Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zum Pflegen als den Mann, so wird man mir vielleicht entgegnen, daß aber die weiblichen Körperkräfte gewiß kaum dazu ausreichen, um die Anstrengungen dieses Berufes zu ertragen. Ich möchte diesem Einwurf mit Selbsterlebtem entgegentreten, mit Erfahrungen und Beobachtungen, die auf anderem Gebiete wir täglich zu machen in der Lage sind. Wie oft sehen wir bei unfern Soldaten, daß im Ertragen von Strapazen nicht gerade diejenigen Meister sind, deren stark ausgewachsener Knochenbau sie von vernherein dazu bestimmen sollte, sondern vielmehr diejenigen, die ihre relativ geringen Körperkräfte geübt und an Anstrengungen gewöhnt haben. Uebung und Gewohnheit neben gutem Willen und starker Energie ersetzen leicht, was an positiven Kräften mangelt. Wie ich es im Kriege oft gesehen habe, daß die Einjährigen, die zart und schmächtig erscheinen, noch wacker ihren Marsch fortsetzten, während die robusten, starkknochigen Kameraden unter derselben Anstrengung sich kaum fortschleppen konnten, oder gar schon zusammengebrochen waren — so habe ich es nur selten, fast kann ich sagen: nie erlebt, daß eine weibliche Pflegerin selbst einen schweren Pflegedienst nicht ebenso gut durchgeführt hätte wie der männliche Pfleger. Natürlich werden gewisse Dienstleistungen, wie das Heben und Lagern schwerer, gelähmter Kranker oder Verwundeter und Verletzter in Ausnahmefällen dem Bereich männlich kräftiger Pfleger überwiesen werden müssen. Da wir von den körperlichen Eigenschaften sprechen, so möchte ich, bei diesem Punkt verweilend, das, was vielleicht selbstverständlich erscheint, aber doch häufig nicht genügend gewürdigt wird, noch erwähnen, daß die Sinnesorgane einer Pflegerin zum Mindesten normal, wenn nicht sogar fein ausgebildet sein müssen. Sie soll ein scharfes Auge haben, das wohl zu unterscheiden vermag, wie sich die Gesichtszüge des Patienten, seine Gesichtsfarbe ändert; ihr Ohr darf sie nicht im Stiche lassen, wenn es gilt, leise hingehauchte Worte des todesschwachen Kranken zu vernehmen, mit denen er bittet, den verschmachtenden Lippen einen Trunk zu reichen oder seine schmerzhafte Körperlage zu verbessern. Der Geruchssinn muß scharf sein, um selbst kleine Verunreinigungen in der Zimmerluft, die sich am ehesten für die Nase merkich machen, nicht unbemerkt zu lassen. Der Gefühlsinn soll auch ausgeprägt sein, da wir von einer guten Pflegerin beispielsweise verlangen können, uns ein Urtheil über der Puls des Patienten abzugeben, und die Prüfung der Beschaffenheit desselben ein fehr zartes.'und empfindliches Tastgefühl voraussetzt. An den Geschmackssinn der Pflegerin werden wir vielleicht am seltensten in der Lage sein, besondere Ansprüche zu stellen. Es kann sich hierbei wohl nur darum handeln, die Art der Zubereitung der Speisen zu prüfen. Hierbei möchte ich aber viel höher die Kenntniß von der Zubereitung der Speisen schätzen, die, wie eine chemische Verbindung auf dem Zusammenfügen genau abgemessener Mengen der einzelnen Bestandtheile beruht, als diejenige der schlechten Köchin, die nur in ihrer Zunge den Maßstab für die Beschaffenheit der von ihr hergestellten Speisen findet. Es ist auch kaum anzunehmen, daß der Appetit der Patienten dadurch mehr angeregt wird, wenn die Pflegerin vor seinen Augen womöglich mit seinem Löffel oder seinen Messer und Gabeln die ihm zu verabreichende Speise kostet. Die Zunge einer Krankenpflegerin muß gut sein, insofern die Zunge der Spiegel des Magens ist und wir von der Pflegerin verlangen müssen, daß ste sich eines guten Magens und gesunder Verdauung erfreut, um dem Körper an Kräften wieder zuführen zu können, was die Anstrengungen des Dienstes ihm geraubt haben. Diese Anstrengungen, die bisweilen sehr groß sind, können nur durch die allerkräftigste Nahrung und Ernährung ausgeglichen werden. Brauche ich es zu erwähnen, daß die Pflegerin aber auch noch, außerdem daß ihre innern Organe gesund funktioniren und in ausgedehntem Maße widerstandsfähig sind, frei von Schwächen sein muß, über die man im gewöhnlichen Leben im gegenseitigen Verkehr mit mehr oder weniger Mühe hinweggehen kann. Schweißige Hände oder Füße, Verunzierungen im Gesichte, übelriechender Athem, können es für einen Kranken, dessen Fühlen und Empfinden schon durch die allgemeine Schwäche bisweilen sehr penibel ist, unmöglich machen, eine solche Pflegerin in seiner Nähe zu dulden. Während wir andrerseits auch zu beobachten Gelegenheit haben, daß ein wohlgebildetes sympathisches Aeußere gar nicht selten der Pflegerin bei eigensinnigen, widerwilligen Patienten den Dienst nicht unerheblich erleichtert. Damit dürste der Kreis der körperlichen Eigenschaften, die wir von einer Krankenpflegerin zu verlangen berechtigt sind, geschlossen sein; aber mit der soeben gemachten Bemerkung, von wie großem Einfluß kleine Aeußtzrlichkeiten an der Person der Pflegerin auf den Kranken sein können. gleiten wir allmälig hinüber auf das Gebiet der seelischen und Gemüthseigenschaften, mit denen eine gute Pflegerin ausgerüstet sein muß. Wie oft u. A. habe ich von Kranken die Bemerkung gehört, daß sie dieses oder jenes Gesicht nicht an ihrem Bette sehen wollen, nicht sehen können. Man ist dann leicht bei der Hand mit dem Urtheil, daß das ja nur eine Schrulle, eine Laune sei, die man bekämpfen könne. Ja, bei kleinen Kindern mag es ja möglich sein, den Widerstand, den sie einzelnen Personen ihrer Umgebung entgegensetzen, zu beseitigen, aber bei Erwachsenen hat wohl Niemand den Muth, dies mit Energie durchzuführen; dem von Schmerzen schwer gepeinigten Kranken schafft eine gerade ihm sympathische Krankenpflege bedeutende Erleichterung. Selbst der vernünftigste Mensch, der in gesunden Tagen den Menschen nur nach seinem wahren inneren Werthe zu beurtheilen gewohnt ist, ist als Patient unweigerlich diesen Schrullen — wie man es fälschlich zu bezeichnen pflegt — unterworfen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit die Schilderung der Gemüthsverfassung eines Patienten wiedergeben, wie wir sie in wahrhaft klassischer Form bei Miß Nigthingale lesen, einer durch ihre philanthropischen Lehren namentlich auf dem Gebiete der Krankenpflege berühmten englischen Schriftstellerin. „Ein unter Gesunden sehr verbreiteter Jrrthum besteht darin, daß es dem Kranken nur an ein wenig Selbstbeherrschung fehle, um seine trüben Gedanken los zu werden und sich nicht das Krankenbett unnütz damit zu erschweren. Mit Bestimmtheit kann ich versichern, daß jeder halbwegs vernünftige Patient fortwährend mehr Selbstbeherrschung übt, als dies die Gesunden glauben, bis sie selbst einmal krank werden. Denn fast jeder Schritt, den er thut, jeder Gedanke, der sein Gehirn kreuzt, verursacht ihm Schmerz; spricht er in gütigem Tone oder sieht er uns freundlich an — immer übt er Selbstbeherrschung." In dieser Form schildert uns Miß Nigthingale den Seelenzustand des Patienten, und da sollten wir den Math haben, ihm einen Wunsch, und wäre er auch noch so launisch und schrullenhaft, abzulehnen? Da verlangt es die Selbstlosigkeit, die ich als eine der obersten Tugend einer Krankenpflegerin hinstellen möchte, daß sie mit Hintenansetzung der jedem Menschen innewohnenden Selbstschätzung sich still zurückzieht und sich hineinfindet, nach nichtssagenden Äußerlichkeiten beurtheilt zu werden und nicht nach ihrem inneren wahren Werthe. Mit dieser Selbstlosigkeit wird es die Pflegerin auch ertragen, wenn die Kranken, denen ste Wochen und Monate hindurch treu gedient, ste mit Aufbietung aller ihrer Kräfte gepflegt hat, ohne ihre Leiden mildern zu können, plötzlich ihrer Person überdrüssig werden. Erzählt uns doch selbst der verstorbene Billroth, dieser von seinen Patienten hoch verehrte, fast vergötterte Operateur, daß es auch ihm pasfirt sei, daß Kranke, die lange liegen müssen, die ein unheilbares, immer fortschreitendes Leiden haben, seiner überdrüssig wurden und nach einem andern Arzte verlangten. Eine falsche Empfindlichkeit wäre es, wollte man diesem Gefühl nicht Rechnung tragen, und Arzt wie Pflegerin werden sich gewiß, wenn auch im Vollbewußtsein, ihre Pflicht gethan zu haben, vor dieser Schrulle des Kranken beugen und ihr Rechnung tragen. Wie leicht und schnell wird diese scheinbare Zurücksetzung, die ja nicht der Ausfluß ruhiger gesunder Ueberlegung ist, ausgeglichen durch einen dankbaren Blick, einen leichten Händedruck, den der Patient seiner Pflegerin giebt, wenn ste ihm durch einen kleinen Liebesdienst eine Erleichterung oder Milderung seiner Schmerzen verschafft hat. Zu diesen scheinbar kleinen Dienstleistungen gehört aber eine feine Beobachtungsgabe, eine gewisse Geschicklichkeit, die sogenannte „leichte Hand". Wer einem Kranken wirklich wohlthun will, der muß nicht erst warten, bis der Kranke ruft, der muß in die Gefühle und in die Empfindungen des Kranken sich so eingelebt haben, daß er nicht allein die geringste Schmerzensäußerung sofort wahrnimmt, sondern daß er aus dem Gesichtsausdruck, aus dem Stimmfall der Sprache, aus Aeußerungen, die jedem Andern entgehen, die Wünsche des Patienten erkennt. Wer aber so in seinem Krankendienst aufgeht und so genau zu beobachten gelernt hat — denn auch das will gelernt sein — der hat sich dann auch die Geschicklichkeit erworben, die an einzelnen Personen so sehr gerühmt wird. Was ist diese aber anders, als daß der durch genaue Beobachtung erkannte Schwächezustand des Kranken sofort mit leichter Hand unmerklich fast ausgeglichen wird. Ich Lars an einem Beispiel vielleicht Ihnen meine Worte erläutern. Ich wähle dazu einen Vorgang, dessen Zeuge wir nicht selten sind. Wegen heftiger Kopfschmerzen ist einem Patienten eine Eisblase auf den Kopf gelegt worden. Nach der hierdurch eingetretenen Linderung ist der Patient ruhig geworden und in einen