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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-13 · Heft 15 (13.4.1894) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 15 (13.4.1894)
Date
1894-04-13
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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wrm-’s-wm ÜSfflSi 176 Sie stand auf, trocknete ihre Augen, wusch ihr Gesicht mit Eau de Cologne und öffnete dann die Thür. Holger sah ihr traurig ins Gesicht, dann setzte er sich schweigend neben sie und nahm ihre kleine zitternde Hand in die seinige. „Mein Liebling — sei nicht so traurig. Hat meine Mutter Dich so erschreckt? — Ich habe sie sonst immer für eine so feine Diplomatin gehalten. —" Sie kämpfte mit ihrer inneren Bewegung, bevor sie antwortete: „Du weißt wohl, worüber sie mit mir gesprochen hat?" „Ja—a," sagte er unsicher, vor Rachels festem traurigen Blick die Augen niederschlagend. „Es geschah also mit Deinem Willen, Holger, daß Deine Mutter mir diesen Vorschlag machte?" „Ja—a," sagte er mit niedergeschlagenen Augen. Er zog sein Taschentuch hervor und trocknete die Schweißtropfen ab, welche ihm, ans die Stirn traten. Sie zog sich etwas von ihm zurück und unwillkürlich — sie wußte es vielleicht selbst nicht — begann sie, an dem kleinen glatten Ring zu drehen, den sie an der rechten Hand trug. Er schien übrigens ziemlich fest zu sitzen. Er bemerkte es, wurde auffallend unruhig und gebrauchte das Taschentuch noch eifriger. Sie hatte beinahe Mitleid mit ihm, obgleich ihr selbst Unrecht geschah. „Aber als wir uns verlobten, Holger, sprachst Du nicht mit einem Worte davon, obgleich Deine Mutter jetzt sagt, es wäre eine stille Verabredung, etwas, das sich von selbst verstände." Er schwieg rathlos — dann nahm er wieder ihre Hand, die er schweigend liebkoste, und sagte dann endlich: „Hast Du denn so viel dagegen, meinen Glauben zu theilen, Rachel — Du hast mich ja doch lieb. — Ich glaubte, Deine Liebe zu mir lväre so groß, daß Du Alles nnt mir theilen würdest, — Alles." Sie schüttelte wehmüthig den Kopf und zog leise ihre Hand aus der seinigen. Jetzt versuchte Holger sich als Reduer. Er wiederholte Alles, was Pastor Sanft an jenem Sonntag nach der Kirche gesagt hatte, und zitirte sogar, nicht ohne Pathos, einige Stellen aus der heiligen Schrift. Sein Gedächtniß war vortrefflich, er machte dem Pastor Ehre. Diese geistliche Beredtsamkeit rührte Rachel gar nicht. Sie schüttelte wieder den Kopf, aber diesmal weniger wehniüthig als erstaunt. Hätte Holger seine eigene Meinung ausgesprochen, statt salbungsvoll Pastor Sanfts Worte zu wiederholen, so hätte er vom Standpunkt des Weltmannes gesprochen und sie an die Worte Heinrichs IV. erinnert, „daß Paris wohl eine Messe werth sei". Ja, er fand es in sozialer Hinsicht zweckmäßiger für Rachel, daß sie Christin wurde. Es war standesgemäßer. Sie wurde dadurch gewiffermaßen ihrer jüdischen Herkunft entrückt, die man mit der Zeit vergessen würde, und würde als vollbürtiges Mitglied seines aristokratischen Kreises ausgenommen. — Holgers eigene Religiosität war nur anerzogene Gewohnheit. Als praktischer Landmann hatte er weder Zeit noch Lust gehabt, sich mit geistlichen Fragen zu beschäftigen. „Würde es Dir denn so schwer werden, Deinem Glauben zu entsagen?" fragte er nach einer drückenden Pause, in welcher Rachel wieder an dem Ringe drehte, während nur das Gesumme einer Fliege die Stille unterbrach. „Ist es ein so großes Opfer? Hängst Du so innig an dem Glauben Deiner Kindheit?" „Rein, das ist nicht der Grund —" „Was hindert Dich denn, mein Liebling?" „Ich habe gar keinen Glauben. Das Judenthum steht meinem Herzen ebenso fern wie das Christenthum — es würde also eine abscheuliche Heuchelei sein, wenn ich übertreten würde." „Keinen Glauben!" rief er, aufspringend. „Du hast also keine Religion? Du bist, was man eine Freidenkerin nennt?" Holgers Bestürzung war in ihrer Naivität so komisch, daß Rachel, trotz des Ernstes der Situation, ein leises Lächeln nicht unterdrücken konnte. Daß Holgers Intelligenz nicht so groß war wie seine Bravheit und Herzensgüte, hatte sie schon früher bemerkt, und dies war ihr ganz besonders klar geworden an dem Tage, als sie wegen der armen Hänslerin in Streit geriethen. Sie liebte ihn aber mit allen seinen Fehlern und Vorzügen, wie er nun einmal war. Sie wollte ihn nicht anders haben. „Ich habe Dich sehr lieb, Holger," flüsterte sie unsäglich sanft, „und ich will Dir ein gutes Weib werden. — Ist das nicht die Hauptsache?" Er hörte aber nicht auf sie. „Keinen Glauben, keine Religion!" wiederholte er. hitziger werdend. Er konnte es gar nicht begreifen. Ein Mann könnte zur Noth ungläubig sein, meinte er, aber eine Frau —! Es war unpaffend. Religiosität gehörte ebenso selbstverständlich zu ihrer geistigen Toilette, wie der Unterrock zu der leiblichen. Er war ganz roth geworden, er suchte nach einer Waffe, mit der er sie verwunden konnte, und schließlich sagte er stammelnd: „Aber das ist ja — das ist ja unweiblich!" Rachel hüllte sich sofort wieder in ihre vornehme statuenhafte Ruhe, welche sie gewissermaßen isolirte und die ihr als Schild gegen jede beabsichtigte Beleidigung diente. Als sie Abends im Bette lag und an die Erlebnisse des Tages zurückdachte, brach sie in Thränen aus und weinte laut und bitterlich. Daß sie im Zorn von Holger geschieden war, ohne ihm, wie gewöhnlich, die Hand und einen Kuß zu geben, nagte an ihrem Herzen. Dies war ihre erste ernsthafte Uneinigkeit gewesen. Dann dachte sie bekümmert an ihren alten Vater, den sie so lange nicht gesehen hatte, und an Judith, deren Gesundheit trotz der norwegischen Fjeldluft nicht besser wurde. Rachel hatte diese zähe, starke Liebe für ihre Angehörigen, welche den Juden eigen ist. Würde ihr Vater wohl nicht bald kommen und sie in Rosengaard besuchen, wie er ihr versprochen hatte? Ob er wohl wirklich so gesund und kräftig war, wie er immer in seinen Briefen schrieb? Es mußte jetzt ein einsames Leben für den lieben alten Mann sein, allein in dem großen Hause mit der Wirthschafterin, während beide Töchter fort waren. Eine Thür öffnete sich geräuschlos. Eine weiße Gestalt glitt durch das Zinimer und setzte sich stumm auf den Stuhl vor Rachels Bett. „Aber, Tante, wie hast Du mich erschreckt. Warum schleichst Du denn immer auf Filzschuhen herum! Man hört Dich nie, bis Du vor Einem stehst." Tante Rebekkas lange spitze Nase sah aus einer mächtigen, seltsam geformten Nachthaube hervor, und ihr langes, weißes Nachtgewand machte in der im Zimmer herrschenden sommerlichen Dämmerung einen beinahe umheimlichen Eindruck. „Ich konnte nicht schlafen. Kind. . . Ich hörte Dich ja fortwährend weinen. . . Arme Rachel! Was fehlt Dir? Sage es mir, mein Herz!" „Ich weiß es nicht, Tante — ich glaube, ich habe Heimweh." Tante Rebekka stutzte und suchte mit ihren.scharfen Augen die Dunkelheit zu durchdringen, um jede Miene in Rachels Gesicht zu erforschen. Sie glaubte nicht recht an diese Erklärung. Rachel wandte das Gesicht nach der Wand. „Dann reisen wir morgen ab. . . Ich habe auch genug von Rosengaard. — Wir sind, soviel ich weiß, nicht verpflichtet, den

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