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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-06 · Heft 14 (6.4.1894) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 nuf, als sonst.— Es war übrigens ein merkwürdiges Lied, welches Sie gestern Abend sangen. Es will mir gär nicht wieder aus dem Kopfe." Sie sah ihn flüchtig an. Er sah wirklich angegriffen aus. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und sein Blick war müde und fieberglänzend. „Ist die Bibel Ihre Lieblingslektüre?" fragte sie, den Maiglöckchenstrauß vor ihrer Brust fester steckend. „Ja", antwortete er, indem er trotzig die Brauen zusammenzog. „Die Bibel und Shakespeare! Alles Uebrige mag ich nicht lesen". „Die armen modernen Schriftsteller! Es thut mir leid um sie." Er sah sie halb feindselig an, ohne etwas zu sagen. „Ich bin in hren Augen lächerlich," durchfuhr es ihn wie ein Stich, „sie behandelt mich, als wäre ich ein Schulknabe." „So kann man seinem Nächsten Unrecht thun, ohne es zu wissen," sagte Rachel mit einem Anfluge von Ironie. „Ich bildete mir immer ein, wenn Sie mal ein Buch in die Hand nehmen, so wäre es ein französischer Roman — einer von der pikanten Sorte." Schweigen von seiner Seite. Er sah auf den Boden, sein junges, frisches Gesicht bekam einen so schwermüthig ernsten Ausdruck, daß es, wie ein Gemälde bei vortheilhafter Beleuchtung, einen neuen edlen Charakter annahm. „Ja, wir Menschen thun uns einander oft Unrecht, wir gehen wie Fremde an einander vorüber, ohne das bessere Ich unserer Mitmenschen zu verstehen. — Das ist das Traurige bei unserem Dasein, daß jede einzelne Seele, trotz aller Frelinde, im Innersten so einsam und arm ist wie ein kleiner Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Er kann wohl schreien, jammern und mit den Flügeln schlagen, aber er bleibt doch hilflos am Wege liegen, wenn sich nicht ein barmherziger Fuß über ihn erbarmt und ihn tobt tritt." Rachel lächelte nicht länger... . „Sie sind ja an diesem schönen Morgen ein vollständiger Pessimist, — aber das kommt von Ihrer Schlaflosigkeit." „Oder von allerlei Gedanken." — Er sah sie scheu an, indem er in der Bibel blätterte. „Apropos, kennen Sie das Hohelied Salomonis?" „Ja." - „Ist es nicht großartig, tief und schön in seinem Bilderreichthum, glühend wie Wein, duftend wie Wohlgerüche, mystisch wie geschlossene Gärten, berauschend wie Nardus und Calmus, Myrrhen und Aloe, die so oft darin genannt werden? Die ganze glühende Erotik des heißen weingartenreichen Morgenlandes flammt und zittert in diesen leidenschaftlichen Wersen... Soll ich sie Ihnen vorlesen?" Rachel nickte stumm. Sie setzte sich nicht, wozu er sie mit einer Handbewegung einlud, sondern blieb im Eingang der Laube stehen. „Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm; denn die Liebe ist stark wie der Tod, Zorn ist hart wie das Todtenreich, seine Gluthen sind glühende Kohlen, eine Flamme des Herrn." Seine Stimme zitterte und versagte ihm, während sein Blick über dem Buche den ihren suchte. „Viele Wasser können die Liebe nicht löschen," las er weiter; „Ströme können sie nicht wcgspülen. Wollte Einer all sein Hab und Gut hingeben für Liebe, würde man ihn doch verachten." Er konnte nicht weiter, die thränenerstickte Stimme versagte ihm; sein Mund zuckte schmerzlich, während er verzweifelt das Buch auf den Tisch warf. Rachel erbleichte... Es würde ihr, selbst wenn nicht seine Augen und seine Stimme ihn verrathen hätten, doch klar geworden sein, daß Salomos uraltes Lied auf seinen Lippen aufs Neue geboren wurde und als Dolmetscher seiner eigenen Liebe zu ihr diente. . . . Sie war die Snlamith, die er anbetete und welcher er Alles opfern wollte. „Jetzt muß ich gehen," sagte sie plötzlich, als ihre Blicke sich stumm begegneten. „Weshalb? — Bleiben Sie doch!" bat er demüthig, indem er eine Geberde machte, als wollte er ihre Hand ergreifen. „Tante erwartet mich in der Veranda. Leben Sie wohl." Er stellte sich ihr in den Weg. „Nur ein Wort, Fräulein Rachel!" — Es war das erste Mal, daß er sie beim Vornamen nannte. „Diese glückliche Gelegenheit, allein mit Ihnen zu sprechen, bietet sich mir vielleicht nie wieder. Ich muß sie deshalb benutzen, ich muß cs. . . . Sagen Sie mir," fragte er mit dringendem Ton, indem er ihr forschend ins Gesicht sah, „habe ich Sie beleidigt? Habe ich Sie, gegen meinen Willen, auf irgend eine Art gekränkt?" „Nein, wie kommen Sie darauf?" „Weil Sie oft, besonders in der ersten Zeit hier auf Rosengaard so unfreundlich gegen mich waren, Sie, die Sie sonst so gut sind, daß Sie keiner Fliege etwas zu Leide thun könnten. ... Ich war früher so unbesonnen in meinem Urtheil, so vorurtheilsvoll — cs giebt leider Menschen, welche gern Klatscherei machen und Freunde entzweien. — Ein einziges kleines Wort genügt oft schon." „Ich verstehe Sie gar nicht, Herr Thambs." „Die Sache ist nämlich — um die Wahrheit zu sagen — ich machte einmal einige scharfe Aeußerungen über — über Ihre Nation — jetzt ist es heraus — Phrasen, die ich in Berlin aufgefangen hatte und hier nachplapperte. Ich war ein rechter Dummkopf. ... Ja, Sie haben ein Recht, mich zu verachten — ich verdiene es nicht besser. — Jetzt dagegen — o, wenn Sie wüßten, wie ich mich geändert habe! — Es kommt davon, daß ich so viel im alten Testament lese. Die Geschichte Ihres Volks — der Israeliten — rührt mich bis ins Herz hinein. — Das ist das adelige Volk, welches-" Rachel brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. Das thörichte Bekenntniß des Künstlers war weit davon entfert, sie milder zu stimmen, sondern machte sie ihm gegenüber von einer noch kälteren Zurückhaltung. Mit einer Kopfbewegung wie eine Fürstin, die einen Unterthan verabschiedet, verließ sie ihn und ging schnell nach dem Wohnhause. Holger kam einen Augenblick später von der anderen Seite durch den Garten. Er war auf dem Felde gewesen, um nach den Arbeitern zu sehen. Er trug eine kurze graue Jagdjoppe und hatte eine kleine Meerschaumpfeife im Munde. Mit dem Phlegma des Glücklichen blies er Rauchwolken in die klare Morgenluft. Anders, der aufgesprungen und aus der Laube geeilt war, um Rachel noch einmal zurückzurufen, kehrte schnell auf seinen Platz zurück. Er fühlte durchaus keine Neigung, den Vetter zu begrüßen, dessen zufriedene Miene ihn beinahe beleidigte. In der letzten Zeit hielt er nicht mehr so viel von seinem Vetter wie früher, er fühlte sogar einen gewissen Unwillen gegen ihn, über den er sich selbst keine Rechenschaft ablegte. Hätte man ihm gesagt, daß es Eifersucht, glühende Eifersucht gewesen wäre, würde er wahrscheinlich höchst erstaunt gewesen sein. VIII. Pastor Sanft war zu Mittag in Rosengaard gewesen. Nach Tisch unterhielt er sich am meisten mit Rachel. Sein hübsches, bartloses, wohlrasirtes Gesicht hatte um den Mund diesen stereotypen, grimassenhaften Zug, den man bei älteren Schauspielern und Premam

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