Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228057--50762-3273587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Verantwortungsvollen Amtes hin und bat um Nachsicht, wenn seine Kräfte nicht immer ausreichen sollten, allen Anforderungen gerecht zu werden. Mit einem Gebet für Kaiser und Reich schloß die einfache aber erhebende Feier. In seiner Antrittspredigt am Samstag Morgen hatte Herr Dr. Samuel als Text die Worte des scheidenden Moses gewählt: „Sei stark und fest". Die Predigt, bei deren Schluß er ganz besonders die Verdienste seines Amtsvorgängers, des Herrn Blumenfeld, würdigte, machte auf die zahlreichen Andächtigen einen tiefen Eindruck. 8. 8. Fürth, 12. April. Am 10 ds. M. hat der unerbittliche Tod einen vortrefflichen Mann unserer Gemeinde, Bernhard Ullmann, abgerufen, der mit der Konsequenz in seinen Grundsätzen eine glaubenstreue Ueberzeugung für das Judenthum verband. Durch die Wahrhaftigkeit seiner Gesinnung und sein mit gesundem Humor gepaartes bescheidenes Wesen, richteten sich die Augen seiner Mitbürger auf ihn und so wurde er zu verschiedenen Ehrenämtern berufen. Er war früher Mitglied des städtischen Kollegiums der Gemeindebevollmächtigten und fast ein halbes Jahrhundert Vorstandsmitglied der hiesigen Kultusgemeinde, deren Geschäfte er mit großer Gewissenhaftigkeit verwaltete. Alle Verbesserungen in der Einrichtung derselben, die seit 50 Jahren erfolgten, geschahen zum großen Theil durch seine Anregung und unter seiner thatkräftigen Mitwirkung. Die neue Leichenhausordnung in den sechziger Jahren ist sein Werk. Die Einführung der am 11. April 1873 eingeweihten Orgel in der Hauptsynagoge, deren Kosten er durch Sammlungen aufbrachte und welche seit dieser Zeit zur Hebung der Gemüther ihre belebenden Tonwellen schwingt, ist ebenfalls ihm zu verdanken. Einige in den letzten Jahren in der Hauptsynagoge ausgeführte Verschönerungen deckte er auf eigene Kosten. In Folge seines hohen Alters, er starb im 85. Lebensjahre, legte er vor wenigen Jahren die Stelle eines Vorstandes nieder, bei welchem Anlaß ihm die Kultusgemeinde eine künstlerisch ausgeführte Dankadresse überreichen ließ, in welcher seiner vielfachen Verdienste in der ehrendsten Weise gedacht wurde. Der modernen religiösen Richtung angehörend, war er gegen Andersdenkende mild und versöhnlich. Mit ihm geht ein liebenswürdiger Mensch, ein ehrenhafter Charakter zu Grabe. Die Theilnahme zeigte sich bei der heute unter großer Betheiligung stattgehabten Beerdigung, bei welcher Herr Rabbiner Dr. Neubürger die tiefempfundene Leichenrede hielt. Ehre seinem Gedächtnisse! Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 16. April. Merkwürdige Dinge passiren hier alle Tage. Jetzt will der neue Bürgermeister Dr. Grübl sein Regime mit einer verhängnißvollen Aktion einleiten. Er besteht mit einer an ihm ganz ungewohnten Energie und Zähigkeit darauf, daß von der liberalen Partei ein Antisemit in den Stadtrath gewählt werde. Er verlangt sonach, daß die Partei, welche ihn auf ihren Schild gehoben, ihre Rechtsanschauung preisgebe, an der sie bisher festgehalten, daß von der eigentlichen Verwaltung der Stadt jene Elemente ferngehalten werden müssen, welche das Grundprinzip des freien Staates und der freien Gemeinde verläugnen und bekämpfen, das Prinzip der gleichen Pflichten mit) der gleichen Rechte aller Staatsbürger nach Maßgabe des Gesetzes. Schon ist zu konstatiren, daß es dem Herrn Bürgermeister gelungen ist, zahlreiche Mitglieder des fortschrittlichen Parteiverbandes seinem Willen gefügig zu machen, und man muß mit der Eventualität rechnen, daß er die Majorität desselben bestimmen wird, für die Wahl eines Antisemiten in den Stadtrath zu stimmen. Der fortschrittliche Parteioerband wird die schiefe Ebene der Zugeständnisse an die Antisemiten betreten, und auf dieser Bahn giebt es keinen Halt. Die liberale Partei steht am Anfänge vom Ende ihrer Herrschaft und ihr unaufhaltsamer Zerfall ist das Werk des neuen Oberhauptes der Gemeinde. Dr. Grübl ist von dem Wahne befangen, den harten, feindlichen Sinn der Antisemiten durch mildes Entgegenkommen und durch Konzessionen erweichen zu können. Er irrt sich. Er erreicht nur das Eine, daß die fortschrittliche Partei politisch demoralisirt und für die Tage des unausweichlichen Entscheidungskampfes aktionsunfähig gemacht wird. Allerdings sagt der Bürgermeister: „Ich gehe keinen Kompromiß ein, ich wähle nur aus freier Entschließung einen von den Antisemiten in den Stadtrath, und zwar Denjenigen, der mir gefällt." Das ist aber eine Selbsttäuschung und eine Halbheit, die nicht gerechtfertigt ist. — Der Polenklub berieth gestern über das Budget. Sie haben die mannhafte Rede des Abgeordneten Dr. Byk darüber, daß jüdische Beamte in der letzten Zeit nahezu prinzipiell nicht befördert werden und daß jüdische Bewerber um staatliche Anstellungen bei allen Zweigen des Dienstes ablehnenden Bescheid erhalten, bereits mitgetheilt. Diese Rede wird nicht verfehlen, großes Aufsehen zu erregen. Aus der daran sich knüpfenden Debatte hebe ich noch Folgendes hervor: Abgeordneter Kozlowski bemerkte, daß die Beförderung der Beamten reine Sache der Exekutive wäre, so daß es schwer sei, diese Sache im Parlament auszutragen. Abgeordneter Roszkowski unterstützte wärmstens die Ausführungen des Dr. Byk. Es handle stch in dieser Frage nicht so sehr um das Avancement der jüdischen Beamten, als um deren Aufnahme in den SLaatsdienst. Er (Redner) wisse aus Erfahrung, daß jüdischen Kandidaten bei der Aufnahme in den Staatsdienst riesige Schwierigkeiten gemacht werden. Minister Jaworski erklärte, daß für ihn bei Beförderung von Beamten ausschließlich die Tüchtigkeit und amtliche Qualifikation ohne jede Rücksichtnahme auf das religiöse Bekenntniß maßgebend seien. Abgeordneter Dr. v. Rappaport hob hervor, in wie erschreckender Weise der Erwerb unter den galizischen Juden abnehme. Dies habe zum Theil auch darin seine Ursache, daß manche bisherige vorzügliche Erwerbszweige den Juden infolge organisirter Konkurrenz entgehen. Man könne nichts dagegen einwenden, doch müsse man den Juden schon vom rein ökonomischen Standpunkte andere Erwerbszweige willig erschließen. Er verwahrte sich mit großem Nachdruck gegen den oft geheischten Neligionswechsel, als Verletzung der Gewissensfreiheit. Er ersuchte schließlich den Minister v. Jaworski, im Ministerrathe davon zu erwähnen, daß über diesen Gegenstand im Polenklub debattirt wurde. — Auf Ansuchen der israelitischen Kultusgemeinde hat das Militär-Stationskommando gestattet, daß die Mannschaft israelitischer Konfession der Garnison Wien am 20. und 21. April l. I. von 5 Uhr Nachmittags an, dann am 21. und 22. April von 7 bis I I Uhr Vormittags zum Zwecke der Theilnahme am Peßachfeste nach Zulässigkeit vom Dienste enthoben werde. — g. Budapest, 13. April. Der ungarische Reichstag hatte gestern seinen großen Tag: die Vorlage über das Ehegesetz, beziehungsweise die Einführung derobligatorischenCivilehe wurde mit einer Majorität von 175 Stimmen angenommen. Für die Annahme stimmten sämmtliche jüdische Abgeordnete, dagegen alle der ehemaligen Antisemiten-Partei Angehörigen Mitglieder: Jstoezy, Onody, Andreansky, Szalay und wie sie alle heißen, die ehrenwerthen Herren, die auch für den von zwei ihrer Mitglieder eingereichten Antrag betreffs des Mißtrauensvotums gegenüber dem Justizminister ihre Stimmen abgaben. Es unterliegt nunmehr keinem Zweifel, daß auch die Rezeptur der Juden mit großer Majorität angenommen werde. Großbritannien. * London, 17. April. In der jüngsten Sitzung des Council of the United-Synagogue wurde beschlossen, eine große Synagoge im östlichen Stadtt he ile, wo die eingewanderten polnischen Juden wohnen, zu erbauen. Der zum Ankauf bestimmte Bauplatz im Gommercial-Road kostet L. 14,300. Es wird hier eine der größten Synagogen Europas lediglich für den Zweck erbaut, um für die hierhergekommenen polnischen Glaubensbruder eine würdige Stätte zur Verrichtung des Gottesdienstes herzustellen. — In diesen Tagen ist von dem hiesigen Baron Rothschild eines der seltensten hebräischen Denkmäler an die Synagoge in Petersburg gesandt worden, nämlich eine große silberne Tafel mit symbolischen Darstellungen. Die ganze Tafel ist mit Saphiren, Perlen und Brillanten geschmückt. In der Mitte sind die Gesetzestafeln, umringt von Bildern aus dem Leben der alten Hebräer u. s. w., abgebildet. Längs den Rändern der Tafel ziehen sich herrliche Ornamente in antikem Stil hin. Die Verwaltung der Synagoge hat bei einem der hervorragendsten Petersburger Graveure eine Inschrift auf der Tafel anbringen lassen, welche besagt, daß letztere ein Geschenk Rothschilds sei. Die Tafel wird in der Synagoge angebracht werden. Rußland. F. Warschau, 12. April. Wie dem in St. Petersburg erscheinenden „Woschod" aus Sitomir berichtet wird, ist dortselbst die Gründung einer jüdischen landwirthschaftlichen Hochschule bevorstehend. Die Kosten der für den kommenden Monat geplanten Gründung sollen aus