Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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auf den 22. vorigen Monats, während die Kosciuszkofeierlichkeiten am 1. d. Mts. begonnen haben. Wohl hat eine hiesige antisemitische Zeitung das Märchen von den 2 Juden, die am Purimfest die christliche Religion verhöhnt haben sollten, verbreitet, ich versichere Ihnen aber^ daß dieses Märchen "dem bekannten Blutmärchen gleicht und a bsolutaus der Luft gegriffen ist. Ich betone ausdrücklich,daß die Juden jn Krakau auch nicht den geringsten Anlaß zu den hier stattgefundenen' Krawallen, die übrigens in den meisten auswärtigen Zeitungen übertrieben sind, gegeben haben. — Großes Aufsehen erregte hier heute die„ Verhaftung des Dr. Josef Orlowski, der von Lemberg aus steckbrieflich verfolgt wurde. Orlowski wurde vor einigen Jahre« der Oeffentlichkeit bekannt, als er sich an die Spitze eines großangelegteü klerikal-antisemitischen Blattes, „Kurjer Polski", stellte, das sogar in zwei Ausgaben, in Lemberg und in Krakau, erschien. Das Unternehmen nahm ein klägliches Ende; nach einigen Monaten suchte Orlowski einen Käufer für „sein" Blatt, das nahezu eine halbe Million verschlangen hatte. Wie und wo Orlowski dieses Geld aufgetrieben hatte, darüber kursirten damals verschiedene Gerüchte, die hier nicht wiedergejeben werden können. Die Kalamitäten Orlowskis häuften sich; zu dell finanziellen gesellten sich auch andere. An den Straßenecken erschienet« eines Tages Plakate, die dem Orlowski geradezu gemeine Verbrechen zur Last legten, unter Anderem den Diebstahl einer goldenen Uhr. Jrcheß erschien in einem hiesigen Blatte eine sensationelle Enthüllung, daß Orlowski ein russischer Spion sei. Die Anzeigen gegen ihn häuften sich immer mehr, und da die Behörde seinen Aufenthaltsort nicht kannie, wurden schließlich Steckbriefe gegen ihn erlassen. Wie jetzt bekannt wird, hielt er sich Mittwoch Mittags in Wien auf, wo er Allen, mit denen er verkehrte, mittheilte, daß er jetzt nach Galizien fahre, um sich Um ein Reichsrathsmandat zu bewerben. Umsomehr war er erstaunt, als, er, hier angelangt, von einigen Detektives angehalten und für verhaftet'.erklärt wurde. Bemerkt sei hier auch, daß Orlowski vor etwa einem Jahre an Stelle des eingegangenen „Kurjer Polski" ein kleines antisemitisches Blatt „Glos Narodu" („Volkesstimme") gründete, dessen Hjchartikel wesentlich zu den brutalen Exzessen der letzten Tage in Krakau beigetragen haben. Italien. •0I6- Venedig, 7. April. Der große venetianische und italienische Patriot I. P. Maurogonato, welcher 1848/49 die Finanzen seiner Vaterstadt mit seltener Klugheit und Rechtlichkeit leitete, derselbe, welchem Victor Emanuel das Portefeuille eines Finanzministers nach Marco Minghetti angeboten hatte, wurde am 22. März durch ein sichtbares Erinnerungszeichen gleich den übrigen großen Venetianern des Nisorgirnento politieo, deren Medaillons an der Rückseite des Palazo Reale angebracht sind, geehrt. Die Spitzen der Behörden, zahlreiche Korporationen, die Garibaldianer in ihren rothen Hemden und eine große Volksmenge wohnten dem erhebenden Akte bei. Unter den Klängen der Musik wurde das wohlgetroffene Bronce-Bildniß des klugen, alten, gütigen Patriarchen sichtbar, welcher ob seiner großen Wohlthätigkeit auch beim Volke in bester Erinnerung steht. Aus den bemerkenswerthen Reden, die bei dieser Enthüllungsfeier gehalten wurden, dürste ein Passus auch in weiteren' Kreisen interessiren. Es ist dies ein Brief Jsacco Pesaro Maurogonato's, welcher zur Verlesung gelangte. In diesem an Victor Emanuel ge» richteten Schreiben lehnt Maurogonato das Finanz-Portefeuille dankend ab, indem er darauf hinwies, daß es ihm als Juden widerstrebe, die Rechte eines Finanzministers auch gegenüber den unzähligen katholischen Ordens-Brüderschaften Italiens geltend zu machen. Von Nah und Fern. --- Die Herren Professor Förster, Dr. Bachler, Witte, Kretzer, Dr. Tesdorf u. A. haben zusammen mit Schwein Hagen den auf bp norddeutschen Antisemiteutage am 26. Juni 1892 gewählten AgitatiorM ausschuß gebildet. Gleichwohl stellen die Herren Förster und Genossen die Zugehörigkeit Schweinhagens zur antisemitischen Partei noch immer in Abrede. — Aus Schneidemühl wird gemeldet: Die Staatsanwalt-l schaft hat gegen den Antisemiten Hans v. Mosch Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß erhoben. Die Verhandlung findet am 9. Mai vor der Schneidemühler Strafkammer statt. Herr v. Mosch kandidirte in der Reichstagsnachwahl für Meseritz-Bomst und ist auch für Schlochau- Flatow als antisemitischer Kandidat aufgestellt. — Eine jüdische Gastwirthsfamilie bei Tilsit, unweit der russischen Grenze, wurde Nachts von Räubern überfallen und dabei Mann, Frau und Tochter erschossen. Ein neunjähriges Kind und eine alte Frau von 92 Jahren blieben bei dem Gemetzel verschont. Das Kind mußte den Geldversteck zeigen. Der Mörderbande fielen tausend Rubel in Papier und Silber in die Hände. — Herr Lehrer C. Brisch in Mühlheim hat am 1. d. M. sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum unter allgemeiner Theilnahme gefeiert. — Die „Deutsch-nationale Zeitung" in Düsseldorf, ein antisemitisches Blatt gewöhnlichen Schlages, hatte dem B. B. C. nachgesagt, daß unschickliche Aeußerungen daselbst gestanden hätten, während sie thatsächlich dort nie und nirgend, beziehungsweise in einem anderen Blatte gestanden haben. Redakteur Wilberg, wegen dieser Beleidigung zur Verantwortung gezogen, wurde zu 150 Mark Geldbuße verurtheilt. Jn der Urtheilsbegründung wurde ausdrücklich hervorgehoben, daß der Angeklagte nicht bonafide gehandelt habe und seine ganze Tendenz dahin gegangen sei, gegen die Juden zu Hetzen. — Zu der Meldung aus Emden, nach welcher dem Reichskanzler Grafen Caprivi von I. de Beer jr. dje ersten erreichbaren Kiebitzeier zugesandt worden sind, weiß die „Tägl. Rundschau" das Schreckliche zu berichten, daß der Spender Jude ist. Herrn I. de Beer jun. ist übrigens nachstehendes Schreiben zugegangen: „Berlin, 25. März 1894. Für die freundliche Zusendung der für diese Jahreszeit seltenen Kiebitzeier, welche sich ihrer Frische halber durch besonderen Wohlgeschmack auszeichneten, sage ich Ihnen meinen besten Dank, v. Caprivi." — Zu den bedeutendsten unter den neueren Künstlern gehört unser Glaubensgenosse, der Bildhauer Julius G. Jordan, ein jetzt in München lebender Hannoveraner. Seine Arbeiten haben auf der letzten Kunst-Ausstellung großen Beifall erweckt. — Jn Bautzen soll ein jüdischer Betsaal errichtet werden, denn die Zahl der dortigen Juden hat sich innerhalb der letzten 25 Jahre von 1 auf 60 vermehrt. — Jn Asch bei Hof wurde ein Müllermeister in Hast genommen, der im Koupe des Egerer Zuges in einem antisemitischen Anfalle einen jüdischen Getreidehändler beinahe erdrosselt hatte. — Der antisemitische Verein in Nürnberg hat eine Erklärung erlassen, wonach er und seine Mitglieder mit dem jetzt dort überhand nehmenden „Unfug". Zettel mit der Inschrift „Kaust nicht bei Juden" überall anzukleben, nichts zu thun hätte; mit solchen „bübischen Waffen" kämpfe er nicht für Deutfchthum und Christenthum. — Der Kultusvorstand in Wien hat in seiner Plenarsitzung am 1. d. M. die Berufung des Gemeinderabbiners von Fünfhaus Dr.Adolf S ch m i ed l zur Wirksamkeit in den Leopoldstädter Gemeindetempel vom Passahfeste dieses Jahres ab beschlossen. — Jn Nachod feierte der Großindustrielle Isaak Mautner seinen 70. Geburtstag. Nachdem ihm seine Arbeiterschaft ein Ständchen dargebracht hatte, platzte im Vorhause des Fabrikgebäudes eine Bombe. Niemand wurde verletzt. Die Bombe war mit Blei- und Eisenstücken gefüllt, aber nur mit Pulver hergerichtet. — Dr. Jacob Spira,Mabbiner in Bisenz (Mähren), ist einstimmig zum Rabbiner und Prediger in Mährisch-Ostrau gewählt worden. — Bei Gelegenheit der Bismarckfeier am 1. April hielt im Kriegerverein zu Buchsweiler (Elsaß) unter allgemeinem Beifall Herr Hauptlehrer Sch eye einen Vortrag „Simson, ein hebräischer Held". — Der Palästina-Verein (Palästine Exploration Fund) in London hat durch Vermittelung des auswärtigen Amtes vom Sultan die Erlaubniß erhalten, 2 Jahre lang Ausgrabungen in Jerusalem vornehmen zu lassen. Mit der Leitung derselben wurde Herr Friederic Jones Bliß beauftragt. — Baron Hirsch hat, wie wir bereits kurz gemeldet, es sich zum Grundsatz gemacht, die von seinen Pferden auf dem Turf erzielten Gewinne unter eine große Anzahl Londoner Hospitäler zu vertheilen Im Jahre 1891 waren es 7000 Pfd Sterl., im Jahre 1892 35,000 Pfd. Sterl. Im vergangenen Jahre ist der Baron weniger glücklich gewesen, denn er erzielte nur 7500 Pfd. Sterl. Die Summe erschien ihm selbst angesichts der großen Zahl bedürftiger Anstalten zu gering und deshalb verdoppelte er sie aus freien Stücken, wie er hinzufügte, ohne einen Präcedenzfall zu schaffen. 13,300 Pfd. Sterl. sind bereits zur Vertheilung gelangt. Am meisten hat das London-Hospital, nämlich 1000 Pfd. Sterling, bekommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. -Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.