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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-20 · Heft 16 (20.4.1894) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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- 191 - Brr Sedrrabrnd eines allen Junggesellen. Von Adolf Pick. s liegt ein unvergleichlich wundersamer Reiz in den jüdischen Familienfesten. Man mag mit noch so skeptischem Geiste ast' die mannigfachen, eigenartigen Gebräuche der ersten beiden Passahabende betrachten, mag vom erhabenen Niveau philosophischer und naturwissenschaftlicher Bildung herab die einfältige Gläubigkeit aller Derer belächeln, die in unserer aufgeklärten Zeit „noch so etwas mitmachen" — dem Zauber eines solchen Festabends wird sich wohl Niemand, sei er auch noch so vornehm-blasirt und gemüthSarm, entziehen können. Darum sind auch unter allen Jugenderinnerungen eines Juden, der einst im Elternhause in überschäumcndem Frohsinn diese Feste mitgefeiert, gerade die beiden Sederabende mit ihren vier Toasten und den lieblich einschmeichelnden Melodien der Lieder und Gebete bis ins späteste Alter am lebhaftesten im Gedächtniß, und so Manchem, der im Getriebe der Welt, bei dem ständigen Hasten und Jagen nach Gewinn und Genuß, seinem Judenthnm schon völlig entfremdet ist, überkommt wohl beim Anblick der Mazzoth eine sentimentale Stimmung, die Sehnsucht nach längstvergangenen, schöneren Zeiten, nach einem trauten, stillnmfriedeteu, von Liebe und Innigkeit erfüllten jüdischen Familicnheim, wie es heutzutage leider nur noch selten angetroffen wird. Vollends aber so ein alter Junggeselle, der einsam und verlosten, ohne eigene Häuslichkeit, ohne Weib und Kind durch's Leben geht, fühlt an solchen Festabenden doppelt die ganze Oede und Traurigkeit seines Daseins. Sein Herz ist »och nicht völlig abgestorben gegen die erhabenen Schönheiten seiner Religion, die Jngendeindrücke aus dem Vaterhause sind noch nicht verblaßt, und indem sie gerade heute mit unwiderstehlicher Gewalt in dem Geiste dieses einsamen, freudlosen Mannes wieder Form und Gestalt annehmen, führen sie ihm den schmerzlichen Kontrast zwischen „einst" und „jetzt" um so lebhafter vor die Seele. Das bescheidene „möblirte Zinnnerchen", in dem er sich aushält und das er mit bitterer Selbstironie sein „Heim" nennt, wird nicht erhellt vom Glanz der Feiertagskerzen, sein Tisch ist nicht festlich hergerichtet und mit jenen lieblich duftenden Osterspeisen besetzt, die neben den anderen jüdischen „Nationalgerichten" uns schon hienieden „einen Vorgeschmack der ewigen Seligkeit" geben. Kein heiteres Lachen und kein Jubelsang hallt wider in dem frostigkalten, dunklen Raume, in welchem er, düsteren Gedanken nachhängend, dasitzt. Oede und langweilig, ohne „Bitteres", aber auch ohne Freuden und Annehmlichkeiten, wie sein ganzes Leben, sind auch seine Sederabende. Wohl haben gute Freunde und Verwandte ihn in herzlichster Weise zu Tisch geladen, und er weiß es auch, daß diese Einladungen treu und aufrichtig gemeint sind, daß sie nichts gemein haben mit jener modernen Art von Einladungen, durch die man sich einer lästigen, gesellschaftlichen Verpflichtung zu entledigen sucht — denn überall, wo noch die jüdischen Feste nach altem, ehrwürdigem Brauch gefeiert werden, hat auch vor Allem das Wort der Hagadah seine Geltung: „Wer den Drang dazu in sich fühlt, komme und halte mit!" — aber an fremdem Tisch zu sitzen, sich nicht, wie es Vorschrift ist, als freier, stolzer, selbstbewußter Mann zu fühlen, sonderil immerhin einem gewiffen Zwange zu nuterliegen, das >vill dem armen Junggesellen doch nicht so recht behagen, und darum hält er sich lieber fern. Auch die „koscheren" Restaurationen, die des reichen Gewinnes wegen ihre Sedertafeln auf's Opulenteste, d. h. „lieblich zum Ansehen" auszustatten pflegen, locken ihn nicht mehr. Er hat die Paffahabende als innige, gemüthvolle Familienfeste kennen gelernt, und daher macht das rein Geschäftsmäßige, diese erzwungene, mehr den Geldbeutel als das Herz berücksichtigende Feierlichkeit mit all' ihrem Glanz und Prunk ans ihn einen gar zu unangenehmen, frostigen Eindruck. Ueberdies sind ihm auch die viele«» Fehler im Hagadahvortrage („Greisen" nennt's die große Menge), die häufig dort verbrochen werden, eine unliebsame Beigabe zu den trefflichen Speisen und „österlichen" Weinen. - So bleibt er denn am liebsten allein für sich und hält seinen Seder ab, indem er sich im Geiste zurückversetzt in die goldenen Tage seiner Jugend, in die fronnne Gemeinde seines Baterstädtchens, wo Sabbathe und Feste, streng nach Vorschrift gefeiert, noch «virkliche Erholilngszeiten waren nach den schweren Mühen und Arbeiten der Werktage, wo man nicht in rauschenden Vergnügungen mit der ihnen nachfolgenden Wüstheit und Leere in« Kopf und Herz, sondern in der Erfüllung religiöser und ethisther Pflichten seinen höchsten Lebensgenuß fand. Wie glücklich fühlte sich der Jude damals trotz seiner Dürftigkeit und einfachen, bescheidenen Lebensweise, und wie «venig glücklich sind wir heute bei all unserem Luxus und verschwenderischem Prunk! Dainals — vor wenigen Dezennien noch — begegnete man nur selten einem jüdischen Junggeselle», denn das biblische Gebot „Pru urwu“ (gründet eine Familie) galt als eines der höchsten und heiligsten; und darum wurde so ein „ewiger Bocher", wie inan ihn spöttisch nannte, allgemein mit Verachtung gestraft, der Ehrentitel eines „Chower" ward ihm versagt, während inan mit einer „verspäteten Jungfrau" tiefstes Mitleid empfand und ihr aufs Frenndlichste entgegmkam. Heut zu Tage ist es umgekehrt. — Nach dieser kurzen Abschweifung wollen wir nun wieder zu dem Traum unseres alten Junggesellen zurückkehrcr«. Er weilt wieder in dem niedrigen, schmucklosen Zimmer des kleinen halbverfallenen Hänschens, in dem einst seine Wiege gestanden, an der Seite seines theliren Vaters, dessen Antlitz vor Glückseligkeit erstrahlt üver die Befreiung unserer Ahnen ans ägyptischem Frohndienst nud der nun, behaglich zurückgelehnt, Jubelhyninen anstimmt, Gott zu Ehr' und Preis! So sinnt und träumt er immer weiter. Längst dahingegangene theure Gestalten steigen vor ihm auf, so wie er sie einst gekannt hat in der Vollkraft ihres Lebens. „Alles Irdische ist vergänglich, nur die Liebe überwindet selbst den Tod!" Mit diesem Gedanken erwacht er. Tiefste Dunkelheit uuigiebt ihn. Das frugale Mahl, das er sich selbst zur „Feier des Abends" bereitet hat: hartgesottene Eier mit Mazzoth, steht noch unberührt vor ihm ans dem Tische. Und ivieder giebt er sich stillen Betrachtungen hin, aber sein Blick schweift jetzt nicht zurück in die Vergangenheit, sondern vorwärts in die Zukunft. „Wie wäre es,, wenil du nachholtest, was du in sträflichem Juuggesellenleichtsiun bisher verabsäumt hast? wenn Eliahu, der Prophet, bei seinem nächstjährigen Rundgauge durch die Wohnungen Israels auch dich an deinem eigenen Sedertisch träfe, den die Hand einer liebenden Gattin dir ganz nach Wunsch, wie du es einst im Vaterhause kennen gelernt, hergerichtet lind gedeckt hat. Versuch's nur! Ein jedes Herz, das sich nach Liebe und Familienglück sehnt, findet auch ein zweites, das sich ihm gern zu eigen giebt!" — Ob er wohl seinen braven Vorsatz ausführeii wird? Nun, ich verpflichte mich, den schöneir Leserinneu, die sich ja für derartige Dinge ganz besonders interessiren, getreulichst darüber Bericht zu erstatten.

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