Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Beute der Barbaren, Narren, Geldwechsler, Idioten und Parnasim. Noch manche Sonnenwende wird über dieses Geschlecht Hinwegrollen und es finden wie heut: zerrissen, überfließend in die christliche Nothreligion, ohne Halt und Prinzip, zum Theil im alten Schmutz, von Europa bei Seite geschoben, fortvegetirend, mit dem trockenen Auge nach dem Esel des Messias oder einem anderen Langohr hinschauend — zum Theil blätternd in Staatspapieren und im Konversationslexikon; bald reich, bald bankerott, bald gedrückt, bald tolerirt. Die eigene Wissenschaft ist unter den deutschen Juden erstorben und für die europäische haben sie deswegen keinen Sinn, weil sie sich selber untreu, der Idee entfremdet und die Sklaven bloßen Eigennutzes geworden sind. Dieses Gepräge ihres jämmerlichen Zustandes tragen denn auch ihre Skribenten, Prediger, Konsistorialräthe, Gemeindeverfasfungen, Parnasim, Titel, Zusammenkünfte, Einrichtungen, Subskriptionen, ihre Litteratur, ihr Buchhandel, ihre Repräsentation und ihr Glück und ihr Unglück. Keine Institution, kein Herz und kein Sinn! Alles ist ein Brei von Beten, Mark-Banco und Rachmones, nebst Brocken von Aufklärung und Chilluk. . . . Was allein aus diesem Mabul unvergänglich auftaucht, das ist die Wissenschaft des Judenthums, denn sie lebt, auch wenn Jahrhunderte lang sich kein Finger für sie regte. Ich gestehe, daß, nächst der Ergebung in das Gericht Gottes, die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft mein Trost und Halt ist. Auf mich selbst sollen jene Stürme und Erfahrungen keinen Einfluß haben, der mich mit mir selber in Zwiespalt bringen könnte. Ich habe gethan, was ich zu thun für weine Pflicht hielt. Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predigte, habe ich aufgehört zu predigen, doch nicht um dem Inhalt meiner Worte treulos zu werden . . . Nichts bleibt den Mitgliedern, als treu sich selber in ihren beschränkten Kreisen zu wirken und Gott das Weitere zu überlassen." Man kann wohl sagen, daß das ganze spatere Wirker: des vortrefflichen Mannes in wahrhaft merkwürdigem Einklang mit diesen aus bitterster Ironie hervorgegangenem Worten gestanden hat, ohne daß er damals eine Ahnung von den Leiden gehabt hätte, die ihm noch bevorstanden. Von diesen Leiden will ich hier nun, an der Hand seiner eigenen Briefe, ein kleines Bild entwerfen: „Mit guten Empfehlungen und vortrefflichen Zeugnissen ausgerüstet" verließ Zuuz am 26. September 1815 Wolfenbüttel, wo er aber bereits längere Zeit als Lehrer gewirkt hatte, und am 12. Oktober kam er in Berlin an. Schon Tags darauf besüchte er Herrn Rüben Samuel Gumpertz, einen, wie M. schreibt, „in der jüdischen Gemeinde sehr einflußreichen Mann, der ihm als Gönner vom ersten Augenblicke an treu zur Seite stand." Im Vorbeigehen will ich hier nur bemerken, daß dieser Banquier Gumpertz Verfasser des berüchtigten Gutachtens über die gegenwärtige Stellung der Rabbiner zu den Gemeinden ist, und daß er dieses Gutachten an: 7. September 1820 erstattet hat. Es wäre interessant zu erfahren, ob Zunz dabei mitgewirkt hat. Vom Oktober 1815 bis März 1818 besuchte dieser nun die Berliner Universität, wo er Vorlesungen von F. A. Wolf, A. Boeckh, de Wette, Savigny und Schleiermacher hörte. Daneben war er Hauslehrer in der Familie einer Madalne Hertz. Nach Beendigung seiner Universitätsstudien im Juni 1818 machte Zunz eine kleine Reise, die ihn auch nach Hamburg, zum Besuch seiner dortigen Verwandten führte. Dort forderte ihn einer der Vorsteher des Tempels, Mendel Bresselau, auf, sich um die Predigerstelle zu bewerben, und das Schreiben, in welchem Zunz am 12. Juni nachkommt, ist zur Charakteristik seines Wesens sehr interessant. Er ist zur Uebernahme der Stelle geneigt und es würde ihm eine Freude sein, „für das große Ziel vorzuarbeiten, das mir uns stecken müssen". Gern würde er dieser Arbeit Ruhe und Freiheit opfern. Um sie würdig auszuführen, müßte aber der Prediger mit „Anstand" leben können; er glaubt daher, die Grenzen der Bescheidenheit nicht zu übertreten, wenn er wenigstens 1300 Mark dafür verlangt! Auf dieses Schreiben theilt ihm Bresselau mit, daß man in Hamburg die Aspiranten für die Predigerstelle in einer von ihnen über einen aufgegebenen Text zu haltenden Rede zu hören wünsche. Zunz erklärte sich hierzu bereit, und Bresselau setzt in einem neuen Briefe als Termin den 1. September fest. Und nun begiebt sich etwas Wunderbares, was für Zunz's Charakter überaus charakteristisch ist, lind was ich jungen Predigern gelegentlich zur Nachahmung empfehle. Vierzehn Tage später tritt nämlich Zunz von seiner Bewerbung freiwillig zurück — und zwar aus Freundschaft für einen Andern! Ich muß diese Stelle wörtlich hierhersetzen: „Was übrigens meine Konkurrenz zur dortigen Predigerstelle betrifft, so trete ich freiwillig zurück, aus Freundschaft für Herrn Büschenthal. Wie ich erfahre, so hat dieser Mann sich noch nicht unmittelbar angetragen — daß er die Stelle wünscht, weiß ich; daß er sie verdient, muß Jeder bezeugen, der diesen vortrefflichen Mann näher kennt. Daß er ihr gewachsen ist, beweisen seine schon gelieferten literarischen Arbeiten hinlänglich auch; er ist ein Beispiel davon, daß die jüdische Nation die Köpfe, die sich unter ihr Hervorthun, nicht gehörig unterstützt, nicht einmal anerkennt. Mir werden sonst noch Aussichten übrig bleiben, zumal da ich noch jung bin, auch mein philosophisches Studium zu beenden wünsche"?) Zunz blieb also in Berlin und hörte weiter Collegia. Die Subsistenzmittel erwarb er sich durch Ertheilung von Privatunterricht in Deutsch, Laten: und Mathematik. In der „Berliner Zeitung" von: 27. Oktober 1818 befindet sich folgendes Inserat unter „Dienst- und Beschäftigungsgesuchen": „Unterzeichneter empfiehlt einen sehr geübten Lehrer in der deutschen und lateinischen Sprache und in der Mathematik. I. M. Jost, Schulvorsteher, Spandauerstr. 51." Jost, der Zunz als Lehrer empfiehlt — welch ein interessanter Beitrag zur Geschichte der Mischen Geschichte! Bald darauf wurde der bekannte „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" in Berlin in der Wohnung von I. A. List begründet. Die Gründer waren Eduard Gans, Moses Moser und Leopold Zunz. Die Mittheilungen Heinrich Heines über diesen Verein und über den Antheil, den Zunz an demselben hatte, darf ich wohl als bekannt voraussetzen. Dagegen bin ich durchaus nicht der Ansicht Maybaunls, daß die Geschichte dieses Vereins imb die Wirksamkeit Zunz's in demselben von Adolf Strodtmann „bereits vollkommen erschöpfend" dargestellt worden seien. Im Gegentheil: ich glaube, daß diese Geschichte noch gar nicht ordentlich und sachgemäß dargestellt worden ist, ja, daß sie noch sehnsüchtig des Bearbeiters harrt. Mein guter, alter Freund Strodtmann hatte keine Ahnung von all' diesen Dingen; er hat das reiche Material, welches ihm von Zunz selbst unb aus dem Nachlasse Wohlwill's zugänglich gernacht wurde, kritiklos abgedruckt. Z Lippwann Moses Büschenthal (1784—1818) aus Straßburg, ein jüdischer Dichter, von dem ^bis jetzt wenig bekannt ist. Nach Fürst, Bibi. jud. I. 138 lebte er in Neuwied, Elberfeld, Wien, Breslau und endlich auch in Berlin, wo er am 27. Dezember 1818 starb. Nach Goedeke, Grundriß III 208 kam er von Brünn über Leobschütz 1814 nach Breslau, „wo er später deutscher Prediger an der Synagoge wurde; von da ging er in gleicher Eigenschaft nach Berlin, wo er in der Blüthe seiner Jahre starb." Ob diese Mittheilungen richtig sind, vermag ich im Augenblick nicht zu kontroliren. Nach dem „Gesellschafter" 1818, S. 831 ist übrigens Büschenthal am 28. Dezember gestorben. Von den Werken dieses Mannes, den Grätz gar nicht erwähnt, citiren Fürst und Goedeke folgende: Gedichte (2 Bde. Frankfurt a. M. 1807. 2. verm. Aufl. Köln 1813). Skizze über deutsche Orthographie und Prosodie. Sammlung witziger Einfälle von Juden, als Beitrag zur Charakteristik dieser Nation (Elberfeld 1812). Gebilde der Wahrheit und Phantasie (Magdeburg 1819). Der Siegelring des Salonw, romantisches Trauerspiel (Berlin 1820). Erzählungen (Magdeburg 1825). Ferner mehrere Oden und Lieder, in deutscher wie in hebräischer Sprache, und viele Aufsätze in den Zeitschriften Sulamith und Jedidja. Das Trauerspiel „Der Siegelring des Salomo" ist, so viel ich weiß, s. Z. im königlichen Schauspielhause zur Aufführung gelangt.