Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1G7 Glieder umschlingt, wie in einer wohlgeordneten Schulgemeinschaft Ernst und Spiel, gemeinsame Schulung und Anleitung den Charakter stählen, so ist das „Lehrlingsheim" den jungen Handwerkern Schule und Haus zugleich. Wir sehen im Garten des Hauses den einen Lithographen mit einer Zeichnung beschäftigt, andere sehen zu, so lernt einer vom anderen und die Einseitigkeit des Werkstattlebens wird ausgeglichen. Dort auf dem Turnplatz werden die Geräthe fleißig benutzt, die blassen Gesichter röthen sich und die für den schwierigen Handwerksberuf nothwendige körperliche Kraft wird gestählt, denn einer will es dem anderen zuvorthun. In dem von Herrn Justizrath Makower begründeten Erziehungshause in der Berliner Straße in Pankow leitet seit mehreren Jahren ein Sergeant eines Berliner Garderegiments den auf Grundlage militärischer Disziplin organisirten Unterricht im Freiturnen. Da hören denn bald die oft viel gehänselten äußerlichen Gebahrungen, Ueberbleibsel eines zu Grabe getragenen Unterdrückungssystems, in den Manieren der Jünglinge auf. die berufen sind, innerhalb des Handwerks ein werkthätiges Judenthum zu repräsentiren. Der Verweichlichte wird abgehärtet, der Ungeschickte verspottet, der Eitle beschämt. An diesen Knaben kann der Besucher zu seiner innigen Freude sehen, wie es Frühling wird in unserem Kreise, wie das überlebte Joch Aegyptens abgeschüttelt wird; aus Sklaven, die sonst unwürdigem Frohndienst verfallen waren, werden hier Bne Chorin, „freie Männer", die mit Dank ihren Wohlthätern zurufen: Wir waren Knechte, — nun hat uns Gottes starke Hand befreit. Gin allegorisches Gemälde. Von Dr. M. Kayserling. f er bekannte italienische Maler, Prof. Gerolamo Navarra, ein Jude, und zwar ein religiöser Jude, der Enkel des Rabbino magiore in Verona, hat in seiner Begeisterung für das Judenthum ein allegorisches Gemälde entworfen und ausgeführt, eine „prophetische Erscheinung", wie er es nennt; dasielbe ist jetzt hier ausgestellt und findet die Anerkennung und Bewunderung aller Kunstfrerinde. Den Gegenstand dieses 3 Meter breiten und 2 Meter hohen Bildes erläutern Stellen aus der heiligen Schrift, welche am Rande desselben in der Ursprache und in deutscher Uebersetzung angebracht sind. Von einem Berge, über dessen Gipfel der erhabene Wahrspruch yaiP in hebräischen Buchstaben erglänzt, strömt das Master, das Symbol des Glaubens, jenes Master, das den Nahrungs- und Arznei-Pflanzen, dem Geiste und dem Herzen den Lebenskeim verleiht, nach dem Worte des Propheten: „Denn ihr Master fließt aus dem Heiligthum hervor und ihre Frucht wird zur Speise undlihr Laub zur Heilung dienen." Die Symbole des Geistes und des Herzens sind auf dem Gemälde durch zwei Gestalten zum Ausdruck gebracht, welche an beiden Ufern des Stromes im Verein mit anderen Frauengestalten gruppirt sind; diese stellen die besonderen Charaktereigenschaften des jüdischen Stammes symbolisch dar, nämlich die Mäßigkeit, „Armuth und Reichthum gieb mir nicht, laß mich verzehren mein tägliches^Brod"; die Zähigkeit, „du weitest meine Schritte unter mir, daß meine Knöchel nicht gleiten"; die Arbeit, „am Morgen säe deine Saat aus und am Abend laß deine Hand nicht ruhen". Der Mäßigkeit zur Seite stehen liebliche Gestalten, welche die Vorzüge des Familienlebens, die Wohlthätigkeit und die Vaterlandsliebe symbolisiren, während um die Arbeit und die Zähigkeit sich schaaren der Handel, die Jndmstrie, die schöneil Künste, die Medizin, die Chirurgie, die Mathematik und die Astronomie. Im Vordergründe des Gemäldes steht die eigentlich prophetische Erscheinung, ein schönes, junges Weib in rothem Sammetkleid mit einem breiten Gürtel: die Tochter Israels, charakterisirl durch die Verheißung des Propheten: „Und es wird bekaimt unter den Völkern ihr Geschlecht und in Mitten der Nationen ihre Sprößlinge, und Alle, die sie sehen, werden erkennen, daß sie ein Geschlecht sind, gesegnet von Gott!" Von zwei Eugeln mit den zehn Geboten gefolgt, schreitet sie, die Tochter Israels, indem sie durch wilde Thiere und Schlangen sich Bahn bricht und das Gift, das vor ihr auf dem Wege liegt, vernichtet, ihrem Ziele, dem Fortschritt und dem Friede», muthig entgegen. Eng an den Fortschritt und den Frieden schließen sich Gestalten, welche die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Brüderlichkeit darstellen, denn „Liebe und Wahrheit werden sich begegnen, Gerechtigkeit und Frieden werden sich küssen." , Dieses die groß angelegte und trefflich ausgeführte Komposition des Bildes, das, trotz der Ausdehnung und Mannigfaltigkeit, ein harmonisches Ganzes bildet und einen wohlthuenden Eindruck macht; gegen dreißig in voller Größe behandelte Schönheiten werden in tadelloser Ausführung dargestellt; der Künstler scheint absichtlich vermieden zu haben, seinen Gestalten orientalischen Typus ju geben, was bei anderen Gemälden, die alttestamentliche Objekte zur Darstellung bringen, so häufig der Fall ist. Das ganze Gemälde zeigt uns das große Können des Meisters, seine Gewandtheit im Pinselführen und seine Begeisterung für das Judenthum. Budapest, 4. Februar. Litterarische MittheUungen. Dr. S. Maybaum: Hagada für den häuslichen Gottesdienst an den Vorabenden des Pessachfestes. Berlin 1893- B. Weisstock. Ein sehr dankenswerthes Unternehmen, hauptsächlich im konservativen /Interesse, diese neue deutsche Hagada. Sie will nämlich nicht die gute, alte Hagada verdrängen, was ja durch den unveränderten Abdruck der hebräischen klar bewiesen ist, sondern sie will nur dort, wo man an den alten, krausen Legenden, Geschichten und Gedichten keinen Gefallen mehr findet, etwas Neues, den veränderten Verhältnissen Entsprechendes, bieten- 'Mit einem Worte: sie will die Poesie des Seder-Abends den nachfolgenden Geschlechtern erhalten. Eine aufmerksame Prüfung dieser neuen Bearbeitung muß zu dem Resultat führen, daß das kühne Unternehmen ein wohlgelungenes und entschieden aussichtsvolles ist. Es galt, den brauchbaren Kern der alten Hagada in einer, „unserem Geschmacke und unserer Gesinnung entsprechenden Einkleidung" darzubieten. Dies hat Dr. M. in sehr geschickter und taktvoller Weise gethan. Seine deutsche Hagada beginnt mit dem Kiddusch, dann folgt das Keho-Lachmo, das Ma-nischtano, hierauf die Erzählung von dem Auszug aus Aegypten in freier Weise (die „vier Söhne" sind leider weggeblieben), der Preis des Herrn für die Erlösung aus jeder Gefahr, der Spruch des Rabban Gamliel über Pessach, Mazza und Maror, die Psalmen 113 und 114 und der Segensspruch über den Wein. Nach dem Festmahl folgt ein kurzes Tischgebet, dann die Psalmen 115, 116, 117, 118. Hierauf die Lieder Addir hu und Wajhi bechazi halajla in ganz freier Nachdichtung, und dann noch einmal ein Segensspruch. Das Alles ist in würdiger und guter Darstellung, aus dem Geiste der Hagada heraus und im Geiste der neuen Zeit wiedergegeben. Kein Jude, und wäre er noch so frei, kann an dieser Darstellung irgend welchen Anstoß nehmen; dagegen können wir uns sehr wohl sogar konservative Elemente denken, die sich um des nachwachsenden Geschlechtes willen, und um wenigstens den guten Kern der Sache zu retten, mit dieser Hagada aufrichtig befreunden