Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1894)
- Date
- 1894-04-27
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
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195 auszusetzen gefunden — wir wußten das zuversichtlich im Voraus — aber unsere Freiheit erschien uns doch in einem, eigenthümlichen Lichte. Unter Freiheit verstehen wir den Zustand, in welchem der Mensch innerhalb der Grenzen des Gesetzes alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten und Kräfte frei entwickeln und bethätigen kann. Diese Freiheit ist auch uns gesetzlich gewährt; und dafür sind wir nächst Gott dem Staate dankbar und setzen gern unser Gut und Blut für seine Wohlfahrt und Sicherheit ein. Aber wie steht es in Wirklichkeit um diese uns gesetzlich zustehende Freiheit? Wie dürfen wir unsere Kräfte und Fähigkeiten bethätigen? . . . Das Gesetz schreibt die allgemeine Wehrpflicht vor, und der Jude kommt dieser Vorschrift eben so bereitwillig wie jeder andere Staatsbürger nach; er ist im Allgemeinen sicherlich nicht weniger tüchtig als andere Soldaten; im Kriege hat sich mancher das eiserne Kreuz erkämpft. Und doch, wie vielen Verspottungen, Kränkungen und Zurücksetzlingen ist er ausgesetzt, vom ersten bis zum letzten Tage seines Dienstes; ich brauche nicht in Einzelheiten einzugehen; Jeder kennt sie aus eigener Erfahrung oder aus der Erzählung Anderer. Es ist das um trauriger, als der Soldat während der Dienstzeit ziemlich wehrlos ist. Jedein Bürger steht es frei, seine Kinder in diejenige Schule zu schicken, die ihm beliebt. Und doch wird uns alljährlich, namentlich aber im Frühjahr, in den judenfeindlichen Blättern vorgeführt, wie viel Söhne und Töchter von uns die höheren Schulen besuchen, wie viele jüdische Studirende sich auf den Hochschulen befinden, wie viele von ihnen die Rechte studiren, wie viele Medizin, wie viele sich der Advokatur widmen u. s. w.; genug, die Freiheit, die uns gesetzlich zusteht, wird uns in Wirklichkeit angetastet theils durch deir Widerspruch lind die Aufreizung gegen uns, theils und besonders durch die Zurücksetzung, die wir später erfahren, wenn es sich darum handelt, unsere Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Da wird ja wohl ein Jude Richter — und man weiß, wie viel Geschrei auch darüber gemacht wird — weiter kommt er aber nicht; von anderen Berufsarten, von denen er grundsätzlich, obgleich widerrechtlich ausgeschlossen ist, gar nicht zu reden. Und so steht es unumstößlich fest, daß die Freiheit in der Wahl eines Berufes uns und unseren Kindern fehlt, daß wir also die Freiheit in dem oben gekennzeichneten Sinne vorerst noch entbehren. Und nun erst gar die judenfeindliche Bewegung! Wirthschaftlich und gesellschaftlich will man uns Herabdrücken, zurückdrängen, vernichten; selbst die geringen Rechte, die wir thatsächlich haben, sind unseren Feinden noch ein Dorn im Auge — ja, es ist immer noch zeitgemäß, das „daseüato awde“, noch sind wir nicht frei. Doch nicht mehr der trüben Betrachtungen! „In diesem Jahre Knechte, im kommenden Jahre freie Männer!" Ja, wir feiern das Fest der Befreiung, und wie in alter Zeit, so soll es uns auch heute in hoffnungsfreudige Stimmung versetzen. Und dazu können wir selbst mancherlei beitragen. Befreien wir uns zunächst von der Muthlosigkeit, die uns angesichts der unerfreulichen Zeitverhältniffe beschleichen will. „Zeigst du dich schlaff am Tage der Noth, ist deine Kraft beschränkt" (Spr. Sal. 24,10). Nur der Muthige kann seine Kräfte und Fähigkeiten voll ausnutze»; solcher Muthigen brauchen wir aber in unseren Tagen recht viele. Nur ist Muth nicht mit Uebermuth und Unbedachtsamkeit oder gar Selbstüberhebung zu verwechseln. Befreien wir uns von der Gleichgiltigkeit gegen Juden und Judenthum! Wird eine Familie vom Unglück heimgesucht, so wird seine Wirkung minder unheilvoll und zerstörend, wenn alle Glieder der Familie in Liebe zusammenhalten; und das muthige Eintreten des Einen für den Anderen, und das einheitliche Streben nach demselben Ziele hat die Kräfte Aller gestählt, und der Tüchtigere hat nicht mehr, und der Schwächere hat nicht weniger gethan — denn Alle habe ihr Möglichstes gethan. Suchen wir keine Ehre darin, uns von Juden und jüdischen Einrichtungen und Anstalten abzuwenden, sei es aus Grundsatz oder aus Vorurtheil; „denn wo wir nicht selbst für uns sind, wer ist für uns? Und wenn nicht jetzt, wann denn?" Befreien wir uns auch von der Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum, oder — was daffelbe ist — von der Unwissenheit in jüdischen Dingen. Denn gleichgiltig gegen das Judenthum kann nur der Unwissende sein. Lo am ho-orez chossid! — Wer das Judenthum kennt, muß es lieben. Machen wir es gut, was wir oder unsere Eltern an uns versäumt haben, indem wir uns und unsere Kinder bekannt machen mit der wahren Religion unserer Väter, mit dem unvergänglichen Schriftschatz der Bibel, mit der Geschichte der Juden, mit den Schriftwerken jüdischen Geistes alter und neuer Zeit, mit dem Leben hervorragender Männer und Frauen unseres Stammes, mit den hauptsächlichsten Stücken unserer häuslichen und synagogalen Gebete! Machen wir uns frei von der Voreingenommenheit gegen das Judenthum, weil sich gar mancherlei Schlacken drangesetzt haben; denn sie können und werden ausgeschieden werden, und das Gold unserer Religion wird wieder sonnenhell leuchten. Befreien wir uns von dem lähmenden Vorurtheil, als stehe der Jude in seinem Werthe und in seiner Nützlichkeit anderen Leuten nach; man hat es so oft behauptet und danach gehandelt, daß cs wohl begreiflich ist, wenn selbst mancher Jude glaubt, es müsse wahr sein, und nun einerseits von Unmuth, andererseits von Widerwillen gegen seine Glaubensgenossen erfüllt wird. Aber es ist dennoch nicht wahr! Wir sind nicht besser und nicht schlechter als andere Leute; ja, wenn man bedenkt, welche Möglichkeit und Freiheit die Bekenner ver anderen Konfessionen haben und immer gehabt haben, sich für das Leben vorzubereiten und auszubilden, so wird man noch milder über uns urtheilen müffeu. Doch soll die Ueberzeugung, daß wir nicht schlechter sind als Andere, uns natürlich nicht blind machen gegen vorhandene Uebelstände; im Gegentheil, wir wollen sie kräftig, aber mit liebevoller Geduld bekämpfen, wir wollen nicht Nachlaßen, an uns und an Anderen zu beffern. Befreien wir uns auch von dem Hochmuth, der viele von uns den minder Begüterten oder den minder Gebildeten gegenüber beseelt! Reichthum ist an sich noch keine Ehre, und Armuth keine Schande; und Gelehrsamkeit ist erst dann von Werth, wenn sie sich mit Bildung paart und den Anderen, also vor Allem den Ungelehrten, zugute kommt. Darum laßt uns helfen, wo wir können; und belehren, so viel in unseren Kräften steht; erziehen wir in diesem Sinne uns und Andere — dann werden wir aus den Trübsalen unserer Tage neugestärkt hervorgehen! Wenn wir mit diesen Vorsätzen, uns selbst zu befreien, das Fest der Befreiung feiern, dann wird uns die Erinnerung an die Knechtschaft nicht niederbeugen, sondern emporheben zu edler Begeisterung; und die freudigeZuversicht, die jeder ehrliche Vorsatz in uns erschafft, wird uns die Festtage verschönern, veredeln und in Segen verwandeln.