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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-20 · Heft 16 (20.4.1894) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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- 187 langentbehrten und daher tiefen Schlaf verfallen. Durch irgend eine Lageveränderung des Kopfes ist die Blase heruntergeglitten, und mit dem Aufhören der Kälteeinwirkung wacht sich der Kopfschmerz wieder bemerkbar. Im Schlaf stöhnt der Patient, greift nach dem Kopf. Die Wärterin, die ihren Patienten genau beobachtet, sieht diese Bewegungen, versteht sie richtig, legt, ohne den Patienten wach werden zu lassen, die geschickt gefüllte Eisblase wieder dem Patienten auf den Kopf; da sie es geschickt gethan, ist es mit leichter Hand geschehen, und der Patient schlummert ruhig weiter. Ich möchte diesem Beispiel von Beobachtungsgabe und Geschicklichkeit noch ein zweites anzufügen mir erlauben, aus dem Sie ersehen, wie man, ausgerüstet mit diesen Eigenschaften, schnell und leicht sich und Andern große Angst ersparen kann. Eine Mutter bringt mir ihr Kind, das nach ihrer Ansicht entschieden Diphtheritis haben muß — denn es kann den Mund wegen Schmerzen nicht öffnen, kann nicht schlucken und hat weißen Belag im Halse. Der erste Blick auf das Kind zeigt, daß der Hinderungsgrund für das Oeffnen des Mundes in einer kleinen geschwollenen und deshalb schmerzhaften Drüse am Kiefergelenk liegt. Wer zu beobachten versteht, sieht, daß das Kind aus diesem Grunde den Mund nicht öffnen, nicht kauen und nicht schlucken kann. Woher kam aber der weiße Belag im Halse? Die gute Mutter hatte, um recht vorsichtig zu sein, den Löffelstiel vorn auf die Zunge gelegt, um dem Kinde nicht wehe zu thun. Bei dieser Manipulation bäumt sich aber die Zunge auf, es treten Würgebewegungen ein und weißer Schleim quillt aus dem Rachen hervor und täuscht den weißen Belag vor. Die geschickte Wärterin legt mit sicherem Griff den Löffelstiel hinten auf die Zunge, drückt mit leichter Hand die Zunge herunter, und von der ganzen Untersuchung, die kaum eine halbe Minute in Anspruch nimmt, ist das Kind nicht im Entferntesten alterirt. Ich citire an dieser Stelle Billroth's Worte aus seinem Buche über die Krankenpflege. Er sagt: „Man hört manche Aerzte und manche Pflegerin besonders rühmen, weil sie eine so leichte, zarte Hand haben, den Kranken bei Operationen, Untersuchungen rc. so wenig wehe thun. Doch wenn man diese gerühmten Hände sieht, so findet man sie gar nicht besonders fein und weich. Wie verhält es sich also damit? Die geschickte, sichere, von Erfahrung und Vorsicht geleitete Hand ist es, welche dem Kranken leicht und sanft erscheint." Mit Ruhe und Besonnenheit gewinnt man Sicherheit, und mit ihr Geistesgegenwart. In unserer Zeit, in der es Jedem, der auf das Prädikat Anspruch macht, ein gesunder Mensch zu sein, doch noch gestattet ist, recht nervös zu sein, halte ich es für besonders nothwendig, daß sich die Krankenpflegerin von der Eigenschaft der Nervosität fern hält. Sie soll mit ihrem Pflegebefohlenen in warmer Theilnahme Mitempfinden, aber nicht empfindsam sein, sie soll um ihn fürsorglich beschäftigt sein, aber mit Ruhe und Besonnenheit, sie soll auf der Grundlage des von ihr Gelernten die nöthige Sicherheit in ihrer Thätigkeit gewinnen, — dann wird sie Allem, was dann kommen kann, mit Geistesgegenwart entgegentreten — dann braucht sie nicht nervös zu werden und wird auch nicht nervös sein. Wer aber nervös geworden, der kann keinen Kranken mehr pflegen. Der Nervöse ist vielmehr zu sehr mit seinem eigenen lieben Ich beschäftigt, er bezieht Alles viel zu sehr auf seine eigene Person, als daß er der Pflicht gerecht werden könnte, für den ihm zur Pflege anvertrauten Patienten zu sorgen. Und die nervöse Pflegerin ist es, die in jener viel kolportirten Anekdote dem Arzte berichtet, wie schlecht der Patient die Nacht verbracht hat, denn — sie habe nicht eine Minute schlafen können. Aber von wie eminenter Bedeutung sind diese Berichte, die die Pflegerin dem Arzte abzustatten hat; sie müssen zuverlässig und wahrheitsgetreu das Bild von dem wiedergeben, was der Patient in der Zwischenzeit, in der ihn der Arzt nicht gesehen, durchlebt hat. Bon diesem Bericht ist das weitere Vorgehen des Arztes abhängig, und jeder Jrrthum, eine falsche Auffassung einer Situation kann von trauriger Bedeutung sein. Der Arzt soll ja wohl die Pflegerin kontroliren, er thut es gewiß auch, so weit ihm dies möglich ist, aber er ist es nicht in jedem Falle im Stande. Dessen muß sich eine zuverlässige Pflegerin stets bewußt sein. Ist der Arzt aber auf die Zuverlässigkeit der Pflegerin angewiesen, und muß derselben volles Vertrauen schenken können, so ist er es noch in viel höherem Grade auf ihre Wahrheitsliebe Ein Vergessen oder Uebersehen, wenn es von der Pflegerin eingestanden wird, kann vielleicht wieder gut gemacht werden, eine Unwahrheit führt irre. sie nimmt zunächst dem Arzte, und wenn es der Kranke merkt, auch diesem das Vertrauen an die Pflegerin, und was ebenso schlimm, ja noch schlimmer sein kann, sie leitet den Heilplan auf falsche Fährte und kann von unabsehbar traurigen Folgen für den weiteren Kurverlauf sein. Es scheint mir nicht überflüssig, bei diesem Punkt noch einige Momente zu verweilen, trotzdem es den Anschein haben dürfte, daß man in einem Kreise, wo sich Menschen von den edelsten Bestrebungen beseelt zusammen gefunden haben, über das Lügen, dieses schlimmste aller Laster, gar kein Wort zu verlieren brauchte. Es ist ein bekannter Satz: der Kranke will nicht die Wahrheit hören. Ja, ich muß als Arzt sogar hinzufügen: der Kranke darf nicht immer die Wahrheit hören. Wollen Sie dem hinsiechenden, gebrochenen Menschen, der aus wohl verständlichen Gründen bisweilen mit allen seinen Fasern am Leben hängt, die niederschmetternde Nachricht ins Gesicht sagen, daß auch die, die er als Helfer und Retter ansteht, seinen Zustand für hoffnungslos halten, daß er ein Kind des Todes ist? Sie dürfen es nicht, und können es nicht, sie können es nicht, gerade als ehrlicher Mann. Unser Wissen ist Stückwerk: wer kann das wohl mit mehr Verständniß und mit besserem Grunde sagen als der Arzt, der leider — oder soll ich nicht lieber: Gott sei Dank sagen — oft genug sieht, daß die heilende Kraft der Natur da noch hilft, wo wir die Grenze unseres Könnens gezogen sehen. Sie dürfen es aber auch nicht sagen, es wäre widernatürlich; denn ein gütiges Geschick hat in vielen Krankheiten ein solches Uebermaß von Hoffnung in das Mensckenherz gelegt, daß kein Mensch, und wäre er selbst roh genug, es zu wollen, ihm die Hoffnung' zerstören kann. Gar schwer mag es der Pflegerin werden, die gelernt hat: Wahrheit über Alles, einzustimmen in die Pläne für den folgenden Tag, denen sich der hoffnungsreiche, schwindsüchtige Patient so gernehingiebt, selbst wenn ihm der Todesengel schon die Hand aufs Antlitz gelegt hat. Hier ist die Unwahrheit eine Wohlthat, und darum in diesem Falle, aber nur in diesem, verzeihlich. Ich setze in jede Pflegerin das feste Vertrauen, daß sie mit feinem Taktgefühl die enggezogenen Grenzen erkennen wird, in denen es ihr dem Patienten und manchem Angehörigen gegenüber erlaubt ist, die Wahrheit zu verhüllen. Dieses feine Taktgefühl ist auch eine der für die Pflegerinnen so wichtigen Eigenschaften. So absurd es klingen mag, so behaupte ich doch und will es Ihnen beweisen, daß es bei Weitem nicht so schwer ist, einen Schwerkranken zu pflegen, als einen Leichtkranken oder gar einen Rekonvaleszenten. Der Schwerkranke hat sich seiner individuellen und Charaktereigenthümlichkeiten meist total begeben. Die Pflegerin hat sorgsam und pflichteifrig ihre Schuldigkeit zu thun und die Schwierigkeiten, die sich ihr bieten, liegen in der Schwere der Krankheit und in der vielleicht sehr aufregenden und selbst aufreibenden Pflegethätigkeit. Darin findet sie aber nur die Ansprüche, die ihr Beruf an sie stellt, und in der Befriedigung dieser Ansprüche findet sie dann weiter ihre eigene innere Befriedigung. Ganz anders liegt dies aber in Fällen, die gar nicht selten Vorkommen, daß alleinstehende Menschen, die nur leicht erkrankt sind, die Hilfe der Pflegerinnen in Anspruch nehmen, sei es im Krankenhause, sei es im Privatleben. Hier, wo die Krankenpflegerin wenig zu thun hat, fehlt das Gefühl' der vollen Schaffensfreude, aber was noch schlimmer ist, die Pflegerin leidet nicht selten unter dem Mißbehagen eines solchen Menschen, unter der Nörgelei und steten Unzufriedenheit solcher bisweilen vielleicht auch gar nur eingebildeten Kranken. Und wie bei den Leichtkranken, so kann es im Stadium der Rekonvaleszenz ihr auch bei manchem Patienten ergehen, daß er mit seiner Ungeduld, mit unberechtigten Ansprüchen, mit Launen und Stimmungen ihr das Leben recht schwer macht. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, welch hoher Grad von Selbstverleugnung dazu gehört, mit ruhigem Blute dies zu ertragen, an dieser Stelle möchte ich aber betonen, daß der den Frauen namentlich innewohnende Takt sehr oft im Stande ist, solche Patienten, bei denen die Pflegerin unter Unerzogenheit und Ungezogenheit schwer zu leiden hat, im Zügel zu halten. *. Mehr als ein Fernstehender ist die Pflegerin in der Lage, einen riefen Blick in den Charakter ihres Patienten, und wenn sie in Familie pflegt, in das innere Wesen dieser Familie zu werfen. Sie soll hören, sehen und schweigen. Das, was sich ihr eröffnet hat aus den Delirien des Kranken, aus seiner Krankheit selbst; was sie gesehen von seinen Beziehungen zu dem und jenem Familienmitgliede; Alles, was ihr bei pflichtschuldiger Aufmerksamkeit aus den Kranken nicht entgehen dürfte und was ihr so manchmal dabei auch gegen ihren eigenen Willen selbst

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