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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-06 · Heft 14 (6.4.1894) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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166 digern findet. . . Warum diese unschöne Linie um den Mund fich gerade bei den Repräsentanten dieser beiden so verschiedenen Bernfsarten findet, mag der Physiologe ergründen. Rachel betrachtete ihn mehr, als sie ihm zuhörte. Sie fand Ts merkwürdig von dem Pastor, daß er auf eine unfeine Weise, ohne je Veranlassung von ihrer Seite, jede Gelegenheit benutzte, sie an ihren besonderen Glauben zu erinnern. Daß sie in seinen Gedanken ein verlorenes Schaf sei, hatte sie nie bezweifelt. „Ist es indiskret, Sie zu fragen, Fräulein, ob einige Ihrer Freundinnen in Kopenhagen unserer christlichen Gemeinde angehören? Sie sah ihn flüchtig an, bevor sie antwortete: : „Ich habe einige Freundinnen, welche sich offiziell zum Christenthum bekennen — sie find übrigens sehr indifferent — doch diese Freundinnen erörtern niemals Glaubenssachen mit mir. Sie sind alle gebildet und taktvoll." 1 Der Pastor räusperte sich und fuhr sich mit der Hand über das Kinn. Tante Rebekka, die in einiger Entfernung saß, lachte ohne äußeren Grund plötzlich laut. Die Kammerherrin sandte ihr von ihrem Platz einen strafenden Blick. ■„ Am nächsten Tage hatte die Kammerherrin eine ernsthafte Unterhaltung mit Rachel. Wenn es wirklich ihre Absicht war, Rachel zü beleidigen und den ersten scheuen Gedanken an die Unmöglichkeit ihrer Verbindung mit Holger zu wecken, so gelang ihr dies über all« Maßen. Sie gab Rachel schließlich zu verstehen, daß von vornherein ihr Uebertritt zum Christenthum als die Bedingung betrachtet, unter welcher sie in die uralte, vornehme Familie derer von Brock aufgenomnM werden könne. > Niemals war Holzers Mutter ihr so antipathisch gewesen, wie bei dieser Scene. Sie bekam beinahe ein Gefühl des Hasses gegen die kleine geschminkte Frau mit den blauen Porzellanaugen. Sie ging auf ihr Zimmer und schloß sich ein. Nicht einmal die Tante durfte herein. — Sie hatte der Kammerherrin keine Antwort gegeben. Jetzt grübelte sie — verweint, gedemüthigt, voll innerer Pein, während der warme, strahlende Sommertag lockte — sie grübelte und grübelte, aber sie fand keinen Ausweg. . . Weshalb war ste nur von jüdischer Geburt? — Rachel Varnhagen hatte gesagt, es war ein Unglück, ein großes Unglück. -i- Eine Ausnahme in der Welt zu sein, wurde immer mehr oder weniger ein Martyrium. Sie erinnerte sich jetzt dessen, was ihr Tante Rebekka gesagt hatte, als Baron L. sie verließ: „Weshalb hältst Du Dich nicht zu Deiner eigenen Rasse, Kind, warum läßt Du Dich von diesen fremden, blonden Männern bethören? Eine Jüdin und ein Christ passen nicht zusammen — sie sind wie Feuer und Waffer." — Aber Holger liebte sie, das war die Hauptsache — und sie liebte ihn. „Der Taufzettel ist das Entreebillet zur europäischen Kultur," sagt Heine. Sie gedachte mit Trauer dieser Worte. . . Aber hatte Heine Recht? Sie meinte, nein. Je aufgeklärter und toleranter die Zeit wird, — lind unsere Zeit ist ja ziemlich weit vorgeschritten — desto weniger fragt man nach den religiösen Meinungen seiner Mitmenschen, die keineswegs der Schlüssel zur gesellschaftlichen Kultur sind. Was die Menschen glauben oder nicht glauben, ist eine Privatsache, welche Andere gar nicht kümmert. Der Glaube hat gar nichts mit unserem öffentlichen Menschen- und Bürgerwerth zu thun. Heine ging allerdings ja selbst mit einem Bonmot auf den ironischen Lippen zum Christenthum über, aber was bewies das? Daß ein großer Dichter auch ein kleinlicher, berechnender Mensch sein kann, weiter nichts. Heine hatte keinen Charakter. (Fortsetzung folgt.) Gin Fruhlingsnusftug. Von M. Friedeberg. em von Herrn Justizrath Makower begründeten und nunmehr unter Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde stehenden „Erziehungshause" hat sich vor zwei Jahren ein von der „Gesellschaft zur Beförderung des Handwerks unter den Juden" gestiftetes „Lehrlingsheim" in Pankow zugesellt. Daffelbe befindet sich in der Mühlenstraße Nr. 1. Wenige Häuser davon tritt jetzt ein drittes jüdisch-soziales Wohlthätigkeitswerk in Wirksamkeit, ein ähnliches auf die Ausbildung von Mädchen berechnetes Unternehmen. Es ist von Herrn Justizrath Makower ein schönes Grundstück angekauft worden, und die jüngste Repräsentantenversammlung hat zuin Betriebe einen Jahreszuschuß von 3000 M. bewilligt. Gerade der gegenwärtige Zeitpunkt erscheint zur Begründung solcher humanitären Anstalten sehr geeignet, und auch die Wahl des Vororts Pankow wird Jeder als eine sehr glückliche bezeichnen müffen, der die gedeihliche Wirksamkeit der beiden früher dort begründeten Stiftungen kennen gelernt hat. Ein Ausflug zur Besichtigung der beiden Anstalten, zu denen der Zutritt gern gestattet wird, sei Jedem sich für diese Werke „praktischen Judenthums" interessirenden Gemeindemitgliede empfohlen. Die freundlichen Vorgärten und Turnplätze, auf denen sich die zum Theil den Armen des Elends entrissenen und für ehrliches Streben hier erzogenen Knaben tummeln, gewähren einen herzerquickenden Anblick und zeigen auch dem flüchtigen Besucher den Unterschied zwischen „Einst" und „Jetzt" in der praktischen Ausübung von „Oemiilus Lkassoäim", wobei die beiden anderen Grundpfeiler „Thora" und „Awoda" auch nicht vernachlässigt werden. Hierfür sorgen die pädagogisch gebildeten Leiter dieser Anstalten und die aus den angesehensten Mitgliedern der Gemeinde bestehenden Kuratorien. Diese Männer widmen einen großen Theil ihrer freien Zeit dem Besuch der zur moralischen Hebung des jüdischen Handwerkerstandes begründeten Anstalten. In frühere» Zeiten mag es zuweilen ausgereicht haben, einzig und allein durch günstigere Gestaltung der materiellen Lage der Zöglinge diesen den Weg zu ebnen, um einen tüchtigen und arbeitsamen Gesellen aus ihm zu machen. Aber mit der Entwickelung des großstädtischen Lebens und dem Zuzug vieler Glaubensgenossen aus kleinen Städten veränderte sich die Lage. Die verschiedenartigen Lebensverhältnisse mit ihren Auswüchsen machten auch eine Kontrole über den regelmäßigen und pünktlichen Besuch der Werkstätte und der Fortbildungsschule nothwendig. Die Leiter der jetzt in Wirksamkeit stehenden Erziehungsanstalten gingen noch einen Schritt weiter, sie nahmen den Kampf auf gegen den nicht immer in moralischen Bahnen sich bewegenden Verkehr in der Werkstatt, indem sie die Lehrlinge den in mancher Beziehung verderblichen Strömungen des großstädtischen Lebens überhaupt entziehen. Denn das Verhältniß des Lehrlings zum Meister ist in der Großstadt ein anderes als sonst, wo derselbe im Hause des Lehrherrn Kost und Wohnung hatte und auch wenigstens theilweise unter einer gewiflen Aufsicht stand. Welch verderbenbringenden Einfluß dagegen das heutige Schlafstellenwesen in der Millionenstadt ausübt, ist aus so mancher Gerichtsverhandlung bekannt. Günstigstenfalls wurde der auf sich selbst angewiesene Lehrling, ein geschickter Handwerker, verwahrloste aber oft in geistiger und sittlicher Beziehung. Hier tritt nun die erziehliche Wirksamkeit jmer Stiftungen in die Schranken, die den Knaben — es sind oft Waisen, die früh die schützende Elternhand verloren — das Elternhaus ersetzen soll. Wie in einer wohlgesitteten Familie Freude und Leid, Arbeit und Erholung als einigendes Band alle

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