Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-13 · Heft 15 (13.4.1894) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 15 (13.4.1894)
Date
1894-04-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228056--50745-3273569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Seligkowitz, welche durch den gediegenen Inhalt, sowie durch die vollendete Form einen erhebenden Eindruck auf die Anwesenden machte. So schön die Feier, so gemüthlich verlief das sich hieran anschließende Festessen. Möge es dem verdienstvollen Jubilar noch lange vergönnt sein, mit nicht versiegender Kraft segensreich in unserer Gemeinde zu wirken. 8. Stuttgart, 9. April. Die Württembergische Vereinsbank beging dieser Tage mit Abschluß ihrer 25jährigen Geschäftsperiode eine Jubelfeier, und aus diesem Anlasse wurde dem Herrn E. Benzinger, der der Bank 25 Jahre als Leiter vorsteht, und über dessen ersprießliche ThätigkeiL der Festdericht Daten liefert, vom König der Titel eines Kommerzienrathes verliehen. Herr Benzinger ist auch Mitglied der Oberkirchenbehörde. — Am 26. März verschied plötzlich an einem Herzschlag Herr Banquier Louis Kiese im Alter von 53 Jahren. Er war ein Mann von umfassender Bildung und tüchtiger Begabung; sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust für das Kirchenvorsteheramt, dem er seit 17 Jahren mii ganzer Kraft und großer Schaffensfreudigkeit angehörte. Am Grabe widmete ihm Rabbiner Dr. Stößel einen warmen Nachruf, Rechtsanwalt Max Kaulla sprach Worte der Anerkennung Namens seiner Genossen im Vorsteheramte, Banquier Sontheimer im Namen des Ausschusses des Kranken-Unterstützungsvereins, dessen Mitglied der Verstorbene seit einer Reihe von Jahren war, und Herr Edenfeld Namens des Familienvereins. Oesterreich - Ungarn» □ Wien, 9. April. Der hiesige „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" veranstaltete gestern im Ronacher-Saal einen Geselligkeitsabend als erste Versammlung dieser Art. Herren und Damen, die dem Vereine angehören, und Gäste, die mit den Zielen des Vereines sympathisiren, hatten sich in großer Zahl eingefunden. Der Abend, der durch Musikvorträge einer Kapelle eingeleitet wurde, gestaltete sich zu einer bedeutsamen Kundgebung gegen den Antisemitismus. Die kräftigen Worte, die da gesprochen wurden, fanden stürmischen Beifall bei dem distinguirten Publikum. Am Komiteetische saßen u. A. der Ehrenpräsident Baron Leitenberger und Herrenhausmitglied Lobmeyer. Nachdem der Präsident des Vereines, Baron Suttner, die Versammlung begrüßt hatte, brachte Baron Leitenberger aus den Kaiser einen Toast aus, der mit Begeisterung ausgenommen wurde. Sodann gelangte ein vom Ehrenpräsidenten des Vereins, Hofrath Professor Nothnagel, aus San Remo eingetroffenes Telegramm zur Verlesung. Dasselbe lautet: „Zu meinem Leidwesen räumlich heute von Ihnen getrennt, reiche ich im Geiste den Männern die Hand, welche den schweren, aber hohen und heiligen Kampf führen, in dem es gilt, vollste Energie für die Gerechtigkeit und die höchsten Güter der Menschheit einzusetzen und die schmachvollen Angriffe gegen einen Theil unserer, allen anderen Staatsbürgern gleichstehenden Mitmenschen abzuwehren." Besonderes Interesse erregte ein scharf pointirtes Schreiben des Professors und Konsistorialrathes Dr Schöpf aus Salzburg. Derselbe schreibt, es müsse im Klerus die Ueberzeugung allgemein werden, daß kein katholischer Priester, der seine Mission versteht, ein Antisemit sein kann; es sei ferner zur Ausrottung des abscheulichen Antisemitismus unbedingt nothwendig, daß die Staatsgewalt dagegen entschieden Front mache. Als erster Redner ergriff Superintendent Haase das Wort und verurtheilte den Antisemitismus in einer groß angelegten glänzenden Rede vom religiösen Standpunkte aus. Die Antisemiten zu bekehren, sei freilich unmöglich, denn ihr Zustand sei bereits ein pathologischer; ein Missionär im schwärzesten Afrika habe sicher eine leichtere Aufgabe als ein Antisemiten-Missionär. Aber man müsse sorgen, daß das antisemitische Gift nicht weiter dringe. Er erörtert hierauf den Widerspruch, der darin liege, sich auf den frommen Christen hinauszuspielen und zugleich die Grundlagen des Christenthums anzugreifen, das Volk zu beschimpfen, aus dem der Heiland hervorgegangen sei. Er preist dann in glühenden Worten die guten Eigenschaften der Juden, insbesondere ihr ideales Familienleben. Luther sagt: „Eine arme Mutter kann sechs Söhne ernähren, sechs Söhne aber nicht eine arme Mutter." Jüdische Söhne aber können das. Ich selbst kenne solche. Abgeordneter Dr, Haase schließt mit der Auffordernng, den Judenhaß schon deshalb wegzuwerfen, weil man sich nicht Wohlbefinden könne, so lange man Jemanden hasse. Stürmischer Beifall folgte seinen Worten. Dann sprach Reichsrathsabgeordneter Dr. Kronawetter. Er betonte die Macht und den Fortschritt, den die Menschheit durch die Vereinigung erlangt habe, und besprach sodann die trennende Kraft der Konfession, Nationalität und der sozialen Gegensätze. Diese vor Allem müsse der Verein abschwächen und sich nicht abschrecken lassen, wenn der Erfolg lange auf sich warten lasse, denn nur dadurch sei die Menschheit groß geworden, daß die Geschlechter stets auch für ihre spätesten Nachkommen gearbeitet haben. Unter allgemeiner Spannung ergriff hierauf Professor Sueß das Wort. „Man müsse zu gewissen Zeiten fast an dem Fortschritt der Menschheit verzweifeln," sagte er, „wenn man nicht wissen würde, daß er nur langsam, sehr langsam von Statten gehe. Wer im Jahre 1848 gesagt hätte, daß die gewaltigen Errungenschaften dieser großen Zeit wieder verloren gehen könnten, den hätte man einfach ins Narrenhaus gesperrt. Und doch sind sie verloren gegangen. Gesetze könne man freilich leicht ändern, aber der Kampf gegen Interessen sei schwer, und der gegen Vorurteile, besonders wenn sie sich mit atavistischer Antipathie verbinden, sei ungeheuer schwierig. Aber einig müsse man vor Allem sein, einig Alle, die den Fortschritt wollen, das werde ihm auch der unmittelbare Vorredner (Kronawetter) zugestehen müssen. Und dennoch werde man den Antisemitismus nicht so erfolgreich im öffentlichen Leben, als in der Familie bekämpfen, und da sei die größte und erfolgreichste Aufgabe den Frauen Vorbehalten. Er richte dabei seinen Blick vor Allem auf seine Nachbarin Baronin Suttner, die ein kaum erreichbares Vorbild dessen sei, was ein weiblicher Missionär leisten könne, der sich ganz einem hohen Ziele hingegeben habe. Ihre Worte des Friedens und der Versöhnung ertönen auf der ganzen bewohnten Erde." Mit einem „Hoch!" auf die Baronin Suttner schloß Professor Sueß seine geistreichen und gedankenvollen Ausführungen. — Im israelitischen Tempel in Budapest fand ein Trauergottesdienst statt, welchem die Familie Kossuth, zahlreiche Abgeordnete und Magnaten, auch die evangelische Geistlichkeit beiwohnten. Oberkantor Lazarus leitete die Choralgesänge. Nach Schluß der würdigen Feier sprachen die Brüder Kossuth dem Prediger Dr. Kohn und dem Oberkantor ihren Dank aus. — Der Kaiser hat dem Privatdozenten für mathematische Physik an der Universität in Krakau Dr. Ladislaus Nathanson den Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors verliehen. W Prag, 4. April. Vor einem Erkenntnißsenate des hiesiger: Strafgerichtes hatte sich gestern der Redakteur des czechischen Antisemitenblattes „Nove Zajmy", Jaromir Huschek, wegen Vergehens der Verbreitung falscher beunruhigender Nachrichten zu verantworten. Das genannte Blatt ist bisher in der Stadt Weinberge erschienen und soll, da Huschet nach Wien übersiedelt, künftig dort herausgegeben werden. In einer der letzten Nummcrn des Blattes war die Mittheilung enthalten, der Schächter Hermann Löwy in Chotzen habe im August vorigen Jahres an einer verborgenen Stelle in der Nähe dieses Ortes einem gewissen Joseph Horky, einem braven arbeitsamen Christen, zu rituellen Zwecken Blut abgezapft und demselben 2 fl. gegeben, damit er sich von dem Blutverluste erhole. Durch die eingeleiteten Erhebungen wurde festgestellt, daß Horky ein mit chronischem Alkoholismus behafteter Säufer ist, der an Hallucinationen leidet. Bei seiner Vernehmung vor dem Bezirksgerichte Hohenmauth wiederholte er zwar zuerst die oben mitgetheilten Angaben, als aber die ihn untersuchenden Aerzte an seinem Körper keine Sprrr eines zur Blutabzapfung dienlichen Eingriffes aufzufinden vermochten, gestand er, die ganze Geschichte erfunden zu haben. Daraufhin wurde Horky von dem Hohenmauther Gerichte wegen Verbreitung fälscherbeunruhigender Nachrichten verurtheilt. Huschek, der bereits in Wien weilen soll, war zur gestrigen Verhandlung nicht erschienen. Er wurde in contumaeiam zu vierzehn Tagen, mit zwei Fasttagen verschärften Kerkers verurtheilt. F. Krakau, 9. April. Ich beeile mich, ihnen mitzutheilen, daß die antisemitischen Berichte über die hier vorgefallenen Exzesse anläßlich der Koseiuszkofeier zum größten Theil aus der Luft gegriffen sind. Die hier stattgefundenen Straßenunruhen sind absolut als interkonfessionell zu betrachten; ohne Unterschied von Christen oder Juden, wurden viele Häuser, die nicht beleuchtet waren, mit Steinen bom« bardirt und einige Personen mißhandelt. Geradezu lächerlich ist die Mittheilung, daß es „infolge des infamen Benehmens zweier Juden während des Purimfestes, welches am Tage der Koseiuszkofeier begangen war, zu Krawallen gekommen ist;" siel doch unser Purimfest

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.