Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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... »AT-% —V 179 Litterarische Mittheilungen. — Die Agad a der palästinensischen Amoraeer. Erster Band. Vom Abschluß der Mischna bis zum Tode Jochanans (220-279 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung). VonDr. Wilhelm Bacher,Professor. Straßburg Trübner 1892. Unter den Enqueten, die jetzt zu den verschiedensten Zwecken angestellt werden, erregte eine jüngst von England ausgegangene durch ihre Originalität ein nicht geringes Interesse. Hervorragende Männer, deren Uriheil Jederman ein großes Gewicht beilegt, sollten einmal die hundert Bücher namhaft machen, die sie für die allererlesensten und werthvollsten der gesammten Weltlitteratur hielten, und dann noch besonders die darunter anführen, denen sie die stärksten und bestimmendsten Eindrücke und Einwirkungen verdanken Wenn nun solch ein Fragebogen den berufensten Kennern unserer modernen jüdischen Litteratur mit dem Ersuchen vorgelegt würde, die besten und erfreulichsten Hervorbringungen auf diesem Gebiete innerhalb des letzten Jahrzehnts darin anzugeben, so würde der Name des obigen Werkes sicherlich auf allen Listen — den von jüdischen ebenso wie von kompetenten christlichen Forschern ausgefüllten — einen der vordersten Plätze einnehmen. Haben jüdischerseits alle Urtheilsberechtigten mit seltener Einmüthigkeit anerkannt, daß Prof. Bacher die Aufgabe, die er sich gestellt, die grundlegende Vorarbeit zu einer Geschichte der Agada zu liefern, zum ersten Male „die Geistesarbeit der Agadisten, soweit wir ihre Namen erwähnt und soweit wir ihre Aussprüche an ihre Namen geknüpft finden, in einzelnen Abschnitten darzulegen, und was von Jedem bisher über ein weites Litteraturgebiet zerstreut war, zu einem nach Möglichkeit abgerundeten Ganzen zu vereinigen," in geradezu musterhafter Weise gelöst. Sind von unseren Fachgenossen Bachers große Erudition, sein Scharfsinn und die strenge Wissenschaftlichkeit, die wie in seiner ganzen Methode, so besonders in der straffen Zügelung des bei manchem jüdischen Gelehrten leider zuweilen zuchtlosen Scharfsinns so wohlthuend fich kundgiebt, nach Gebühr gewürdigt und gepriesen worden, so haben bedeutende christliche Gelehrte den Professor am Pester Rabb. Seminar einen der wenigen jüdischen Forscher genannt, deren auch sie sich „von ganzem Herzen zu freuen vermögen", weil er ihnen nicht blos ein zuverlässiger Führer sei für das, wie sie offen einräumen, von ihnen allein ohne unsere Mithilfe nicht zu erschließende und zu erhellende talmudische Schriftthum, sondern auch das Moment bei ihm völlig fehle, das die Werke manches jüdischen Gelehrten ihnen verleidet: die Verhimmelung, das sichtliche Bestreben, in majorem gloriam des Judenthums Dies und Jenes zu verbrämen und zu beschönigen oder auch ganz zu - verschweigen. Wenn wir nun den Lesern dieser Blätter die vier bis jetzt erschienenen Bände dieses groß angelegten Agada-Werkes auf das Wärmste empfehlen, so ist's ein ebenfalls nicht allzuhäufig anzutreffender Vorzug, der Bacher's sämmtlichen Arbeiten nachgerühmt werden muß, der uns dazu mehr noch verpflichtet, als berechtigt. So gründlich, vielumfassend und ins Einzelne eingehend die Forschung, so schön und klar, voll edler Einfachheit und kristallener Durchsichtigkeit ist die Darstellung in diesen Lebensbildern der Tanaiten und Amoräer. Darum sollten die hauptsächlich durch die Rührigkeit und Energie des Redakteurs dieses Blattes ins Leben gerufenen Litteraturvereine diese Agadabücher ihren Bibliotheken einverleiben. Wo es an den doch nur dünn gesäten Rednern in solchen Vereinen fehlt, oder wo es den Aerzten, Juristen, Lehrern, die ihre Kraft in so anerkennenswerther Weise in den Dienst unserer Bestrebungen stellen wollen, an der nöthigen Muße und an dem erforderlichen Wissensmaterial fehlt, da würde die Vorlesung einer der vielen prächtigen Biographien unserer alten Lehrer den Vereins-Mitgliedern sicherlich einen ebenso lehrwie genußreichen Abend verschaffen. Haben wir aber diesen Umstand einmal berührt, so wollen wir den Anlaß benutzen, um unseren begüterten Glaubensgenossen, wenn wir so sagen dürfen, das „wissenschaftliche Gewissen" zu schärfen. Wie viel das Judenthum der Wachheit dieses „Gewissens" auch in der Laienwelt dankt, wie viel für Hebung und Förderung der Wissenschaft auch von solchen in unserer Mitte geschah, die kein tieferes Verständniß der Geistesarbeit besaßen, ist oft genug auseinandergesetzt worden. Heute haben wir einen Maßstab, an dem die Betheiligung unserer Gesammtheit an der Geistcsbewegung gemessen werden kann: den Ankauf dieser Werke. So sei allen Bildungseifrigen, deren Privat-Bibliothek, wie wir oft gesehen, das eine oder andere bedeutende wissenschaftliche Werk aus anderen Disziplinen schmückt, die Anschaffung solcher Bücher, wie das Bachersche, hiermit eindrücklich ans Herz gelegt. Woher soll den Verlegern, unter deren schützender Flagge allein solche Leistungen hinaussteuern können in das Meer der Litteratur, der Muth kommen, es mit den besten jüdischen Autoren zu wagen, wenn ihnen ihre Erfahrungen eine Variante des bekannten Lesstng'schen Epigramms nahelegen Wer wird ein solches Buch nicht loben: Doch wird es Jeder kaufen? Nein, Es möchte weniger erhoben Und desto mehr gekaufet sein. IV. X. 6. Die an der Bahre der im Alter von 22 Jahren Heimgegangenen Frau Rabbiner Dr. Frieda Blumenthal in Ratibor gehaltenen Trauerreden sind im Druck erschienen (Simmich in Ratibor, Boas Nachfolger in Berlin). Die Reden, welche vom Gatten der Verklärten sowie von den Rabbinern Dr. Rosenthal in Breslau, Dr. Krakauer in Leobschütz und Dr. Goldschmidt in Königshütte gehaltenen word sind, zeichnen in warmen und ergreifenden Worten das Tugendbild der so früh verklärten edlen Frau. In einem Vorwort schildert Herr Dr. Blumenthal den Lebens- und Bildungsgang der Entschlafenen. Dieselbe entstammte einer angesehenen russischen Familie. Ein Anverwandter war der um das öffentliche Wohl sehr verdiente und vom russischen Kaiser mit Ehren reich geschmückte Hofrath von Zeitlin am Anfang dieses Jahrhunderts. Ihr Großvater Josua Zeitlin, der in Dresden starb, ist der Begründer hochherziger Wohlthätigkeitseinrichtungen in Palästina. Die Sieden lassen den Verlust erkennen, welchen mit dem Hintritt der Verklärten ihre Angehörigen und auch ein weiterer Kreis von Armen und Bedürftigen erlitten haben. — Sechs Festpredigten für Passah und Schewuot von Rabbiner Dr H. Sänger. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt am Main, 1694. „Predigten müssen gehört und nicht gelesen werden," sagte uns einst ein bekannter Kanzelredner. Im großen Ganzen stimmen wir diesem Urtheil zu. Jndeß giebt es Predigten, die den litterarischen Feinschmecker auch beim Lesen befriedigen. Als solche sind auch die uns vorliegenden „Sechs Festpredigten" zu betrachten. Sie entbehren den sonst üblichen salbungsvollen Ton, nehmen Bezug auf die gegenwärtige Lage der Juden und enthalten viel lehrreiche und wissenswerthe Momente. Wir glauben, diese Sammlung den Freunden der Predigt-Litteratur empfehlen zu dürfen. A—tz. Dr. W. Klemperer, Voltaire und die Juden. Verlag des Bibliographischen Bureaus, Berlin 1894, Dr. M. Brasch: Zwei Freunde, Leipzig 1894 Es sind zwei Vorträge, auf die wir die Leser dieses Blattes heute Hinweisen. Der Inhalt des ersteren ist den Lesern dieser Blätter bereits bekannt; der zweite behandelt das Verhältniß Lessings zu Moses Mendelssohn und wurde am 15. Februar d. I., dem Todestage Lessings, im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Leipzig gehalten. Beide Vorträge, die uns nun als schön ausgestattete Broschüren vorliegen, find sowohl im Inhalt wie in der Form und Sprache als litterarische Arbeiten zu bezeichnen, die weit über das Mittelmaß hinausgehen. Sie sind streng wissenschaftlicher Natur, frei von jeder religiösen Färbung und dürsten sich schon aus diesem Grunde zum Vorlesen in wissenschaftlichen Vereinen kleiner Gemeinden eignen, die aus pekuniären Gründen auf den Genuß, Redner von Beruf zu hören, verzichten müssen. A— tz. Spreckjfaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! /gewähren Sie meinen folgenden Zeilen ein Plätzchen in Ihrem geschätzten Blatte. Auf das Wort sagen unsere Weisen im Midrasch Ber. Rabba ßipg heißt deshalb „Gott", weil er die ganze Welt erfüllt. „Voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit. Auch in der Boraithe d'Rabbi Elieser wird erklärt: Gott wird deshalb Biptt genannt, weil überall, wo die Frommen find, die sich mit der Gotteslehre beschäftigen oder Gebete verrichten, auch Gott in ihrer Mitte weile. Denn es heißt: „Ueberall, wo du meinen Namen anrufest, komme ich zu dir und werde dich segnen."