Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 184 - des Zartsinns gegen alle Armen und Verlassenen, gegen alle Bedrängten und Verfolgten erfließen, wie die heilige Schrift sie unter stetem Hinweis auf den ehemaligen Auszug aus dem Elend Aegyptens bei jeder paffenden Gelegenheit einschärft Darauf hat der Weise nichts mehr einzuweuden, wohl aber beugt, er mit stiller Bewunderung das Haupt vor einer so erhabenen religiös-geschichtlichen Erscheinung, wie sie das Peßachfest darbietet. Der „Uebermüthige" fragt mit Bezug auf das jüdisch-religiöse Leben: „Was soll euch dieser Dienst?" Wie plump und rücksichtslos, wie stumpf und gefühllos! Weiß er denn nichts von dem, was ein ganzes Volk, eine ganze Welt bezeugt, von außerordentlichen, geschichtlichen Ereigniffen? Ach, er weiß es recht wohl, aber er ist zu grobsinnlich, er ist ein Epikuräer, er kennt kein höheres Ideal, als blos zu leben und zu genießen, er ist ein Feind der Religion, weil sie seinen schrankenlosen Gelüsten hindernd entgegentritt. Aber aus einem solchen machen sich die Weisen nichts, sie fertigen ihn mit der kurzen Gegenbemerkung ab: „Wenn er dazumal in Aegypten gewesen wäre, er würde sicherlich nicht erlöst worden sein." Wenn dieser Epiknräer noch einen Rest von jüdischem Stammesgefühl und allgemein sittlicher Gesinnlmg in sich trägt, muß diese zweischneidige Bemerkung ihn tief beschämen, da sie ihm seine Sklaverei in den Banden der Sinnlichkeit, in den Fesseln der protzenden Eigenliebe klar vor Auge» hält. Der „Einfältige" fragt blos: „Was ist das?" Der hier als einfältig bezeichnet ist, kann auf anderen Gebieten, des Berufes und der Wirksamkeit, recht klug und geschickt sein, aber in Allem, was die Religion betrifft, ist er oberflächlich und einfältig. Der Weise und der Uebermüthige gehen doch, der Eine mehr, der Andere weniger, auf die Sache ein; jener sagt, was bedeuten die Zeugniffe, und dieser, was soll euch der Dienst, der Einfältige aber weiß nichts mehr als, „was ist das?" Hat er denn aber nichts gelernt oder hat er nichts im elterlichen Hause vor sich gesehen? Wohl hat er gelernt und hat auch eine religiöse Erziehung genossen, aber er ist zu einseitig, ist zu sehr von seinen bernfsgeschäftlicheir Bestrebungen eingenommen, daß ihn alles Andere, ja selbst die Religion der Väter, kalt und gleichgiltig läßt. ' Das religiöse Leben ist ihm mit der Zeit ganz fremd geworden, und so ein Fest, ein Brauch, eine religiöse Anforderung an ihn heran tritt, muß er sich innner wieder darauf wie auf einen alten längst entschwundenen Traum besinnen, und da bleibt er immer auf der unterste» kindlichen Stufe stehen, um nur fragen zu könne»: „Was ist das?" Was antwortet man dem? T pirQ — man erinnert ihn daran, daß Gottes allmächtige Hand ehemals die Aegypter schmerzlich aus ihrer Selbsttäuschung gerüttelt und daß also auch für ihn dereinst die Zeit kommen muß, wo er aus seiner religiösen Stumpfheit aufgerüttelt werden wird. Mit dem, der auch nichts zu fragen versteht, ist es ganz eigenartig bestellt. Da das Kind nichts zu fragen versteht, so „soll der Vater das Gespräch eröffne», um ihm das Fest zu erklären". Wenn aber das Kind geistig noch auf einer Stufe steht, daß es bei so sinnfällige» Gebräuchen, wie sie das Peßachfest in Gestalt des gesäuerten Brodes und des Bitterkrauts darbietet, noch nicht einmal fragen kann, was ist das, wie könnte es dann die Erklärung des Festes begreifen? Aber ein solches Kind kann hier nicht gemeint sein; vielmehr ist hier ein Kind gemeint, das nicht fragen kann, weil ihm inr Elternhause keinerlei religiöse Gelegenheit geboten wird, um eine Frage stelle» zu können. Es kann die Eltern nicht fragen, warum feiern wir das Peßachfest bei Mazzot lind Maror, es wird ja eben im Elternhause nicht gefeiert; warum halten wir den Sabbath, er wird ja im Elternhause nicht gehalten; es kann nicht fragen, was bedeutet diese oder jene religiöse Uebnng — es sieht ja im Elternhause keine solche pflegen. Welcher von diesen vier Charakteren gefährdet wohl den Bestand' des Judenthums? Etwa der „Weise", der Forscher, der Denker, der Kritiker, der Philosoph? Keineswegs. Die Thora liebt ja den Weisen, sie braucht seine Forschung nicht zu scheuen; der Forscher, wenn er richtig denkt und ohne Vorurtheil forscht, fördert sogar das Judenthum. „Gieb dem Weisen Gelegenheit," heißt es in den Sprüchen Salomos, „und er wird noch weiser werden"; m an brauch ihm nur die Religion von der rechten Seite zu zeigen und er wird alsbald ihren hohen unvergleichlichen Werth vollauf erkennen und schätzen. Die Thora selbst erweckt ja sogar in uns den edlen Ehrgeiz, bei wirklich weiser Lebensführung auch als weise anerkannt zu werden und für andere Völker als Muster zu gelten: „So wahret und übet alle diese Gebote, denn das ist eure Weisheit und euer Verstand in den Augen der Völker, welche vernehmen werden alle diese Satzungen, daß sie sprechen: wahrlich, ein weises und verständiges Volk ist diese Nation" (5. M. 4, 6). Auch der Ueberinüthige, der Feind der Religio», ist uns nicht sonderlich gefährlich. Denn da man weiß, daß er von Vorurtheilen gegen die Religion beherrscht ist, oder daß er aus sinnlicher Befangenheit jede Religion mißachtet, so bleibt sei» Beispiel ohne Eindruck und ohne Nachahmung. Aber eine wirkliche religiöse Gefahr sind für uns der Einfältige und der ohne Religion Anferzogenc; jener, weil er von religiösen Dingen zu oberflächlich denkt und zu einseitig blos seinem geschäftlichen Streben zugewandt ist, — und dieser, weil er selbst bei allem Lernen in der Schule, da er im elterlichen Hanse praktisch religiös nicht angeleitet wird, immer unwissend bleibt und sich so gegen sein Judenthum immer kühl verhält. Wie uns nun das alte, ehrwürdige Peßachfest den Sieg der göttlichen Gerechtigkeit verkündet, so lehrt es uns zugleich, daß wir durch Streben nach Gerechtigkeit, nach Gottesfurcht und weiser Lebensführung unserem Judenthum gerecht werden möge», denn: „Juug bin ich gewesen und bin nun alt geworden, doch habe ich einen Gerechten niemals verlassen gesehen." Jüdische Krankenpflegerinnen. Rede, gehalten bei Eröffnung der Unterrichtskurse am 3. d. Mts. Von Sanitätsrath Dr. Lazarus dem Moment, in welchem der erste Kursus für den theoretischen Unter- JSSg richt in Krankenpflege zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen eröffnet wird, ist der Gedanke zur Wirklichkeit geworden, der Einzelne von uns seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt hat Als dieser Gedanke dann vor wenigen Wochen der Oeffentlichkeit übergeben wurde, konnte man nicht vermuthen, daß er — trotzdem er einer guten Sache galt, — einen so lebhaften Widerhall in so vielen Kreisen finden würde, wie es thatsächlich der Fall ist. Drum ist diese Eröffnungsstunde so bedeutungsvoll, und darum haben sich neben den Schülerinnen auch die Vertreter der beiden Körperschaften zusammengefunden, durch deren gemeinsames Wirken der großen Kette humanitärer Bestrebungen ein neues Glied hinzugefügt werden soll: der Vorstand des Vereins zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen und der Vorstand des jüdischen Krankenhauses. Und zu diesen haben sich die Aerzte und Beamten dieser. Anstalt gesellt, die wir uns Alle in den Dienst dieses Werkes der Menschenliebe stellen wollen mit unserm Wissen und Können. Es scheint mir völlig überflüssig, hier an dieser Stelle zu erörtern, wie und warum dieser Verein entstanden ist. Gerade die Anwesenden find es ja, die nach reiflicher Ueberlegung schnell entschlossen darin vorgegangen find und in zielbewußtem Streben das Begonnene weiter führen wollen. Der Unterrichtsplan, der verfolgt werden soll, umfaßt einen praktischen Theil, in welchem die Pflegerinnen in die praktische Krankenpflege eingeführt