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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-20 · Heft 16 (20.4.1894) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 16 (20.4.1894)
Date
1894-04-20
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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E WMMMWW - 183 -- r: Haupt mit glänzendem Silberhaar bedeckt, mit freundlich strahlendem, gütigem Blick, einen Greis mit warmem Herzen, mit frischwallender Empfindung in der treuen Brust. Du stehst mit gesenktem Haupte da. die Last der Sorgen beugt es tief auf die Brust herab, du bist verwirrt, du weißt nicht aus, nicht ein, bist rath- und hilflos — da naht sich dir der ehrwürdige, greise Mann, du blickst auf, schauest das freundliche Lächeln auf seinen Lippen, Milde aus seinen Augen strahlen. Geist auf seiner Stirne thronen, fromme Zuversicht aus seinen Zügen leuchten, du blickst auf und bist geheilt, du schauest, und und sinnend ruht dein Auge auf der freundlichen Gestalt — du denkst und erwägst: Ach, was »vird wohl schon dieser Greis in seinem langen Leben erfahren haben, von wie viel Prüfungen und Heimsuchungen spricht nicht dieses graue Haar, von wie viel Kämpfen und wechselvollen Erlebnissen kündet nicht diese gefurchte Stirn. Eine Last der Jahre und eine Last der Sorgen hat die Zeit auf ihn gehäuft, und doch steht er mild lächelnd und vertrauensvoll da. Bei diesem Anblick und unter diesen Betrachtungen fühlst du das Eis der Schwermuth von deinem Herzen sich lösen, die drückenden Nebel des Uinnuths und der Muthlosigkeit weichen aus deiner Brust, ein Frühling zieht ein in dein Gemüth, eine neue warme Sonne, die Hoffnung, erwärnit dein Herz. Was hast du dem freundlichen Alten ans dem milden Antlitz gelesen, das dich so wunderbar rührt und bewegt? Du hast daraus gelesen den alten, vielbewährten Spruch: „Jung bin ich gewesen und bin nun alt geworden, doch Hab' ich niemals einen Gerechten verlassen gesehen." Der mehrtausendjährige, mild-freundliche Greis, über dessen dicht beschneitem Scheitel die Frühlingssonne frommer unerschütterlicher Zuversicht glänzt, ist das Peßachfest. Es trägt gleichsam an seiner Stirn die Inschrift TT'Tt litt „Jung bin ich einst gewesen", meine Wiege stand an den Ufern des Nil, in Mizraim ward ich unter Wundern geboren, eure Vorfahren Hab' ich dort gesehen, sie waren unterdrückte Sklaven und wurden dann frei durch Gottes mächtigen Arm. Hier seht diese Wahrzeichen in meiner Hand, hier, die nXD das ungesäuerte Brod, ein treues Bild einer rasch vorwärts drängenden ruhelosen Zeit des Ueberganges; hier das NDL das Festopfer als Familienfreudenmahl, welches an der Schwelle der goldenen Freiheit alle Glieder der Familie zu frohem Danke gegen Gott geeint, hier den “na das Bitterkraut, den Wermuthskelch, den sie in Aegypten bis auf die Neige geleert Ti)pT DJ „Ich bin nun alt geworden", ich wandere schon die tansende Jahre, daß „mein Haupt bedeckt ist vom Tau der Morgendämmerung, und meine Locken vom Reif der Nächte triefen"; als Gottesbote begleite ich euch wie ich eure Vorfahren begleitet habe durch den Drang der Zeiten, durch die Stürme der Geschichte, vorbei an Klippen und an Felsenriffen über wilde Wassersirudel und gähnende Tiefe». Doch seht! Aus der Betrachtung der kommenden und gehenden Menschengeschlechter mit ihrem Getümmel und Toben habe ich eines als ewiges Gesetz der göttlichen Weltordnung erkannt: DM p^JE ’fV'Xn xb daß die Gerechtigkeit, daß der Gerechte niemals untergeht, daß der gerechte Anspruch des Unterdrückten auf Errettung und Erlösung aus dem Druck eines harten Geschickes niemals zu Schanden wird. Nehmet als Angebinde meiner Treue dieses Festbüchleiu, die Hagada, hin, worin ich meine alten Erfahrungen in gedrängter Kürze niedergeschrieben, nehmt es hin und lernet daraus Gottes Allmacht, Gerechtigkeit und Erbarmen kennen, lernet daraus, gottesfürchtig zu sein, gerecht, weise und glücklich zu werden. — Und gierig greifen wir nach dem Büchlein, wir schlagen es auf, da glänzen uns die wohlbekannten, ehrwürdigen Schriftzüge von der Hand des freundlichen Alten entgegen, und unter Vielem, was das Herz ergreift und bewegt, finden wir eine feinsinnige Belehrung über verschiedene Menschencharaktere: „Die Thora", so heißt es da, „nimmt gelegentlich der Erinnerung an Aegypten und an das Peßachfest auf vier verschiedene Charaktere Bezug bxvb “'XV “inxl dn "triXl2Ln NNX1 DDNNNX der Eine ist ein Weiser, der Andere ein Muthwilliger, der Dritte ein Eiüfältiger, der Vierte ein Unwissender, der auch nichts zu fragen versteht. Was fragt mit Bezug auf das jüdisch-religöse Leben, besonders am Peßachfeste, der Weise? „Was ist der Grund dieser Zeugnisse, Satzungen und Rechte, die der Ewige unser Gott euch geboten? Was fragt der Uebermüthige? „Was soll euch dieser Dienst?" Was fragt der Einfältige? „Was ist das?" Mit dem, der nichts zu fragen weiß, eröffne du das Gespräch zur Erklärung des Festes. An dem Uebermüthigen tadelt man mit Recht, daß er sagt, was soll euch dieser Dienst — „euch", womit er sich eben selbst vom religiösen Dienste und somit von der religiösen Gemeinschaft ausschließt. An dem Weisen tadelt man nichts, ja im Gegentheil, in der Antwort auf seine Frage geht man sogar mit ihm sehr rücksichtsvoll um, und doch gebraucht ja auch er einen eben so ansschließenden Ausdruck, wie der Muthwillige, denn er sagt ja gleichfalls: Die der Ewige unser Gott „euch" gegeben. Aber wer wagt es, über einen Weisen vorschnell zu urtheilen? Um einen solchen zu verstehen, muß man schon selber ein Weiser sein. „Der Weise" ist ein Philosoph, ein Denker, ein Forscher. Von einem solchen gilt das Wort der Schrift: „Nicht nach dein Schein der Augen richtet er und nicht nach der Ohren Hören nrtheilt er, er richtet in Gerechtigkeit und nrtheilt in Billigkeit" (Jes. 11). Wenn der Weise über eine Sache sich ein richtiges Urtheil bilden will, so entledigt er sich für einen Augenblick seiner persönlichen Neigungen und Abneigungen gegen Personen und Sachen, lim sie möglichst genau so aufznfassen, wie sie wirklich sind. Der Weise forscht hier über die Wahrheit des Judenthums, er selber ist ein Jude, ist als Jude geboren und in den Satzungen des Judenthums erzogen; er fürchtet, daß sein Urtheil vielleicht durch angeborene Neigung befangen und parteiisch ansfallen könnte, darum will er im Geiste für einen Augenblick das Angeborene und Anerzogene vergessen, will es bei Seite setzen, um richtig urtheilen zu können. Und er fängt demgemäß an, ohne irgendwelche hergebrachte, überkommene Voraussetzung oder Ueberlieferung zu forschen: „Was ist der Grund der Zeugnisse, Satzungen und Rechte?-" Schon die Art, wie er die Frage stellt und die Gegenstände, die am Feste zum religiöseil Gebrauch kommen, benennt, kennzeichnet ihn als einen Weisen. Er nennt sie „Zeugnisse" nach ihrem geschichtlichen Grunde, „Satzungen und Rechte" nach ihrem ethischen Werth für die Gegenwart und die Folgezeit. Daß er aber den Ansdruck „euch" nur zum Zwecke der Forschung gebraucht und nicht aus Leugnung oder Ausschließung aus der religiösen Gemeinschaft, das erkenilen wir daran, daß er sagt UV6x der Ewige unser Gott und nicht etwa blos euer Gott. Weil er eben ein Weiser, ein Denker ist, hält er au der einen und höchsten Voraussetzung von dem Dasein eines Gottes fest. Denn er weiß, daß es ohne den Glauben an Gott kein tieferes Forschen, keine wahrhafte Erkenntniß, kein ernstes, sittliches Denken und Handeln giebt, daß ohne diesen Glauben alle Erscheinungen des Lebens ein unlösbares Räthsel sind. Was antwortet man dem Weisen auf seine Frage? Er möge doch die Entwickelung des Peßachfestes in Betracht ziehen und erkennen, daß das Fest nicht etwa in dem bloßen ceremonialen Gebrauch der ungesäuerten Brode, der bitteren Kräuter und des Opfersymbols sich erschöpft, sondern vielmehr auf dem Grunde dieser Ceremonien in seinen edlen religiösen und ethischen Beziehungen sich darstellt, und so die tiefe, reine Quelle bildet, aus welcher die elvigen, mustergiltigen Satzungen der Gerechtigkeit, der Menschenliebe und

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