Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-20 · Heft 16 (20.4.1894) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228057--50757-3273582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

190 anznrührc», iinb wenn Holger freundlich eine Frage-an ihn richtete brummte er wie rin böser Hund. Seit jener Begegnung mit Rachel, war er ihr ausgewichen und sie hatte ihn wie eine» Fremden behandelt. Sie ignorirte ihn voll? ständig — er existirte nicht für sie. Aber die offenbare Verachtung der Frau, die er liebte, war nicht mehr zu ertragen. — Er halte sie nicht verdient. — Sulamith, seine schöne Sulamith war ungerecht gegen ihn. . . . Warum hatte sie zu seinem Unglück diese dunkeln, bezaubernden Augen, mit dem zugleich sanften und strahlenden Blick — eine ägyptische Nacht voll glänzender Sternschnuppen und erotischer Räthsel. Holgcr und Anders trafen sich eines Vormittags im Garten. - „Tu siehst schlecht aus, alter Junge," sagte Holger und legte ihm mit kameradschaftlicher Theilnahme die Hand auf die Schulter. „Ich glaube, Du arbeitest zu viel. Willst Du nicht heute mal Deine Pinsel und Farben im Stich lasten und Dich frei machen?" Anders schüttelte unwillig Holzers Hand ab. Er wußte, daß Holger in seinem Herzen las wie in einem offenen Buch, und dieL stille Mitleid, diese billige Theilnahme des glücklichen Vetters reizte ihn nur, ohne ihn zu trösten. Holger schnitt ruhig die Spitze von seiner Cigarre und anscheinend vollständig mit dieser Arbeit beschäftigt, warf er leicht hin „Die Rosengaarder Luft bekommt Dir gewiß auch nicht gut." Anders sah ihn schnell und fragend an. „Du hast recht," cntgegnete er in kühlem Ton. „Ich gedenk» auch abzurciscn. — Deine große Gastfreundschaft kann auch mißbrancht werden." - „Wann willst Du reisen?" fragte Holger ohne Ueberraschung und ohne ihn zu», Bleiben aufzufordern, mit seiner früheren Ruhe, während er ein Streichholz nahm und seine Cigarre anzündete. „Morgen oder übermorgen. Es giebt ja immer etwas zu thun. Ich will nach Norwegen — Du weißt ja, daß es schon lange meinet Absicht ist. . . Tie Umgegend von Hardanger soll so großartig sein- — das muß was für einen Maler sein, — und die Fjeldlnft wirdmeine Nerven stärken. Daß ich auch diese verdammte Nervosität nicht ' los werden kann." > Es war das erste Mal, daß Holger seinen starken robusten Vettert über Nervosität klagen hörte. Ohne zu lächeln, antwortete er inseinem alten freundschaftlichen Ton: „Ich will nicht versuche», Dich zurückznhalten, lieber Anders. Ich glaube auch, daß Du in mancher Beziehung reiche Ausbeute von dieser Reise haben wirst. Norwegen ist ja jetzt modern, es gehört beinahe mit zum guten Ton, dort gewesen zu sein. Wenn Du dannzum Herbst mit frischem Humor und vielen neuen Arbeiten wieder hierher kommst, wird sich Niemand mehr freuen, als ich." Sie tauschten stumm einen herzlichen Händedruck aus. Die Nachricht von der Abreise des Malers schien Niemand zu betrüben, als Tante Rebekka, welche als Dank für ihre feinen schottischen Garnstrümpfe von Anders eine kleine Skizze bekam, die siefrüher bewundert hatte. Anders hatte gepackt und war reisefertig. Das Schwerste stand - ober noch bevor, der Abschied von Rachel. Er war so glücklich, sie allein im Eßzimmer zu treffen, wo sie^ den Mittagstisch mit Blumen schmückte. Die Kanlnierherrin hatte - Rachel auf ihre Bitte diese Aufgabe zugetheilt, welche sonst dem Gärtner znfiel. In einem Korb vor ihr lagen Feld- und Gartenblumen, ans denen sie Sträuße zusammensetzte. Jeder bekam einen solchen, aber auf Holzers Serviette legte sie den schönsten. „Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, gnädiges Fräuleiu —" es wurde ihm schwer, zu sprechen, er hatte ein Gefühl, als würde ihm der Hals zugeschnürt. — „aber ich werde Sie nicht lange hindern." „Sie wollen uns ja verlassen, wie ich höre," sagte sie so sanft, wie er es gar nicht erwartet und noch nie von ihr gehört hatte. Sie warf die Blumen in den Korb, welchen sie in der Hand hielt und reichte ihm diese hin: „Leben Sie wohl!" Eine glühende Röthe flog über seine matten Züge. An allen Gliedern zitternd, zögerte er einen Augenblick und ergriff dann die kleine, weiße Hand, die er ehrerbietig an seine Lippen führte. . . „Sie zürnen mir doch nicht, Fräulein Rachel? — Es ist das letzte Mal — meine letzte Huldigung. . . Wir werden uns wohl nie Wiedersehen." Sie lächelte sanft und beruhigend. . . Es fiel ihr ans, wie verändert er war. Seine Munterkeit und Keckheit war wie mit einem Zanberschlag verschwunden. Ernst und demüthig, schön in seiner zurückgedrängten Trauer stand er vor ihr, die blauen Augen mit Thränen gefüllt. Sie blickte einen Augenblick in diese Augen, in deren Tiefe ein heimlicher Schmerz glühte — ein Schmerz, den sie aus bitterer Erfahrung selbst so gut kannte, und in einem unklaren Gefühl von Theilnahme und Reue sagte sie sich bebend: „Er leidet — und er leidet meinetwegen." Sie beugte sich so tief über den Korb, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte. „Möge es Ihnen recht gut gehen in Norwegen! Wenn Ihr Weg Sie über Gansdal führt, so bringen Sie meiner Schwester Grüße von mir." Sie hatte aufs Neue begonnen, ihre Blumen zu ordnen. Er war der Thür nahe, da kehrte er um und bat athemlos: „Geben Sie mir eine Blume!" Sie reichte ihn», wie man einem Kinde den Willen thut, die erste beste Blume aus dem Korbe. Es war zufällig ein großes, blaues Vergißmeinnicht. „Danke, Rachel," sagte er, sie durch Thränen mit einem Blick ansehend, als wollte er sich ihre Züge fürs ganze Leben in die Seele prägen. „Ich werde Sie nie vergessen. — Wenn in Zukunft etwas als Mensch und Künstler aus mir wird, so verdanke ich es Ihnen. — Leben Sie wohl." So trennten sie sich, um sich niemals wieder zu begegnen. XV. Es war ein schwüler Sonnabend Nachmittag. Am Horizont standen dunkle, bleifarbige Wolken, die Regen verkündeten. Fräulein von Pahlen hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen, um zu schreiben, was sie immer that, wenn die Kammerherrin sie nicht beanspruchte. Holger und Rachel spazierten am Wasser, von dem zuweilen ein frischer Luftzug zu ihnen herüberwehte — aber Tante Rebekka saß allein im Salon, hinter den herabgelaffenen Parisiennen, mit einem kleinen altmodisch eingebundenen Buch in der Hand, während ihr Strickzeug auf ihrem Schooße lag. Sie hatte die Brille auf der großen Nase, um besser lesen zu können, und zog manchmal auf eine sonderbare Art, als wäre sie äußerst verwundert, die Brauen in die Höhe, so daß die ganze Stirn einen schmalen, faltigen Streifen bildete. ... Sie glich einer alten vertrockneten Sybille, welche im Begriff ist, zu weissagen. Die Kanimerherrin schwebte auf ihre leichte, elegante Weise ins Zimmer, welche dazu beitrug, ihr den falschen Schein der Jugendlichkeit zu geben. „Wgs lesen Sie denn, Fräulein Levy?" fragte sie in jener freundlich herablassenden Weise, welche sie der Dienerschaft und Niedrigergestellten gegenüber anwandte. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.