Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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mmmmrnm 178 Auf seine weitere Frage, wie das gekommen sei, schüttete sie vor dem Manne ihr Herz aus, und cs ergriff ihn tiefes Mitleid für die Arnie. „Das dürft Ihr nicht so gehen lassen," sagte Reb Bär. „Was soll ich thun?" fragte die Wittwe. „Geht zum Rabbi!" sagte Reb Bär. „Ich?" fragte die Wittwe. „Nun ja, Ihr," war die Antwort. „Was fallt Euch ein, Reb Bär, daß ich es wagen soll, vor den Rabbi zu treten?" „Ihr wagt gar nichts," sagte Reb Bär Schames, „Ihr sucht Euer Recht. Ein Mensch darf dem andern Menschen nicht das Augenlicht rauben. Gott hat die Sonne für alle Menschen gemacht, und Einer darf das Sonnenlicht dem Andern nicht entziehen. Wer mir die Sonn' entzieht, nimmt mir mein Augenlicht und das darf nicht sein." „Aber Reb Bär," sagte die Wittwe, „nennt Ihr selbst es nicht eine Vermessenheit, wenn ein Weib auf der Gaffe vor dem Rabbi nicht ausweicht?" „Ja," sagte Reb Bär, „aber das ist etwas Anderes. Das Eine ist Vermeffenheit und das Andere ist Gerechtigkeit. Ich hoffe zu Gott, der Rabbi wird Euch zu Eurem Recht verhelfen; er wird nicht dulden, daß sie Euch blind macht!" Also geschah es. Die Wittwe ging mit ihrem Anliegen zum Rabbi. Der Rabbi Markus Benedikt hörte sie ruhig und unbewegt oii, mit einer Miene, die keiner menschlichen Regung zugänglich schien. Nachdem sie die Klage vorgebracht hatte, sagte der Rabbi: „Geht heim und vertraut auf Gott, der es weiß, ob Ihr Recht habt; ich muß erst hören, was die Andere sagt!" Die Wittwe ging nach Hause bcküninierten Gemüths. Reb Bär Schanies hatte sich ihrer Sache in ganz anderer Weise angenonunen, als der Rabbi zu thun geneigt schien. Reb Bär Schames hatte ihr sogleich Recht gegeben, der Rabbi muß erst hören, was die Andere sagt. Das machte sie wankend in der Zuversicht, welche Reb Bär Schames in ihr erweckt hatte. Von jener höheren Gerechtigkeit, welche in dem Verhalten des Rabbi die Richtschnur bildete, von jener Gerechtigkeit, welche Moses vorschreibt und welche verlangt, daß man bei Gerichten auch de» Armen nicht bevorzugen soll, hatte das arme Weib freilich keine Ahnung. Der Rabbi aber schickte um die Frau, die den Bau anfführen ließ, und befragte sie genau und umständlich über die Lage des Häuschens jener Wittwe und über die Veränderung, welche sich für diese durch den Umbau ergeben. Die Eigenthümerin des Hauses konnte nicht läugnen, daß ihr Haus weit höher hinauf gebaut sei, als es früher der Fall war, „aber," fügte sie hinzu, „geht mich das etwas an? Ich Hab' ja zu dem Bau die Bewilligung vom Amt! Kann ich dafür, wenn sie ihr Häusel grad da stehn hat, wo es steht? Hält' ich deshalb mein Haus nicht sollen bauen kaffen? „Was kostet Euch der Bau?" fragte der Rabbi. „Alle Jahr' soll ich's verdienen," sagte die Frau, „über zwanzigtansend Gulden gewiß!" „Wißt Ihr was," sagte der Rabbi, „laßt Euch denken, das Haus kost' Euch um zweihundert Gulden mehr! Kauft um zweihundert Gulden der Wittwe das Häusel ab!" „Wozu soll ich das Häusel kaufen," sagte die Frau, „ich brauch's nicht." „Wenn Jhr's auch nicht braucht, thut's doch!" „Soll ich mein Geld zum Fenster hinausweifen?" „Ihr Werst cs vielleicht nicht so ganz umsonst hinaus, wie Ihr meint." „Wer kann mir das befehlen? Ich Hab einmal meine Bewilligung." „Die Bewilligung habt Ihr voin Amt!" „Nu, und gilt das Amt nichts?" „Es gilt schon! Es giebt aber Einen, der noch mehr gilt, und der will nicht, daß man eine Wittwe drücken soll! „Bon meinetwegen kann sie auch blind werden!" „Am kescheh oref!" (Ein hartnäckiges Volk!) rief der Rabbi. Die Frau, welche diese Worte, die sie nicht verstand, für einen Fluch hielt, rief in Erregung: „Meinetwegen mag mich der Rabbi auch schelten. Das nutzt aber bei mir nichts, und überhaupt, ich laß mir vom Rabbi nicht vorschreiben!" „Nun, wenn Ihr es mit Eurem Gewissen vereinigen könnt, so thu't wie Ihr wollt und folgt mir nicht; ich bin aber deffen gewiß, daß Ihr nicht erleben werdet, Euer neu gebautes Haus, bis es fertig ist, mit eigenen Augen zu sehen!" Hiermit war die Verhandlung zu Ende und die Frau ging nach Hanse. Als sie hierauf in der „Gasse" sich rühnite, wie tapfer und standhaft sie dem Rabbi gegenüber ihre Sache verfochten und wie sie sich nicht vom Fleck gerührt, obwohl er sie verflucht habe, wurde sie von Vielen, die cs gut mit ihr meinten, ermahnt, in sich zu gehe» und der Weisung des Rabbi zu folgen. Also verging noch einige Zeit und der Bau war fertig. Prächtig stand er da, eine Zierde der ganzen Gasse, und die Frau, frisch und gesund wie ein Fisch im Wasser, folgte mit einigen Weibern, denen sie zeigen wollte, wie im Innern Alles beschaffen und wohlgerathen sei, dem Baumeister, der gekommen war, ihr den Schlüffel des vollendeten Baues zu übergeben. As sie in das Haus eintraten, sagte die Frau: „Merkwürdig, wie finster es auf einmal geworden ist." „Was?" riefen die Anderen, „finster? Es ist ja doch das schönste Sonnenlicht!" „Oßer, wenn ich ein Stück seh'!" sagte die reiche Frau. Sie hatte wahr gesprochen; sie sah kein Stück. Sie sah auch niemals wieder; sie blieb Zeit ihres Lebens blind. Eine Klume auf das Grab vs» Frau Prof. Lazarus. (gest. 31. März 1894.) Von Henriette Hirschberg. ^^ie Liebe höret nimmer auf — Ob auch die Gruft sich schließet. Und ob in strengem Tageslauf Die Thräne nicht mehr fließet: Wo einst der Geist sich eint dem Geist In frohen Jugendtagen, Wird stets, erscheint es gleich verwaist, Gin Herz das andre tragen. Wo sich der Geist geeint dem Geist, Und blüht und wuchs im andern. Dort stirbt er nicht — er ist verreist. Kehrt wieder heim vom Wandern. Noch währet es wohl eine Frist — Doch einst in reinern Höhen, Wo Geist und Liebe ewig ist. Dort winkt ein Wiedersehen! ' ■ & .