Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 lesen pn) eine Rißwunde statt “ifi3 vgl. Grätz Monatschr. 84, S. 417) wie Essig nicht auf eine Wunde Passt), so wer Lieder singt vor tiefbetrübten Herzen. Der diese Gnome einst nicdergeschrieben, räumte nicht ein, was nach der Erzählung im Buche Samuel von der Wirkung des Davidischen Saitenspiels auf den schwermiithigen König Saul schon in Alterthum angenommen wurde, daß nach Shakespeares schönen Versen: „Solche Macht wohnt im Gesänge, Sorg' und Gram bei seinem Klange Sterben oder schlafen ein."*) Interessant ist die Erklärung des berühmten Philosophen Lewi b. Gerson s. d. St. i. Com.) Ihm will es offenbar nicht in den Sinn, daß ein Weiser und obendrein ein Dichter die gcmiitherlösende und befreiende Gewalt des Gesanges sollte bestritten haben, so bringt er neben der eben wiedergegebenen eine zweite Deutung, die allerdings in künstlichster Geschraubtheit einen musikfrenndlichen Sinn dem Spruche abzngewinnen sucht. Sehen wir von diesem mißlungenen Versuch des Gersonides ab und bleiben bei dem Gedanken stehen „Auf Trauernde übt froher Sang eine peinliche Wirkung, das will sagen: an der heiteren Weise schärft und steigert sich als an seinem Gegensätze ihr Schmerzgefühl, dann crgiebt das talmudische Seitenstück: „Der Sang dringt nicht ins Ohr des Tanzenden" schlechterdings keinen Sinn. Dukes und Wahl begnügen sich mit der Uebersetzung?) Eins liegt glaube ich auf der Hand, daß der Spruch nur einen vernünftigen, der Salomonischen Sentenz, an die er sich lehnt, entsprechenden Sinn giebt, wenn er in sein genaues Gcgentheil verwandelt wird. Der Saug dringt nur in Ohr und Herz des Tanzenden, d. h. des von Haus ans frohen und freudig gestimmten. Und diesen Sinn erhalten wir, wenn wir das kleine Wörtchen hinter suppliren. Wie leicht die beiden Buchstaben beim Abschreiben ausgefallen sein können, zumal wenn statt im Texte xb^V gestanden, braucht nicht erst gesagt zu werden. Der Spruch i» dieser Form tfip-n fPSTtttt *6« b"V *6 “)Ö7 *1öH b$ ist dann völlig kongruent dem Salomonischen JH zb bv D,'Ttt7 “TEL lichkeit von 19b und 20a hat übrigens nicht erst Hitzig hingewiesen, schon Jsaac Arama (vgl. *71 eüit. Freiman S, 83) ist die Paroli omaste in beiden Versen ausgefallen, bv pE?1? und seine Deutung bringt den Schluß von Vers 19 gedanklich zusammen mit Vers 20. *) Auch die Wirkung der Mustk auf den Propheten Elisa (2 Kön. 3, 18) „als der Spielmann spielte, kam über ihn die Hand des Ewigen und er weissagte" erklärt der Talmud als eine psychische. Der prophetische Geist war von Elisa gewichen, weil er in Zorn gerathen war, denn es verläßt den Propheten die Prophetie und den Gelehrten die Gelehrsamkeit, sobald der Zorn sie übermannt vergl. Raschi psjj b Ifip .(Cm,T bV DM® 7DIÖ Darum wurde der Spielniann herbeigerufen, um die zornige Erregung des Propheten zu beschwichtigen. (Pesach 66b). .730& npbnoö «03 ax ... ariaE? aix ba 2j Wahl (a. O. S. 149) übersieht, daß die beiden Sprüche vom Gesänge zweierlei völlig verschiedene Dinge behaupten und bringt als Parallele das gar nicht hiehergehörige deutsche Sprichwort bei: Ueber nichts in der Welt läßt sich der Narr graue Haar wachsen. An die figürliche Bedeutung des Wortes auf die ich im nächsten Artikel näher eingehe, ist hier sicherlich nicht zu denken. Zu Levy's Erklärung (4, 469) „Strafreden finden keinen Eingang im Ohre der Thoren", bemerke ich, daß die talmudische, freie Deutung nur eine Warnung enthält vor der Uebermittelung der Lehre an notorisch Unwürdige. - b"x"?n’ro ’Köa x-ipn rptotrs s13N 13'XELTv^TI^ N311S2 (CM. 133a) - . - . - ■ ■; w w I 1 FEUILLETON Sj S j m imifltn vii mmaaraT: 1 |--vjr M MMM 1m » Nie Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) itfnhi Rachels Vaterhause war man in Glaubenssachen ebenso indifferent, wie die meisten modernen Christen. Sie verstand mit wenige Worte von den hebräischen Gebeten ihrer Tante und besuchte nie die Synagoge. Sie war nur einmal dagewesen, als sie zu der 1814 in Dänemark eingeführten Konfirmation vorbereitet wurde, welche bei den Juden nur ein Examen in den religiösen Kenntniffen der Kinder bedeutet. Rachel war in Bezug auf die Glaubenseigenthümlichkeiten und Ceremonien ihres Volkes beinahe ebenso unwiffend wie ein Nichtjude. Wenn Tante Rebekka in vertraulichen Stunden davon erzählte, lauschte sie mit neugierigem Jntereffe, wie ei» Kind, deni man fremde, geheimnißvolle Gegenden schildert. Tante Rebekkas Streiiggläubigkeit war ein Dorn im Auge des alten Etatsraths, der wünschte, daß sein Haus sich auf keine Weise, weder in Fornr noch Sitten von anderen feinen dänischen Häusern unterscheiden sollte. Wenn Tante Rebekka in den Gesellschaften des Etatsraths manchmal anfing, von „nnserm Laubhüttenfest", „unserm Versöhnungsfest", „unserm Schalet" und „Mazos" zu erzählen und dadurch die Gäste an die Nationalität ihres Wirths zu erinnern, konnte der Etatsrath ernstlich böse werden, und es gab dann später gewöhnlich äußerst stürmische Szenen zwischen ihm und seiner rechtgläubigen Schwägerin. Was sie daran verhinderte, zu Halgers Glauben überzugehen, war ihre Wahrheitsliebe, ihre geistige Unabhängigkeit, um nicht zu reden von der Sonderbarkeit und Lächerlichkeit der Ceremonie. In ihrem Alter getauft und einer kirchlichen Gemeinde einverlcibt zu werde», die ihr nicht einmal zusagte. — Das Ganze wäre ja nur eine widerwärtige, traurige Komödie. — Nein, zu einer solchen Maskerade wollten sie sich nicht erniedrigen. — Sollte das Glück durch einen Betrug erkauft werden, so war es zu theuer erkauft! Dann ihm lieber entsagen — lieber entsagen! Die Sonne schien so hrll in ihr Zimmer, daß sie ihren armen verweinten Angen weh that. Sie zog deshalb die rothseidene Gardine zu. Eine- Trennung — fürs ganze Leben! — Ihn nie wieder zu sehen! — Nein, das konnte sie nicht ertragen! — Weshalb war sie ihm nur auf ihrem Lebenswege begegnet? Sie war verhältnißmüßig zufrieden, in ihrem Herzen herrschte jene todte Ruhe, die auf den Sturm der Leidenschaft folgt, als seine blauen Augen ihr zuerst leuchteten. Es wurde schüchtern an die Thür geklopst. Sie that, als hörte sie es nicht und drückte sich tiefer in den Lehnstuhl, auf welchem sie saß. Es klopfte stärker. „Wer ist da?" „Ich bin es, Rachel — ich möchte Dich so gern einen Augenblick sprechen." Sie erkannte Holgers Stimme. „Warte einen Augenblick, ich werde gleich öffnen."