkungen veranlaßt, sind viele eingestreute Notizen geschichtlichen und liturgischen Inhalts, die einer näheren Prüfung zu unterziehen sind, und die um so nöthiger ist, je leichter man geneigt sein könnte, Behauptungen oder Meinungen eines so berühmten Denkers und gefeierten Gelehrten ohne Weiteres für Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte und Litteratur zu verwerthen. Nur aus diesem Grunde fühle ich mich veranlaßt, die Muße, die mir augenblicklich geboten wird, hierzu zu verwenden. Ich schreibe nämlich diese Zeilen in Rom, nachdem ich gestern (am Sonnabend, 7. April) im Hause meines Freundes, des Rabbiners Dr. Ehrenreich, die herzerhebenden Artikel Steinthals gelesen. Will man die Ursprünglichkeit der jüdischen Melodien, wie die geschichtliche Entwickelung der älteren Liturgie überhaupt richtig beurtheilen oder behandeln, so muß man hier, an der Wiege unserer Machsor- Liturgie, die nöthigen Studien machen. Nirgends kann paffender als gerade hier jenes geflügelte Wort angewendet werden: Wer den Dichter verstehen will, muß in Dichters Lande gehen. So hörte ich gestern in dem Tempel, der sich *70VI benennt und seine Traditionen bis auf die Zeit der zweiten Zerstörung zurückführen möchte, den Abschnitt für den Sabbath Hachodesch in einer Weise vorlesen, daß ich jenen didaktischen Grundsatz, daß die mW) (Tonzeichen) auch D’ttUtö (den Sinn fördernd) seien, zum ersten Male ganz klar und veranschaulicht begreifen konnte. Der Vorleser Romanelli, ein im Armenwesen der Gemeinde angestellter Beamter, trug diesen Schriftabschnitt so ausdrucksvoll betont vor, daß in der That aus jedem verlesenen Worte oder Satztheile der ihm innewohnende Gedanke demjenigen, der nur einigermaßen mit dem Geist der Sprache vertraut ist, gehörig verdeutlicht wurde. Als ich dem Vorleser meine Freude hierüber äußerte, sagte er mir, daß solche Vortragsweise nur in dieser Synagoge herrschend sei und als alte Tradition von Generation zu Generation vererbt werde. Ich werde im Laufe dieser Bemerkungen noch oft Gelegenheit haben, auf den Ritus oder Usus in Rom hiuzuweisen. Gehen wir nunmehr zu Einzelheiten über. Prof. Steinthal sagt: „Chason . . ., welcher in früherer Zeit ein höheres Amt bedeutet hatte, etwa das eines Vorstehers, während der Vorbeter ursprünglich TOS n’bl’ Gemeindebeamter hieß." Hier ist alles richtig zu stellen, zu welchem Zwecke ich einige Mittheilungen aus meinem (noch ungedruckten) Vortrage über die Entstehung des Vorbeterdienstes folgen laffe. „Es hat lange gedauert, bevor der jüdische V orbeter ein Vorsänger geworden ist, oder, um es mit den hebräischen Bezeichnungen auszudrücken, der VQX ein wurde — viele Jahrhunderte hat es gedauert, bevor sich diese Wandelung vollzogen hat. Die älteste Bezeichnung für den Vorbetenden ist POTli! YTP, denn in einer Vertiefung stand er vor der heiligen Lade, auch ilS'fl!"! "Ql!?, doch scheint ersteres mehr den ständigen Vorbeter zu bezeichnen, letzteres aber nur den, der einmal in zufälliger Weise der Aufforderung für das Vorbeten Folge geleistet hat. Mit *VOX wird ein Gemeindebeamter für verschiedene Funktionen bezeichnet, zu denen auch das Vorbeten gehörte, wie in der That in der Mischnah Berachoth IV, 5 der Vorbeter mit -,13X als Abgeordneter der Gemeinde bezeichnet wird. Dagegen wird in Chulin 24 b, wo eine nähere Bezeichnung erforderlich erscheint, TQX und rDTl Vsb TYP unterschieden und nebeneinander gestellt. Rasch! fühlt dies mit seiner feinen Beobachtungsgabe heraus und erklärt den *yq3£ tvbw als den Abgeordneten, der für alle Bedürfnisse der Gemeinde zu sorgen hat, als Schofarblasen, die Geißelstrafe vollziehen, in den Bann thun und den Parneß einzusetzen. Diesem T3H in seiner mehrfachen Bedeutung — natürlich nicht immer in einer und derselben Person vorhanden — reiht sich dann der Vorbeter (rO'fl VS1? TIP) und der Ahronide an — sie Alle können erst jener Talmudstelle gemäß nach erreichter Mannbarkeit eine dieser Funktionen übernehmen. Mit dem -|'DX irblT in seiner mehrfachen Thätigkeit geht auch die Bezeichnung fin oft parallel, ein Wort das nach seiner ursprünglichen Bedeutung den Aufseher oder Inspektor bezeichnet. Im Sinne eines Vorbeters erscheint, dieses Wort im babylonischen Talmud gar nicht, im jerusalemischen vielleicht nur an einer Stelle') und von da erst in dem Traktat Soferim. Man könnte somit behaupten, daß erst in nachtalmudischer Zeit die Bezeichnung pn für den Vorbeter auftritt, und zwar entstanden durch eine Begriffsverwechselung; weil nämlich “YOX in seiner mehrfachen Bedeutung auch den Vorbeter bezeichnet, für dasselbe Wort aber oft fin erscheint, somit konnte es leicht erfolgen, i) Die näheren Beläge find in dem erwähnten Bortrage gegeben.

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