Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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'-4 - dem von dem Nachlasse des Dr. Lefncr zu diesem Zwecke bestimmten 220,000 Rubeln bestritten werden. Auch hat die Stadt Sitomir dem zu gründenden Institute 80 Desjatin Land geschenkt. Außerdem verpflichtet sich die Gemeinde, der landwirthschaftlichen Schule jährlich einen erheblichen Beitrag zu bewilligen. £ Sosnowitz, 13. April. Unsere kleine Stadt ist der Mittelpunkt des industriellen Polens. Trotzdem die Eigenschaft des „Fleckens" der Ortschaft längst zuerkannt wurde, verbieten die Behörden den Juden, Immobilien anzukaufen und erklären, daß der Grund und Boden den Bauern gehört Die bedeutenden Geschäfte, die hier abgeschlossen werden, haben eine große Anzahl Juden veranlaßt, die Häuser der Bauern einfach zu pachten und ihre Bureaus, Läger und Wohnungen daselbst einzurichten. Nun wird in diesen Tagen den Juden, laut oberen Befehls, geboten, binnen 30 Tagen den Ort zu verlassen, da sie sonst zwangsweise dazu genöthigt würden. Dieser Erlaß hat bei der sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung große Bestürzung hervorgerufen, da die meisten seit 10 bis 15 Jahren hier ansässig sind. Die Juden haben beschlossen, bei dem General-Gouverneur von Polen eine Eingabe zu machen, mit der Bitte, besagten Erlaß zu annuliren oder zum Mindesten die Frist zu verlängern, um ihre Geschäfte unter weniger schadenbringenden Bedingungen liquidiren zu können. Dieser Erlaß bedeutet den vollständigen Ruin der Juden von Sosnowitz. Der den Bauern ertheilte Befehl, ihre Häuser den Juden nicht länger zu vermiethen, zwingt diese dazu, den Ort zu verlassen. Amerika. n. New-Aork, 4. April. Das hiesige jüdisch-theologische Seminar macht langsame, aber immerhin anerkennenswerthe Fortschritte. Das Institut nimmt nämlich eine Stellung ein, die weder der starren Orthodoxie noch aber der radikalen Reform zusagt. Daher ist es auch auf die Unterstützung des juste milieux angewiesen. In dem Seminar in Cincinnati weht der Geist Jsaac M. Wise's, der dasselbe ins Leben gerufen, der an der Spitze desselben steht und sich große Verdienste um Erhaltung, Wachsthum und Gedeihen der Anstalt erworben hat. In dem hiesigen Institut weht der Geist des Rabbiners Doktor Sabbato Morais aus Philadelphia, welcher bekanntlich ein großer Talmudist, Vertreter der konservativen Idee, ein biederer Charakter ui) gewifsenstreuer Lehrer ist. Die geschäftliche Leitung liegt in den Händcki des Herrn I. Blumenthal. Das Grundstück, in welchem sich die Schule befindet, ist Eigenthum der Seminar-Gesellschaft. Auch besitzt dieselbe eine gediegene Bibliothek. Bei der Jahresversammlung hielt Rabbintzr Dr. Morais eine begeisternde Ansprache, alsdann folgte die Neuwahl des Vorstandes. Kon Nah und Fern. ---- Der Geheime Regierungs-Rath Professor Dr. Pringsheim hat den baierischen Maximilians-Orden für Wissenschaft und Kunst, der General-Konsul William Schönlank den dänischen Danebrog-Orden dritter Klasse erhallen. — Die Stempel-Reklamen des StempelfabrikanteA Kaiser sind von der Staatsanwaltschaft einer Prüfung unterzöge« worden. Man kam zu dem Ergebniß, daß das Vergehen der Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten nur deshalb nicht vorliege, weil der Verbreitung nur ein rein gewerblicher Zweck beizumessen sei. Dahingegen fand dH königliche Amtsanwaltschaft in der öffentlichen Verbreitung dieser Reklame» eine Belästigung und Beunruhigung des Publikums und veranlaßte de» Erlaß eines Strafbefehls. Gegen diesen hat dem Vernehmen nach Her«' Kaiser einen Einspruch nicht erhoben, vielmehr die Strafe bezahlt, Der Parteiausschuß der Böckel'schen Reformpartei hat mit d^ „Antisemitischen Vereinigung für Norddeutschland", der eigentlichen Ahtz wardt-Garde, Abmachungen getroffen, wonach die Provinzen BrandeO bürg, Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern und Mecklenburg der „Bereinigung" zur Bearbeitung überlassen bleiben unter der Bedingung, daß die Kandidateil zum Beitritt zur Fraktion der Reformpartei verpflichtet werden. — Aus Jnowrazlaw wird Folgendes berichtet: Große Trauer herrscht im Lager der Antisemiten von Argenau und Jnowrazlaw. Der Hauptlehrer P riebe (Argenau) ist nach Schönlanke versetzt worden. Priebe kandidirt bekanntlich für den Reichstag und hat seinerzeit. wegen Aufreizung gegen die Juden vor den Schranken der hiesigen Strafkammer gestanden. — Bürgermeister Goldenring in Jarot sch in, Ritter des Kronenordens re, trat nach 22jähriger segensreicher Wirksamkeit in den wohlverdienten Ruhestand. Die städtische Vertretung bewilligte ihm sein volles Gehalt als Pension und ernannte ihn in Anerkennung seiner Dienste zum Ehrenbürger — Justizräth Adolf Selig - mann in Koblenz feierte sein fünfzigjähriges Jubiläum als Jurist. Bei der Beglückwünschnllg von Seiten der Justizbehörden und seiner Kollegen überreichte Herr Landgerichts-Direktor Petry den dem Jubilar vom Kaiser verliehenen Rothen Adler-Orden vierter Klasse. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Köln hielt Herr Professor Dr. Frank den letzten der öffentlichen Vorträge über „das Reichspostgebäude in Köln und die Juden". Der Redner gab in der ihm eigenen plastischen Weise ein treffliches Bild der Entwickelungsgeschichte der Kultur, die von dem Boden des Reichspostgebäudes in Köln ausgegangen und die mit der Geschichte der Juden im engsten Zusammenhang steht. Er erzählte, wie auf diesem Boden einst der Philosoph Albertus Magnus gewirkt habe und drei Jahrhunderte darauf die Dominikaner ihren verhängnißvollen Einfluß ausübten. Bon allergrößter Bedeutung wurde das an der Stelle des jetzigen Postgebäudes stehende Dominikanerkloster durch die von dort ausgehende Hetze, gegen die hebräische Litteratur und insbesondere den Talmud. Durch fast zwei Jahrzehnte tobte an dieser Stelle der von den Dominikanern und Hochstraaten geführte Kampf gegen die Vertheidiger des Talmud,' nämlich Reuchlin und seine Anhänger. — Der Antisemitenführer Theodor Fritsch, der Verleger und Redakteur der „Deutschsoz. Blätter", hatte den Theaterdirektor Stegemann in Leipzig als einen Juden bezeichnet, weshalb letzterer eine Beleidigungsklage anstrengte. Der Gerichtshof erkannte gegen Fritsch auf eine Geldstrafe von 100 Mark. — Interessanter gestaltete sich ein Prozeß wegen Ehrenbeleidigung zwischen zwei Antisemitenführern, Erwin Bauer und Dr. Wesendonck, der sich vorige Woche ebenfalls in Leipzig vor dem Schöffengerichte abspielte und in dem die beiden Herren sich gegenseitig mit allen möglichen Schmähungen traktirten. Das Urtheil lautete gegen Wesendonck auf einen Monat Gefängniß, gegen Bauer auf 200 Mk. und gegen dessen früheren Verleger auf 50 Mk. Geldstrafe. — Gegen den Feuilleton - Redakteur der „Frankfurter Zeitung", F. Mamroth, ist die Anklage wegen Beleidigung Stöckers erhoben worden, begangen durch eine in einem Budapester Feuilleton des genannten Blattes enthaltene Vergleichung des Aeußeren Minister Wekerles mit demjenigen Stöckers. Also die Beleidigung Stöckers ist ein „öffentliches Interesse," die Schmähung tausender von Staatsbürgern ihrer Religion wegen aber nicht. Merkwürdig! — In Wien ließ Die Staatsanwaltschaft die von dem bekannten Dr. Deckert vor den Thüren der Kirchen zum Verkauf angebotenen Broschüren: „Das Vaterunser!" und „In der Judennoth" konfisziren." — In einzelnen Stadttheilen Prags wurden zahlreiche Zettel aufgefunden, welche hochverrätherischen Inhaltes waren und Aufschriften enthielten, wie „Nieder mit der Polizei! Nieder mit den Juden!" — Aus Petersburg wird geschrieben: Nach einer den Angaben des Ministeriums der Volksaufklärung entnommenen Notiz der „Now. Wr." sind 10 Prozent aller Gymnasiastinnen im russischen Reiche Jüdinnen. Auf die Mädchengymnasien der einzelnen Lehrbezivke vertheilt, stellt sich das Verhältniß folgendermaßen: Im Kiewschen sind Jüdinnen mehr als 11 Prozent, im Warschauer ungefähr 15 Prozent, im Odessaschen wehr als 40 Prozent (?) Uebrigens giebt es einzelne Gymnasien, wo der Prozentsatz der Juden mehr als 50 Prozent beträgt; ja einige werden fast ausschließlich von Jüdinnen besucht. Die Gymnasialobrigkeit soll sich in ihren Berichten vielfach darüber beklagt haben und, wie es heißt, wird das Ministerium Maßnahmen ergreifen. — Colonel Goldsmid in London ist zum Kommandanten des 41. Regimentsdistrikts in Cardiff ernannt worden. — Aus Neu-Süd-Wales berichtet man: Alderman Samuel Landauer^. wurde zum fünften Male zum Mayor (Bürgermeister) von Cudal gewählt. Auch Narrander, Newcastle und Lismore haben jüdische Bürgermeister gewählt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.