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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-13 · Heft 15 (13.4.1894) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 15 (13.4.1894)
Date
1894-04-13
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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ganzen Sommer hier zu Neiden; — wir sind jetzt lange genug hier gewesen. — Dein Vater vermißt uns auch, kannst Du glauben." „Nein, — nicht reisen, liebe Tante — noch nicht. Vater hat übrigens versprochen, herzukoinmen und mich abzuholen." „Was willst Du denn eigentlich, Kind? — Du hast keine Lust hierznbleiben, und Du willst nicht abreisen. — Es ist etwas Anderes, was Dich drückt! Ich kenne Dich, Rachel. ^Um Nichts liegst Du nicht im Bett und weinst Dir die Augen aus. Sei nun aufrichtig gegen Deine alte Tante! Du weißt, daß ich gern mein Herzblut hingeben würde, um Dir zu helfen. Habe ich nicht immer versucht, Mutterstelle an Dir zu vertreten? — Als meine arme Schwester auf dem Sterbebette lag, sagte sie zu mir — ach, ich weiß es noch so genau, als wäre es heute gewesen, obgleich es beinahe zwanzig Jahre sind — Rebekka, sagte sie, meine liebe, gute Rebekka —" Rachel unterbrach Tante Rebekkas Redestrom, indem sie ihr ihre Unterredung mit der Kammerherrin anvertraute. „Na. das fehlte noch grade!" schrie Tante Rebekka, sie fuhr auf wie eine Rakete und konnte kaum ihren grenzenlosen Zorn mäßigen. Es kribbelte ihr in den Fingern, als müßte sie irgend einen Gegenstand, zum Beispiel den großen venetianischen Spiegel, in tausend Stücke schlagen. „So eine grenzenlose Frechheit! Du solltest Dich taufen lassen, als wärest Du eine Heidin. Taufen! — Du solltest als Abgefallene zum Spotte der Deinigen werden und als Bekehrte in allen Zeitungen der Christen figuriren! — Deine Mutter würde sich im Grabe nmdrehen, wenn sie dies hörte. — Deine Mutter, welche die rechtgläubigste der Rechtgläubigen und ein Licht für unsere Gemeinde war. O, hätte ich diese abscheuliche Kammerherrin hier! Ich glaube, ich kratzte ihr die Augen aus!" „Sei doch ruhig," bat Rachel ängstlich. „Du weckst ja das ganze Haus, Tante. Bedenke doch, daß ihr Schlafzimmer auf der anderen Seite des Korridors ist und daß man hier Alles so deutlich hört." Tante Rebekkas Zunge war aber nicht zu bändigen. Die Beleidigung, welche ihr durch Rachel zugefügt war, war zu groß für ein ehrliches Herz, welches die Lehre seiner Kindheit in Ehren hält. Sie brummte und schalt immerfort, nnd erst, nachdem sie Rachels Wasserflasche halb geleert hatte, beruhigte sich ihr hitziges Blut. „Du kriegst eine schlechte Schwiegermutter, Rachel, das will ich Dir im Voraus sagen. Sie hat keine Spur von Herz rmd Gemüth. Sie steckt voll Bosheit, Herrschsucht und Eitelkeit. . . Du solltest nur wissen, was Mamsell Petersen mir von ihr erzählt hat. . . Sie wechselt die Dienstmädchen beinahe jeden Monat und hält die Leute so knapp, daß sie halb verhungern müssen. . . Jedes Stück Zucker und jeder Bissen Brod wird ihnen zugewogen. . . Keiner von den Leuten kann sie leiden. . . Karen, die Köchin, zieht am Ersten, sie sagt, sie will lieber einen Monat ohne Stelle sein, als noch länger auf Rosengaard bleiben." So lief Tante Rebekkas Zunge unaufhörlich weiter wie ein zügelloses Pferd. Ihr monotones Geschwätz hatte schließlich das gute Resultat, daß Rachel in einen tiefen, gesunden Schlaf fiel. Dann erst entfernte Tante Rebekka sich. (Forts, folgt.) Nom Uablrr Markus Benedikt. Mitgetheilt von Eduard Kulke. n Nikolsburg saß im Anfang dieses Jahrhunderts auf dem Stuhle des Oberlandes-Rabbiners der berühmte Markus Benedikt, der so sehr im Gerüche der Heiligkeit stand, daß Alles, was Weib ist, ledig oder verheirathet, wenn er durch die Gasse ging, in die Häuser flüchtete, weil Alles Furcht trug, den sündhaften Leib den glühenden Blicken seines heiligen Auges auszusetzen. Zu dieser Zeit ereignete es sich, daß eine reiche Frau aus der „Gaffe" vier neben einander stehende kleine Häuschen aufkaufte, in der Absicht, sie niederreißen und an deren Stelle ein großes stattliches Haus aufbauen zu lassen. Dies geschah. Die Trümmer der niedergerissenen Häuschen waren beseitigt und flugs wuchsen die Mauern des neuen ansehnlichen Hauses aus der Erde hervor wie die Halme im Aehrenfeld, wenn fruchtbringender Regen sie begießt und die Sonne mit sengendem Strahl sie emporzieht. Es stand aber knapp hinter dem Neubau ein kleines Häuschen; darinnen lebte eine arme Wittwe, die sich vom Weißnähen ernährte, und diese mußte es mit großer Bangigkeit und Sorge erfüllen, wahrzunehmen, wie die in die Höhe wachsende rückwärtige Mauer ihr völlig das Licht zu entziehen drohte, das bisher über die niedern Dächer hinweg durch das wenn auch kleine Fenster doch reichlich genug in ihre Kammer floß. Die Dunkelheit, welche die Kammer erfüllte, breitete sich auch über das weiße Linnen aus, das sie mit Nadel und Zwirn zu bearbeiten hatte, und dies war so anstrengend und blendete sie dergestalt, daß sie in Gefahr schwebte, das Augenlicht zu verlieren. Ihr war unerträglich und ward mit jedem Tage unerträglicher. Als das Zweckmäßigste hatte sich ihr nach vielfachen Erwägungen ergeben, das Häuschen zu verkaufen; allein an wen — wer wird sich als Käufer finden, wo sie eines so argen Umstandes halber zum Verkaufe gezwungen ist! Sie war trostlos. Endlich — kam es ihr, wie eine Eingebung vom Himmel: An wen anders sollte sie sich wenden, als an die reiche Eigenthümerin des neuen Hauses. Kostete sie der Neubau viele schwere Tausende, so konnte sie für das kleine Häuschen einer betrübten Wittwe, welche sie durch den neuen Bau um ihre Existenz brachte, doch mit Leichtigkeit die geringe Summe von etlichen hundert Gulden hergeben, ohne dabei auch nur im Geringsten eine Gnade ausznüben. Konnte sie ja doch das arme Häuschen wegräumen und mit dem so gewonnenen Platz den Hof ihres Hauses vergrößern lassen; aber — und das ist ein unaufgeklärter Punkt in dieser Geschichte — die Reiche wollte sich zu dem ihr von der Wittwe gemachten Anbot nicht verstehen. Hartherzig blieb sie bei ihrem „Nein!", die Wittwe mochte noch so eindringlich bitten und mahnen. Es war verlorene Mühe, jedes Wort war vergebens. Es war ein schöner, heiterer Herbstabend. Die Sonne vergoldete mit mildem Lichte Alles, was ihr im Wege lag. Eine Thräne schlich sich aus dem ermüdeten Auge des armen Weibes. Sie blickte scheu zur Erde nieder, denn sie schämte sich, daß sie weinte. So ging sie traumverloren die Gaffe hinauf, als sie plötzlich augeschreckt wurde durch den zornigen Ruf von Reb Bär Schames: „Was ist das für eine Frechheit von Euch, daß Ihr nicht hineinlauft in ein Haus, wenn Ihr seht, daß der Rabbi durch die Gaff' kommt!" Ohne aufzublicken, lief das Weib in das nächstbeste Haus, darin zu warten, bis der Rabbi vorübergegangen.' Dort stand sie noch, als Reb Bär Schames, der inzwischen den Rabbi zur „Mincha" geführt und aus der Synagoge wieder nach Hause begleitet hatte, sie zum zweiten Male aus ihrer Versunkenheit wachrief, aber diesmal nicht im zornigen Tone, sondern mit sanften Worten: „Sagt mir, Peffel, seid Ihr gar meschuge gewesen vorhin, daß Ihr nicht ausgewichen seid dem Rabbi?" „Reb Bär", sagte die Wittwe, „Gott soll mich strafen mit alle „Kloles" die in der „Toicheche" stehen, wenn ich etwas davon gewußt Hab', daß der Rabbi kommt."

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