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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-20 · Heft 16 (20.4.1894) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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185 werden, und einen theoretischen Theil, in welchem von den dirigirenden Aerzten den Pflegerinnen klar gemacht werden soll: 1. was Krankenpflege ist; 2. was zur Hygiene des Krankenzimmers gehört; 3. wie der menschliche Körper beschaffen und die wichtigsten Organe desselben funktioniren; 4. Wie der Beistand a) in inneren Krankheiten, b) bei Operationen zu leisten sei. Unter Krankenpflege versteht man die Fürsorge für unsere Mitmenschen, die durch Krankheit außer Stande sind, für sich selbst zu sorgen. Wir müssen annehmen, daß dem Menschen Mitgefühl, Nächstenliebe und Fürsorge für die Kranken und Elenden angeborene Eigenschaften sind, denn wir finden sie sogar schon bei den Wesen, die einen niederern geistigen und gemüthlichen Entwicklungsgrad als die Menschen haben, bei den Thieren. Nicht allein, daß das Muttervieh für sein Neugeborenes sorgt, so lange es hilflos ist — nicht allein, daß sich die Thiere zusammenschaaren,um sich vor einem drohenden Ungemach, einem Feinde, mit gemeinsamen Kräften zu retten, nein, das unvernünftige Thier springt dem kranken, dem verwundeten zu Hilfe, leckt seine Wunden, um sie zu reinigen und zu kühlen; trägt es mit den Zähnen oder auf den Flügeln an einen gesicherten Ort und lagert es, wo und wie es vor Schädlichkeiten geschützt ist. Mag man es Instinkt, Treue, Klugheit nennen, wenn der Hund seinen vor Müdigkeit zusammengesunkenen Herrn bewacht; wenn des Kriegers Roß nicht von der Seite seines sterbenden Herrn weicht, es ist und bleibt doch das angeborene Gefühl, das, als die Kultur sich im Menschen zu entwickeln begann, seinen Ausdruck fand in dem altbiblischen Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Was heißt das aber anders, als thue deinem Nächsten das, was du dir wünschst, das man dir thue. Es ist das die erste und zugleich die höchste Forderung der Sittlichkeit, wie sie das Herz eines jeden gebildeten Menschen beherrschen muß. Aus diesem Satz heraus hat sich das Gefühl entwickelt, daß man vor Allem dem Kranken, den Schwachen Hilfe bringen muß, ihm beistehen muß in seiner Noth, seiner Krankheit und Gefahr. Aber wie es sich von selbst verstand, wie wir es bei den Thieren gesehen haben, daß die Eltern den Kindern beistehen, so lange diese hilflos sind, so führte den Menschen das Gefühl der Dankbarkeit dann allmälig dahin, daß die Kinder den Eltern ihre Liebe erwiederten; so führte das Gefühl der Familienzusammengehörigkeit die Geschwister dahin, sich gegenseitig zu unterstützen, und so kamen allmälig Stadt und Staat, die Gemeinde und das ganze Volk dahin, ihren kranken und nothleidenden Gliedern hilfreich beizuspringen. Zum Ausdruck kommt dieses Streben in der Krankenpflege, und darum ist die Krankenpflege nicht die Eigenthümlichkeit eines Volkes oder einer Religionsgemeinschaft, sondern sie ist das Herzensbedürfniß der Menschheit, und sie ist nicht gelehrt worden von dem Begründer einer Religion, sondern sie liegt in der Brust des Menschen. Und wenn sich heut jüdische, junge Mädchen hier zusammenfinden, um, sich der Krankenpflege zu widmen, so ist dies nicht etwas Neues, noch nicht Dagewesenes, sondern nur eine andere Form für das, was jüdische Männer und jüdische Frauen in den ältesten Zeiten geübt haben und noch heut üben, wenn sie eilen. Kranke zu unterstützen und ihnen zuhelfen; wie es tausend Jahre früher schon geschehen ist, ehe Orden und Klöster sich zu diesem Zweck gründeten. Ja, wie bei den Gottesgläubigen, so ist auch bei den Heiden die Pflege der Kranken stets geübt worden: es ist dies nicht ein Handwerk, das sich in unserer Zeit entwickelt hat, Krankenpflege ist nicht ein Gewerbe, das jetzt einen neuen Erwerbszweig bilden soll. Die Krankenpflege ist eine Thätigkeit, zu der man einen inneren Beruf, zu der man sich unwiderstehlich hingezogen fühlen muß, der man sich mit Leib und Seele ergeben muß. Aber wie jede Thätigkeit sich allmälig immer mehr ausbildet, so daß sie immer erfolgreicher, thatkräftiger und nützlicher wird, so ist die Krankenpflege auch allmälig zu einer Thätigkeit geworden, die neben dem inneren Berufsgefühl noch so vielerlei Fertigkeiten bei ihrer Ausführung erheischt, daß sie auch erst gelernt sein muß, bevor sie ausgeführt werden kann. Was Ihnen nun geboten werden soll, die Sie aus innerem Drange der Krankenpflege sich widmen wollen, das ist die Gelegenheit zu lernen, wie Sie Ihren Herzenswunsch ausführen können. Einer der bedeutendsten Männer der Gegenwart, unser hochverehrter Virchow, hat sich in dieser Beziehung in folgender Weise ausgesprochen gelegentlich eines von ihm 1869 in der Konferenz der Frauen-Vereine zu Berlin gehaltenen Vortrages über die berufsmäßige Ausbildung zur Krankenpflege auch außerhalb der kirchlichen Organisation: „Wenn Jemand ein guter Krankenpfleger werden soll, so bedarf er dazu einer gewissen technischen und einer gewissen theoretischen Erziehung. Er muß in der Lage gewesen sein, mit Hand anzulegen; er muß selbst mitgearbeitet haben, wo das Alles geschehen kann, und dieser Ort ist begreiflicherweise nur das Krankenhaus. Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen kann man nicht bilden in einem Privathause. — Nun sind aber Krankenhäuser entweder im Besitz der kirchlichen Organisationen oder im Besitz des Staates oder gewisser städtischer Gemeinden. Man kann ihnen daher nicht so ohne Weiteres beikommen, sie müssen erst zugänglich gemacht werden, es müssen erst überall Staat und Gemeinde veranlaßt werden, daß sie diese Orte als eigentliche Schulanstalten für die Erziehung zur Krankenpflege eröffnen." Soweit Virchow. Die Anträge, die von vielen Seiten schon seit Jahr und Tag an das jüdische Krankenhans zu Berlin gerichtet waren, konnten bisher keine Berücksichtigung finden, aus gewissen hier nicht näher zu erörternden Gründen. Heute hat auch dieses Krankenhaus seine Pforten aufgethan denjenigen, die die Krankenpflege erlernen wollen. Wir Aerzte haben uns in den Dienst jenes Vereins gestellt, der jüdische Krankenpflegerinnen ausbilden will. Ist es nun eine Frucht der Zeit, die es bewirkt, daß wir uns mehr auf unser Judenthum besinnen, oder ist es nur der von Alters her eng sich umschließende Familiensinn der Juden, der sie auch jetzt wieder zu diesem Verbände sich zusammenfinden ließ? — das ist gleichgiltig gegenüber der hohen Humanitären Aufgabe, zu deren Lösung wir beitragen wollen, den Kreis dereö zu vergrößern, die sich der Sorge um das Wohl ihrer Mitmenschen widmen wollen mit Herz und mit Hand, ohne Rücksicht auf Konfession oder Nation. — Warum wir zuerst aber dem weiblichen Geschlecht uns zur Verfügung gestellt haben, warum wir ihnen den Vortritt vor den Männern gegeben haben, einzutreten in diesen hohen Beruf, das hat seinen sehr natürlichen Grund. Die Krankenpflege ist eine rein menschliche Aufgabe, eine Aufgabe, die das Herz an uns Alle, Männer und Frauen, stellt. Aber wenn Sie heut in die Familien hineinschauen, in welche Krankheit und Siechthum ihren Einzug gehalten haben, wessen Herz ist es dort, das zuerst die Besorgung und Pflege der Kranken und Siechen zu seiner Aufgabe macht? Das Herz der Mutter, der Frau. Nicht weil die Kenntniß des Hauswesens überhaupt sich bei den Frauen findet, nicht weil immer noch Alles, was im Hanse geschieht, was jedes einzelne Familienmitglied betrifft, zunächst Sorge der Hausfrau ist, ihr das Haus ihre Welt ist — nicht weil wir noch immer den schönen Satz in unserm sozialen Leben bewährt finden: Dem Manne: Die Welt das Haus, Der Frau: Das Haus die Welt — vielmehr weil Zartgefühl, Sanftmuth, Geduld und Fügsamkeit und der Sinn für Sauberkeit die hervorstechenden Charaktereigenschaften der Frau sind, und darum ist sie die geborene Krankenpflegerin. Aber wie alle unsere Eigenschaften, selbst die angeborenen ebenso wie die erworbenen, entwicklungsfähig sind und entwickelt werden müssen, so muß das angeborene Talent zur Krankenpflege auch erst ausgebildet werden. In seinem Herzen fühlt das Weib den Beruf, Krankenpflegerin zu sein; ihn zu erfüllen, muß gelernt werden: mit dem Herzen muß der Verstand sich einen, und zum Verstehen und Wissen muß dann noch das Können kommen, d. h. die körperliche Kraft, auszuführen, was man kann und will. .Mit dem heiß aufwallenden Mitgefühl für die Leiden der Andern, mit dem raschen Erglühen in leidenschaftlicher Erregung für das Schöne und Erhabene in der Erfüllung dieses Berufes ist es nicht allein gethan. Die Eigenschaften, welche die Krankenpflegerin zu dem machen, was sie sein will und sein soll, sind aber sehr mannigfacher Art, und es ist wohl nun der Ort, auch diesem Kapitel einige Worte zu widmen. Ich habe diese Eigenschaften bereis vorher erwähnt, als ich es zu begründen versuchte, weshalb das weibliche Geschlecht geeigneter sei zur Krankenpflege als das männliche; aber ich möchte doch noch einmal darauf eingehen. Wenn man nämlich auch zugeben wird, daß die erwähnten Eigenschaften des Herzens und Gemüthes wohl die Frau mehr prädestiniren

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