Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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189 denn bei „Anerbietungen" an der „Börse" von etwas Anderem als Geld die Rede sein kann). Nun, er hat sich besonne», er fragt, ob die Juden denn, als Bedingung der Emanzipation, deni Staate jemals das Anerbieten gethan. sich dem Staate mehr anzupafsen, „damit sie doch einigermatzen werden, wie Unsereins." Wie Unsereins? Was heitzt das? wie Nathansohn? wie Carlo? Da sei Gott für! oder heißt wie Unsereins werden — so viel wie — Christ werden? „Warum nur „einigermaßen?" Entiveder — oder. Nun, ich möchte doch sehen, wie ein redlicher Staatsmann cs anfniinmt, wenn zehn, oder zwanzig, oder dreißig Juden zu ihm kämen und sagten: „Herr X oder A! Wir möchten gar zn gern bürgerliche Rechte haben und den Christen gleichgestellt werde»; weil wir das aber als Juden nicht erlangen können, so haben wir uns entschloffen — Christen zn werden!" — Wie verächtlich würde der redliche Staatsbeamte solche frivole Menschen ansehen, die, eines irdischen Gewinnes halber, ihren Glauben verläugnen oder wechseln wollen, wie man ein Kleid wechselt! Herr Carlo behauptet: „Die Juden hätten in der langen Zeit, welche sie bei uns sind, gar nichts gethan, sich zu naturalisire», zu akklimatisiren, zu notionalisiren und somit sich selbst zu emanzipiren" (S. 18). So viel Worte, so viel Unwahrheiten! Haben sich die Juden in der That nicht naturalisirt? Sprechen Sie doch deutsch, Herr Carlo. Was heißt denn naturalisiren? Heißt das nicht, sich einbürgern? Nun. haben die Juden sich etwa nicht eingebürgert? Darin besteht ja gerade der Verdruß und Aerger aller Judenfeinde! Darum wollen sie sie ja so gern ausbürgcrn. Haben die Juden nicht in Hamburg und seinem Gebiete Grundstücke? Grundeigenthum? Könnten sie aber Grundstücke und Grundeigenthum haben, wenn sie sich nicht naturalisirt hätten? Wcnwihnm nicht Alles daran läge, sich naturalisiren zu wollen? Wie? Die Juden hätten sich nicht nationalisirt? Betreiben sie denn aber die Gewerbe und Geschäfte, die sie betreiben dürfen, nicht auf dieselbe Weise wie die übrigen Bewohner Hamburgs? Gleichen die Geschäfts- und Banqnierhäuser der Juden nicht vollkommen denen der christlichen Kaufleute, der christlichen Banqniers? Oder sind die der Juden etwa nach orientalischem Styl eingerichtet? Führen die Juden etwa die doppeltitalienische Buchhaltung, ihre Kladde, ihr Journal, ihr Cassa- und Hauptbuch in hebräischer oder chaldäischer Sprache? Rechnen die Juden statt mit deir üblichen arabischen Ziffern etwa mit hebräischen Buchstaben? Führen sie ihre kaufmännische Korrespondenz etwa hebräisch? Werden ihre Civil-Acta, wie Kauskontrakte, Ehekontrakte, ihr „letzter Wstle", werden alle diese Dokumente etwa von den Rabbinen und nicht von Notariell, ganz wie bei den übrigen Hamburger Bürgern angefertigt? Heißt das etlvas anderes, als sich nationalisiren? Oder kleiden sich Juden und Jüdinnen etwa wie die Türken? Etwa wie die Chinesen? wie die Mongolen? Oder lernen die Söhne und die Töchter unserer jüdischen Bevölkerung die deutsche Muttersprache weniger früh und weniger gründlich als die christliche Jugend? Und ist es nicht gerade die Sprache, wodurch man sich selbst nationalisirt? Oder ist das soziale Leben in den Häusern der Hamburger Juden etwa morgcnländisch? Wird dort etwa orientalisch gespeist, orientalisch musizirt? Werden dort etwa statt der Lieder von Heine und Uhl and Davidische oder Affasche Psalmen abgesungen .und mit orientalischen Instrumenten begleitet? — Wie kann ein Carlo sich so lächerlich machen! Doch Herr Carlo weiß noch ganz andere Dinge. Er behauptet sogar, die Juden, trotz dessen, daß sie schon Jahrhunderte in Hamburg leben, hätten nichts dazu gethan, sich zu akklimatisiren, daß heißt doch wohl auf gut deutsch, sie hätten sich bis Anno 1844 noch immer nicht an den hainburgischen Himmelsstrich gewöhnt! Was die Juden für eine physische Natur haben müssen! — Das ist wunderbar. Man bedenke: das asiatische Klima, das ihren Vorfahren so etiva vor ungefähr neunzehnhundert Jahren znsagte, dasselbe asiatische Klima wirkt so stark auf ihre Nachkommen, daß sich diese an das deutsche hauiburgische Klima heutigen Tages noch nicht gewöhnen können. Bis auf unseren scharfsinnigen und scharfsichtigen Carlo hat das »och kein Physiker entdeckt!! Gewiß hat unser Carlo im Dezember oder im Januar Juden oder Jüdinnen in den leichtesten kühlsten Zeugen gekleidet gesehen, weil mn diese Zeit im Morgenlande eine drückende Hitze ist, auf die Juden aber das asiatische Klima einen so enormen Einfluß hat, daß sie an dasselbe weit mehr als an das hauiburgische gewöhnt sind." — raiiHimuirsii: -£2*. IIMMM m I 1 FEUILLETON u ü { granmimnviiii ^iWnuErllw --1 -i i- W--- ■ ■ —1 niminumtüigg? nfflnüfflnwt1E*5 1-* Die Jüdin. Erzählung von John P a u l s e n. (Fortsetzung.) XIV. '\t heimlicher Schadenfreude entdeckte Anders am folgenden Tage das kühle Verhältnis zwischen Holger und Rachel. Sie sprachen beim Frühstück beinahe nicht mit einander, und wenn sie einige gleichgültige Worte wechselten, so vermieden sie es, einander anznsehen. Was war geschehen? — Lag der Bruch in der Luft? — Tante Rebekka glich einer Pulvertonne, die jeden Augenblick explodiren konnte, und die Kammerherrin war hübscher und jugendlicher denn je. Sie verbarg nur mit Mühe Aeußerungen ihrer guten Laune. Ans einmal Sceneuwechsel. Die zärtliche Versöhnung unter Thränen und Lachen, Selbstanklagen und Versprechungen hatte augenscheinlich stattgefunden. Ein solcher Streit zwischen einem Liebespaar hat mindestens die Wirkung eines gelinden Gewitters an einem heißen Sommertage. Nach bem Regen ist die Lust noch einmal so blau und klar und die Vögel singen dann mit neuer Kraft. Holger und Rachel waren zärtlicher und vertraulicher miteinander, denn je. Arm in Arm gingen sie im Garteil spazieren. Holger hatte ihr versprochen, die Glallbensfrage nicht wieder zn erwähnen, Im Stillen aber verließ er sich auf die Zeit und dachte: „Kommt Zeit, kommt Rath!" Jetzt klagte die Kalnmerherrin über ihre Migräne und zankte mit ihrer Gesellschaftsdame. — Rachel schien mehr Macht über ihren Sohn zu haben wie sie. Holger war im Grunde so schwach — er artete seinem armen Vater nach. Anders war in der letzten Zeit kaum zu erkennen. Er war blaß und mager geworden und um den Mund lag ein vergrämter Zug. Er, der früher so stutzerhaft gewesen, kleidete sich jetzt nicht einmal zu Mittag um, sondern erschien zum Entsetzen der Kammerherrin in seiner grauen Malerjoppe und mit ungekämmtem Haar bei Tisch. — Während der Mahlzeit saß er stumm ohne die Speisen